Wer Fat Dog schon einmal live erlebt hat, weiß, wie schwer sich die Energie dieser Band eigentlich auf einem Album einfangen lässt.
Erst vergangene Woche konnten wir uns beim Reeperbahn Festival gleich zweimal davon überzeugen: zunächst bei ihrem kleinen, herrlich wilden Auftritt auf dem N-JOY Reeperbus und später bei der Headlinershow im Docks. Dabei wurde nicht nur deutlich, was für eine Wucht diese Band auf der Bühne entwickelt – auch das neue Material funktioniert live bereits hervorragend. Umso spannender ist die Frage, ob „Cancel Me (I’m Tired)“ diese Intensität auch auf Platte transportieren kann.
Die Antwort fällt ziemlich eindeutig aus: Fat Dog sind auf ihrem zweiten Album mindestens genauso unberechenbar wie zuvor, haben ihren musikalischen Kosmos aber erheblich erweitert. Statt einfach die Eskalation ihres Debüts „WOOF.“ zu wiederholen, wirkt das neue Werk vielseitiger, mutiger und überraschender. Punk, elektronische Musik, Rave, Rock, psychedelische Elemente und völlig unerwartete stilistische Ausflüge prallen aufeinander, ohne dass daraus ein zusammenhangloses Durcheinander entsteht.
Gerade diese kontrollierte Unordnung macht „Cancel Me (I’m Tired)“ so reizvoll. Fat Dog schaffen es immer wieder, innerhalb kürzester Zeit zwischen treibender Club-Energie, massiven Gitarren und beinahe absurd eingängigen Momenten zu wechseln. Gleichzeitig gönnt sich das Album deutlich mehr Dynamik als sein Vorgänger. Nicht jede Sekunde muss maximal laut oder vollkommen überdreht sein. Dadurch bekommen die explosiveren Passagen sogar noch mehr Wirkung.
Auch inhaltlich ist die Platte keineswegs so albern, wie der typische Wahnsinn von Fat Dog manchmal vermuten lässt. Hinter schwarzem Humor und bewusst absurden Bildern stecken Erschöpfung, Beziehungen, familiäre Konflikte, Selbstzweifel und der Versuch, mit einer zunehmend merkwürdigen Welt klarzukommen. Diese Mischung aus Ernsthaftigkeit und völliger Eskalation passt hervorragend zur Identität der Band.
Besonders nach den beiden Shows beim Reeperbahn Festival bekommt „Cancel Me (I’m Tired)“ noch einmal eine andere Wirkung. Die neuen Stücke verlieren auf der Bühne nichts von ihren Details und zeigen gleichzeitig, dass Fat Dog ihre musikalische Weiterentwicklung problemlos in ihre ohnehin außergewöhnliche Liveshow integrieren können. Genau dort verschmelzen kontrolliertes Chaos und musikalische Präzision endgültig miteinander.
Mit „Cancel Me (I’m Tired)“ beweisen Fat Dog, dass der enorme Wirbel um ihr Debüt kein kurzer Hype war. Das zweite Album klingt größer, abwechslungsreicher und selbstbewusster, ohne die herrlich durchgeknallte Identität der Band zu opfern. Wer dachte, Fat Dog seien vor allem live eine Naturgewalt, bekommt hier den Gegenbeweis: Diese Band funktioniert auf Platte genauso gut – und bringt ihre neuen Songs live bereits mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit auf die Bühne.
Fotocredit:Emma Toma