Manchmal fragt man sich schon, was eigentlich noch passieren muss. Sabrina Teitelbaum veröffentlicht seit 2023 unter dem Namen Blondshell eine gute Platte nach der anderen, schreibt Songs, die irgendwo zwischen Alternative Rock, Grunge und Indie-Pop ziemlich selbstverständlich die Neunziger ins Hier und Jetzt holen, und besitzt obendrein ein geradezu unverschämtes Gespür für große Melodien. Trotzdem scheint Blondshell zumindest in Deutschland noch immer weitgehend unter dem Radar zu fliegen. Vielleicht ändert sich das ja mit „Violins“. Verdient wäre es allemal.
Dabei hat Teitelbaum gerade erst im vergangenen Jahr mit „If You Asked For A Picture“ ihr zweites Album veröffentlicht. Nun folgt bereits Nummer drei und damit eine Platte, die weniger nach Schnellschuss als nach einer Künstlerin klingt, die gerade ziemlich genau weiß, was sie will. Produzent Yves Rothman sitzt erneut an ihrer Seite, Beatriz Artola hat abgemischt und Emily Lazar das Mastering übernommen. Das mag nach Informationen für Menschen klingen, die Plattencover gerne bis ins Kleingedruckte studieren, ist in diesem Fall aber durchaus erwähnenswert. Denn „Violins“ klingt schlicht fantastisch.
Die Gitarren dürfen riesengroß werden, während die Drums mit Wucht nach vorne marschieren. Dazwischen bleibt immer genügend Raum für Teitelbaums Stimme. „Violins“ klingt groß, ohne aufgeblasen zu wirken. Die Dynamik zwischen den ruhigeren Momenten und jenen Refrains, die plötzlich sämtliche Türen aufstoßen, ist hervorragend produziert.
Der Titelsong macht das gleich zu Beginn deutlich. Akustische Gitarren treffen auf Verzerrung, Zurückhaltung auf plötzlich hereinbrechende Wucht. Dass „Violins“ dabei ziemlich offensichtlich mit „violence“ spielt, ist mehr als eine nette sprachliche Idee. Das gesamte Album bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Und dann kommt bereits „Heart Has To Work So Hard“. Viel hat sich an meinem Urteil seit Erscheinen des Songs nicht geändert: Das ist immer noch einer der besten Songs des Jahres. Ein Song, der gleichzeitig kantig und eingängig sein kann und ziemlich gut erklärt, warum Blondshell momentan zu den spannendsten Gitarrenacts gehört.
Weitere Fixpunkte finden sich mit „Lucky“, „Two Fried“ oder „New Age Trojan Horse“, welche allesamt von wunderbaren Melodien getragen und zusammengehalten werden. Blondshell können sich Gang Of Four, Teenage Fanclub, The Go-Betweens oder sogar Sade als Referenzpunkte nehmen, ohne anschließend wie eine zusammengebaute Playlist der eigenen Plattensammlung zu klingen. Natürlich sind die Neunziger weiterhin allgegenwärtig. Aber Teitelbaum betreibt keine musikalische Wiederaufführung einer Zeit, die sie selbst ohnehin kaum bewusst erlebt haben dürfte. Sie nimmt deren Dynamik und Gitarren und macht daraus etwas Eigenes. Selbst wenn „Sea Legs“ das Tempo herausnimmt oder sich die Platte zum Ende hin etwas weiter öffnet, verliert „Violins“ kaum an Spannung.
Warum Sabrina Teitelbaum hierzulande noch immer nicht deutlich größere Kreise zieht, kann ich nach diesem Album noch weniger nachvollziehen als vorher. Vielleicht fehlt nur dieser eine Song, der plötzlich überall auftaucht. Vielleicht dauert es einfach noch ein bisschen. An der Qualität kann es jedenfalls kaum liegen. „Violins“ ist nicht nur ein weiteres sehr gutes Blondshell-Album. Es ist eine dieser Gitarrenplatten, bei denen man nach elf Songs eigentlich nur eine Frage hat: Warum hören das nicht längst viel mehr Menschen?
Fotocredit: Albumcover / Artwork