Am 18. September 2026 schenkt die Musikwelt der deutschsprachigen Rocklandschaft ein Werk voller doppelter Böden: Mit „Klepto“ legt die 1993 im westfälischen Rheine gegründete Formation Muff Potter ihr mittlerweile neustes Studioalbum vor. Seit ihren prägenden Anfängen an der Schnittstelle von Deutschpunk, Indierock und Alternative – von der Band einst selbst treffend als „Angry Pop Music“ getauft – haben sich Muff Potter kontinuierlich weiterentwickelt. Nach großen Meilensteinen wie „Bordsteinkantengeschichten“ (2000), „Heute wird gewonnen, bitte“ (2003) und dem Major-Erfolg „Von Wegen“ (2005) folgte Ende 2009 die vorläufige Auflösung. Dass die Reunion von 2018 und das phänomenale Chart-Album „Bei aller Liebe“ (2022) keine einmalige Retrowelle waren, beweist „Klepto“ nun auf eindrucksvolle Weise.
Auftakt & Dynamik: Von Anpassungsdruck bis Fluchtinstinkt
Der Einstieg in das Album gelingt Muff Potter mit dem Opener „Taliban of the Week“ nach Maß. Das Stück baut sich atmosphärisch über einem ansteckenden Schlagzeugrhythmus und einer eingängigen Gitarrenmelodie auf. Sobald der prägnante Gesang von Sänger Thorsten Nagelschmidt einsetzt, entsteht eine unterschwellige Spannung, die sich im Refrain kraftvoll entlädt und sich sofort im Gehörgang festsetzt. Mit schwarzem Humor und analytischer Schärfe zerlegt der Text die Widersprüche der Gegenwart zwischen Anpassungsdruck und dem Zwang zur Individualität. Nach einer weiteren Strophe und einem fulminanten Gitarrenteppich lässt ein längeres Instrumental-Outro die Nummer langsam auslaufen und schürt große Lust auf den Rest des Albums.
Daran schließt sich „Rückflug aus Montana“ an. Der Song bewegt sich elegant zwischen rauen Wurzeln, Indierock und leichten psychedelischen Elementen. Durch den hellen, ungewöhnlichen Gitarrenklang, einen tanzbaren Groove und die zurückhaltende Gesangsperformance wirkt die Nummer zunächst lässig, entwickelt aber eine faszinierende Dynamik. Inhaltlich fungiert Montana als Chiffre für Sehnsuchtsorte, während der konkrete Rückflug nach Düsseldorf beziehungsweise Lützerath den Übergang von Flucht und Sehnsucht zurück in die gesellschaftliche Realität vollzieht.
Herzstücke & Höhepunkte: Beziehungsballast und harmonische Grenzgänge
Einen stilistischen Kontrast bietet „Hast du den Müll schon rausgebracht“, wo spritziger Gitarrenpop auf eine melancholische Broken-Heart-Thematik trifft. Zackige Drums, ineinandergreifende Bass- und Gitarrenlinien, sanfte Chöre und ein psychedelischer Flanger-Effekt bilden das Gerüst für die Verarbeitung einer schmerzhaften Trennung. Die banale Alltagsfrage nach dem Müll wird hier zum Symbol für den Versuch, das eigene Leben aufzuräumen. Doch auch wenn man die Wohnung verändert, bleiben emotionale Verletzungen bestehen; ein trocken-humorvoller und versöhnlicher Ton bewahrt das Stück vor der puren Resignation.
Als absolutes Höhepunkt und längster Track entpuppt sich das 6:34 Minuten lange „Ein starkes Stück“. Experimentell mit tiefem Bass, atmosphärischen Gitarren und Theremin-Klängen beginnend, zieht der dichte Soundteppich die Zuhörerschaft sofort in seinen Bann. Zur Mitte vollziehen Muff Potter das meisterhafte Kernprinzip des Albums: Das Stück wechselt fast unbemerkt von E-Dur zu E-Moll, um schließlich in einem imposanten Showdown zwischen beiden Tonarten zu oszillieren. Dieser harmonische Bruch mündet in eine überaus intensive Klanglandschaft, die sich treibend und fast euphorisch entlädt.
