Zehn Jahre sind seit dem letzten Studioalbum vergangen – eine ungewöhnlich lange Zeit selbst für eine Band, die längst niemandem mehr etwas beweisen muss.
Mit ihrem neusten Werk „Cursum Perficio“ melden sich Anthrax nun mit ihrem zwölften Studioalbum zurück. Und statt die eigene Vergangenheit lediglich zu verwalten, klingt die New Yorker Metal-Institution erstaunlich angriffslustig. 45 Jahre Bandgeschichte sind hier weniger Bürde als Fundament für ein Album, das Erfahrung und ungebremste Energie miteinander verbindet.
Schon der lateinische Titel, der sinngemäß für das Vollenden einer Reise steht, verleiht „Cursum Perficio“ eine gewisse Endgültigkeit. Als Abschied sollte man die Platte deshalb allerdings nicht verstehen. Vielmehr wirkt sie wie das bewusste Ziehen einer Zwischenbilanz: Anthrax wissen sehr genau, woher sie kommen, welche musikalischen Eigenschaften sie über Jahrzehnte geprägt haben und welche davon auch heute noch funktionieren. Daraus entsteht ein Album, das seine Vergangenheit nicht verleugnet, sich von ihr aber ebenso wenig vollständig bestimmen lässt.
Musikalisch zeigt sich die Band in bemerkenswert vitaler Verfassung. „Cursum Perficio“ lebt von der charakteristischen Verbindung aus Thrash Metal, klassischem Heavy Metal und jener melodischen Direktheit, die Anthrax seit Jahrzehnten von vielen ihrer Zeitgenoss*innen unterscheidet. Die Gitarrenarbeit ist wuchtig und druckvoll, das Schlagzeug treibt mit enormer Konsequenz nach vorne und der Bass sorgt für die nötige zusätzliche Wucht im Fundament. Darüber steht Joey Belladonnas markante Stimme, die der Platte auch in ihren aggressiveren Momenten eine ausgeprägte melodische Ebene verleiht.
Dabei versuchen Anthrax nicht krampfhaft, wie eine junge Thrash-Band zu klingen. Genau darin liegt eine der größten Stärken des Albums. „Cursum Perficio“ transportiert die Energie der frühen Jahre, ohne daraus eine nostalgische Kopie machen zu wollen. Die jahrzehntelange Erfahrung ist deutlich hörbar: Alles wirkt genau durchdacht, Übergänge sitzen und die unterschiedlichen Facetten des Bandsounds greifen selbstverständlich ineinander. Gleichzeitig bleibt genügend Unmittelbarkeit erhalten, damit die Platte nicht überproduziert oder zu kontrolliert erscheint.
Interessant ist vor allem, wie geschlossen das Album trotz seiner unterschiedlichen Stimmungen funktioniert. Nach zehn Jahren hätte durchaus die Gefahr bestanden, möglichst viele Ideen auf einem einzigen Album unterbringen zu wollen. Stattdessen wirkt das Material sehr gesichert, Härte und Melodie stehen nicht gegeneinander, sondern ergänzen sich. Die Band bewegt sich souverän zwischen aggressiven Passagen, großen melodischen Momenten und einer unterschwelligen Spannung, die sich durch weite Teile der Platte zieht.
Besonders überzeugend ist deshalb die Haltung, mit der Anthrax dieses Kapitel ihrer Karriere angehen. Nach mehr als vier Jahrzehnten wäre es einfach, ausschließlich Erwartungen zu bedienen und sich auf dem eigenen Status innerhalb der Thrash-Metal-Geschichte auszuruhen. „Cursum Perficio“ vermittelt jedoch genau das Gegenteil. Die Band klingt hungrig, spielfreudig und stellenweise erstaunlich wütend. Dass dabei immer wieder die eigene musikalische Vergangenheit durchscheint, fühlt sich nicht nach Selbstkopie an, sondern nach einer bewussten Rückbesinnung auf die Qualitäten, die Anthrax überhaupt erst zu einer der prägenden Bands ihres Genres gemacht haben.
Das Album ist deshalb nicht einfach das lange erwartete nächste Anthrax-Album. Es ist eine selbstbewusste Standortbestimmung einer Band, die ihre eigene Geschichte hörbar respektiert, ohne sich von ihr einschränken zu lassen. Kraftvoll, melodisch, aggressiv und erstaunlich lebendig beweisen Anthrax, dass zwischen Veteran*innenstatus und musikalischem Hunger kein Widerspruch bestehen muss.
Nach zehn Jahren Wartezeit liefern sie ein Album, das Vergangenheit und Gegenwart überzeugend miteinander verbindet – und vor allem deutlich mehr nach Aufbruch als nach Ende klingt.
Fotocredit: Albumcover / Artwork