David Garrett ist mir natürlich seit Jahren ein Begriff. Seine enorme Bekanntheit, seine großen Shows und vor allem seine Fähigkeit, klassische Musik mit einer modernen Inszenierung einem breiten Publikum zugänglich zu machen, sind kaum zu übersehen. Trotzdem ist „Immortal“ tatsächlich das erste Album dieser Art, mit dem ich mich für eine Review intensiv und von Anfang bis Ende beschäftigt habe. Und vielleicht ist genau diese Perspektive gar nicht die schlechteste, um zu verstehen, was David Garrett mit seinem neuen Werk erreicht.
Denn klassische Musik gehört für viele jüngere Menschen nicht unbedingt zu den Genres, die täglich in der eigenen Playlist auftauchen. Sie wird schnell mit großen Konzertsälen, einer gewissen Förmlichkeit und einem Publikum verbunden, das sich bereits seit Jahren oder Jahrzehnten intensiv mit dieser Musik beschäftigt. David Garrett gehört zu den Künstlern, die es geschafft haben, genau diese gedankliche Grenze immer wieder aufzubrechen.
Auch „Immortal“ wirkt trotz seiner konsequent klassischen Ausrichtung erstaunlich zugänglich. Das Album verlangt nicht, dass man sich vorher intensiv mit der Geschichte der Klassik beschäftigt hat oder sämtliche Kompositionen kennt. Man kann sich schlicht darauf einlassen und schnell feststellen, wie unmittelbar diese Musik auch heute noch funktionieren kann.
Dabei versucht David Garrett nicht, Klassik zwanghaft zu modernisieren oder sie mit zeitgenössischen Elementen zu überladen, nur um ein jüngeres Publikum zu erreichen. Vielmehr liegt die Modernität des Albums in seiner Präsentation. Die Produktion ist klar, kraftvoll und ausgesprochen präsent. Das Orchester bekommt den notwendigen Raum, während Garretts Violine immer wieder in den Mittelpunkt rückt, ohne dass das Gesamtbild darunter leidet.
Gerade für jemanden wie mich, der normalerweise in vollkommen anderen musikalischen Bereichen unterwegs ist, ist interessant, wie wenig Distanz „Immortal“ aufbaut. Man hat nicht das Gefühl, sich erst in diese Welt einarbeiten zu müssen. Stattdessen funktioniert das Album über Atmosphäre, Dynamik und Emotion.
Genau darin liegt für mich eine der großen Stärken von David Garrett. Er schafft etwas, das vielen Künstler*innen seines Genres deutlich schwerer fällt: Er erreicht Menschen außerhalb der klassischen Musikwelt. Jugendliche und junge Erwachsene kennen seinen Namen, seine Auftritte funktionieren auf großen Bühnen und seine Musik wird auch von Menschen wahrgenommen, die sich vermutlich niemals selbst als Klassikfans bezeichnen würden.
Das bedeutet allerdings nicht, dass „Immortal“ versucht, möglichst gefällig zu sein. Im Gegenteil: Nach seinen zahlreichen Ausflügen in den Crossover-Bereich wirkt die Rückkehr zu einem vollständig klassischen Album beinahe wie eine bewusste Standortbestimmung. Garrett muss die klassische Musik nicht hinter Pop- oder Rockelementen verstecken, um sie spannend wirken zu lassen. Stattdessen vertraut er darauf, dass die Kompositionen gemeinsam mit seiner Interpretation genügend Kraft besitzen.
Auch die enorme handwerkliche Präzision des Albums fällt auf. „Immortal“ klingt an keiner Stelle beiläufig. Die Arrangements wirken detailliert ausgearbeitet, die Dynamik ist sorgfältig gesetzt und gleichzeitig bleibt genügend Raum für Emotionen. Besonders das Zusammenspiel zwischen Garrett, dem Orchester The Prezent und Pianist Julien Quentin sorgt dafür, dass das Album nicht wie eine reine Demonstration technischer Perfektion wirkt.
Denn genau das hätte bei einem Musiker mit Garretts Fähigkeiten schnell passieren können. Virtuosität allein erzeugt schließlich noch keine emotionale Verbindung. Auf „Immortal“ steht die technische Leistung jedoch nicht permanent demonstrativ im Vordergrund. Sie dient vielmehr dazu, den Kompositionen Charakter zu geben.
Natürlich bleibt ein vollständig klassisches Album eine gewisse Herausforderung, wenn man normalerweise andere Genres hört. „Immortal“ ist kein Album, das nebenbei dieselbe Funktion erfüllt wie eine schnelle Rock-, Pop- oder Metal-Platte. Es verlangt Aufmerksamkeit und funktioniert besonders gut, wenn man sich bewusst Zeit dafür nimmt. Gerade dadurch entwickelt das Album aber eine Intensität, die mich überrascht hat.
Interessant ist außerdem, wie zeitgemäß die gesamte ausrichtung wirkt. David Garrett vermittelt nicht das Bild eines Musikers, der ausschließlich eine jahrhundertealte Tradition bewahren möchte. Vielmehr behandelt er klassische Musik als etwas Lebendiges. Genau diese Haltung dürfte einer der Gründe dafür sein, warum sein Publikum deutlich breiter aufgestellt ist als bei vielen anderen Vertreter*innen des Genres.
Für mich persönlich war „Immortal“ deshalb auch ein kleiner Ausflug in eine musikalische Welt, mit der ich mich bisher nur am Rande beschäftigt habe. Das Album hat aus mir nicht plötzlich einen Klassikexperten gemacht – und genau das muss es auch nicht. Es hat mir vielmehr gezeigt, dass klassische Musik wesentlich weniger unzugänglich sein kann, als man vielleicht zunächst vermutet.
David Garrett gelingt mit „Immortal“ vor allem eines: Er baut eine Brücke. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen klassischer Tradition und moderner Präsentation und nicht zuletzt zwischen einem etablierten Klassikpublikum und einer Generation, die mit dieser Musik ansonsten vielleicht nur selten in Berührung kommt.
Und möglicherweise ist genau das eine der größten Leistungen von David Garrett: Menschen für eine musikalische Welt zu begeistern, von der sie vorher vielleicht gar nicht wussten, dass sie ihnen gefallen könnte.
Fotocredit: Albumcover / Artwork