Melancholie & Post-Punk-Galopp: Nachtgedanken und Spätkapitalismus
Die zweite Hälfte der Platte eröffnet „Und die Nacht brach still herein“, eine atmosphärische Nummer mit treibendem Rhythmus und hohem Ohrwurm-Potenzial. Die emotionale Tiefe der Lyrics wird vom Instrumental meisterhaft getragen und gipfelt kurz vor Schluss in einem besonders melancholischen Gesangspart. Direkt im Anschluss folgt mit „Engelstränen im Abendlicht“ ein knapp zweieinhalbminütiger Post-Punk-Galopp. Drahtige, kantige Gitarren und präzise Snarewirbel treffen auf bissigen Sarkasmus: „BMI, BIP – was euch geil macht, tut mir weh“ bringt die Kritik an Verwertungslogik, Spätkapitalismus und gesellschaftlicher Kälte kompromisslos auf den Punkt.
Vielfalt & Versöhnung
Ruhigere, hoffnungsvollere Klangräume erschließt daraufhin „Hinter den Bergen, am Rande der Welt“. Ein unaufhaltsam treibender Rhythmus, eine wunderschöne Melodie und die warme Gesangsstimme von Thorsten Nagelschmidt umarmen die Zuhörerschaft förmlich. Gastmusiker Lambert bereichert den Song zusätzlich mit seinem Gesang, ehe das Stück nach einem ausgedehnten Instrumentalteil sanft ausklingt.
Mit „Freaks & Geeks & Spinner“ drehen Muff Potter das Tempo wieder extrem auf. Atemloser Sprechgesang über tiefen Gitarren hält die Schlagzahl hoch, während sich der Song in einen hymnischen Refrain öffnet. Es ist eine vielschichtige Verbeugung vor allen, die nicht ins Raster passen, bei der Zitate von Reinhard Mey bis Nina Simone miteinander in Schwingung geraten. Die mahnende Zeile „Das ist die Welt, die du dir gebaut hast, jetzt musst du darin leben“ brennt sich gegen Ende wie ein Mantra ein, ehe der Song abrupt stoppt.
Den regulären Albumabschluss bildet schließlich „So wie’s jetzt ist, wird’s nicht für immer sein“. Ansteckende Melodien, eine wunderschöne Gesangslinie und atmosphärische Gitarren bündeln noch einmal alle Strenge der Band zu einem perfekten Live-Anwärter. Gegen Ende lichtet sich der dichte Sound und hinterlässt nur eine dezente Gitarre sowie ergreifenden Gesang – der bestmögliche Schlussakkord.
Das Vinyl-Spezial
Das Universum der Platte wird zudem durch die physische Limited Edition auf einer exklusiven 7-Inch erweitert. Die A-Seite „Die Playlist läuft“ funktioniert als rasanter, gut zweiminütiger Kommentar mit druckvollem Drum-Rhythmus auf den schwindenden Platz für Abweichungen in der Gegenwart. Die B-Seite „Königsesch“ erweist sich schließlich als das persönlichste Stück im gesamten Album-Kosmos. Benannt nach dem Friedhof des im März 2025 verstorbenen ehemaligen Gitarristen Dennis Scheider, entfaltet sich über fünfeinhalb Minuten eine tief berührende Auseinandersetzung mit Verlust und Erinnerung. Ein echtes O-Ton-Sample, in dem Scheider herumalbert, lässt die Grenzen zwischen Trauer, Leichtigkeit und Nähe am Ende bewegend verschwimmen.
Fazit
„Klepto“ ist ein Album, das sich der komplexen Gegenwart stellt, ohne sich ihren Zwängen zu unterwerfen. Muff Potter gelingt das Kunststück, postmoderne Zitatkunst, tiefgreifende Gesellschaftskritik und mitreißende Melodien so zu verbinden, dass jede Faser lebendig wirkt. Die Platte ist gleichzeitig ernst und leicht, zugänglich und vielschichtig. Sie findet ihre überragende Stärke gerade in den Spannungen, die sie nicht gewaltsam auflöst, sondern als mitreißende Klangkunst hörbar macht. Ein absolutes Highlight des Musikjahres 2026!
Muff Potter – Klepto Release Shows:
18.09.2026 – Düsseldorf, Ratinger Hof
19.09.2026 – Hamburg, Knust
Muff Potter – Klepto Tour 2026:
11.11.2026 – Leipzig, Conne Island
12.11.2026 – München, Strom
13.11.2026 – Darmstadt, Centralstation
14.11.2026 – Dortmund, FZW
18.11.2026 – Bremen, Schlachthof
19.11.2026 – Köln, Kantine
20.11.2026 – Münster, Sputnikhalle
21.11.2026 – Hamburg, Uebel & Gefährlich
26.11.2026 – Erlangen, E-Werk
27.11.2026 – Wien, Flucc
28.11.2026 – Berlin, Festsaal Kreuzberg
Fotocredit: Albumcover / Artwork