Ich musste tatsächlich zweimal nachschauen: Das soll Caro Emerald sein? Also diese Caro Emerald, die vor mehr als 15 Jahren mit ihrem weltweiten Superhit „A Night Like This“ dermaßen omnipräsent war, dass einem die Nummer irgendwann auch gehörig auf den Keks gehen konnte? Genau die. Hinter dem Namen steckt die niederländische Sängerin Caroline Esmeralda van der Leeuw, die mit ihrem Debüt „Deleted Scenes from the Cutting Room Floor“ 2010 international durchstartete, später unter anderem als The Jordan veröffentlichte und nun schlicht als Caro weitermacht. Am 9. Oktober erscheint über Big Mouse ihr neues Album „Returning to Innocence“ – und wer beim Namen Caro Emerald noch immer automatisch an Retro-Jazz, Swing und den Charme vergangener Jahrzehnte denkt, dürfte ziemlich überrascht sein.
Neuer Name, neuer Sound. Auch die musikalischen Referenzen haben einmal komplett die Straßenseite gewechselt. Statt irgendwo in der Nähe von Lou Bega stehen wir plötzlich bei Olivia Dean, Chappell Roan oder Florence + The Machine. Synthesizer, R&B-Grooves, Breakbeats, große Chöre und Caros weiterhin unverkennbar kräftige Stimme ergeben einen modernen Alternative-Pop-Sound, der erstaunlich wenig mit der Caro Emerald zu tun hat, die man im kollektiven Popgedächtnis abgespeichert hat. Dabei klingt „Returning to Innocence“ glücklicherweise nie nach dem verzweifelten Versuch, aktuellen Trends hinterherzulaufen. Dafür ist die Platte viel zu selbstbewusst und vor allem fantastisch produziert.
Die bereits vorab veröffentlichte Single „Greatness“ zeigt ziemlich gut, wohin die Reise geht. Stimmen schichten sich übereinander, der Song entwickelt eine beinahe rituelle Atmosphäre und beschäftigt sich gleichzeitig mit Ambition, Selbstzweifeln und der Frage, ob das permanente Streben danach, außergewöhnlich sein zu müssen, nicht manchmal auch eine ziemlich elegante Methode ist, sich vor dem eigenen Leben zu verstecken. Überhaupt geht es auf „Returning to Innocence“ immer wieder um Widersprüche: Stärke und Verletzlichkeit, Begehren und Scham, Selbstbestimmung und Unsicherheit. Weiblichkeit wird hier nicht zur einfachen Empowerment-Parole heruntergebrochen, sondern darf kompliziert sein.
Das klingt auf dem Papier nach ziemlich schwerer Kost, ist musikalisch aber erstaunlich leichtfüßig. Denn Caro versteht es weiterhin verdammt gut, Songs mit Groove zu schreiben. Mal schiebt sich klassischer Soul durch die Produktion, dann wird es elektronischer, plötzlich tauchen Breakbeats oder große Chöre auf. Gerade hier funktionieren die neuen Referenzen: Da ist die lässige Eleganz einer Olivia Dean, die große Geste von Florence + The Machine und manchmal auch jene Lust am dramatischen Pop, die aktuell Chappell Roan so hervorragend beherrscht. Keine dieser Assoziationen übernimmt allerdings dauerhaft das Kommando.
Denn über allem steht weiterhin diese Stimme. Und genau dort erkennt man irgendwann doch wieder die Frau, die einst „A Night Like This“ gesungen hat. Nur bekommt sie auf „Returning to Innocence“ eine vollkommen andere Umgebung. Statt im Retro-Jazz zu stehen, darf Caros Stimme schweben („Superstar“), sich vervielfachen(„The Only One“), gegen elektronische Produktionen antreten („Call The Shots“) oder gemeinsam mit Chören riesengroß werden. Dass sie nach Caro Emerald und The Jordan nun nur noch unter ihrem Vornamen veröffentlicht, wirkt deshalb fast folgerichtig: weniger wie die nächste künstliche Neuerfindung, sondern eher wie der Versuch, all diese bisherigen Versionen zusammenzuführen.
Wer bei Caro also noch immer sofort „A Night Like This“ im Kopf hört, darf beruhigt sein: „Returning to Innocence“ ist ziemlich weit davon entfernt, diesen Ohrwurm noch einmal aufzuwärmen. Stattdessen liefert Caro ein modernes, mutiges und erstaunlich vielseitiges Popalbum.
Fotocredit: Albumcover / Artwork