Am 09.10.2026 ist es so weit: Die Wiener Band Bilderbuch meldet sich mit ihrem mittlerweile 8+1. Studioalbum „∞+1“ zurück. Die 2005 im oberösterreichischen Kremsmünster gegründete Formation – bestehend aus Sänger Maurice Ernst, Gitarristin Uche Yara, Bassist Peter Horazdovsky und Schlagzeuger Philipp Scheibl – zählt seit Jahren zu den prägendsten und innovativsten Kräften der deutschsprachigen Musiklandschaft. Was einst als klassischer Indie-Rock begann, hat sich über Meilensteine wie das hochgelobte Erfolgsalbum „Schick Schock“ (2015) längst zu einem avantgardistischen Hybriden aus Art-Pop, Funk, Hip-Hop-Beats und R&B entwickelt. Bekannt für dadaistisch angehauchte, konsumkritische und sexuell aufgeladene Texte, extravagantes Modebewusstsein sowie die prägnante, durch Autotune und Sprechgesang geprägte Stimmlage von Frontmann Maurice Ernst, hat sich die Band fest in der zeitgenössischen Popkultur verankert.
Mit „∞+1“ verankert die Wahl-Wiener Band nun eine Ära, die sich nicht als starr konstruiertes Konzeptalbum versteht, sondern als treibende, thematische Reise durch eine Gegenwart, die zugleich überreizt, rastlos und voller Möglichkeiten ist. Das Werk erzählt keine lineare Geschichte, sondern entfaltet ein Spannungsfeld zwischen persönlicher Unruhe und gesellschaftlicher Beschleunigung, zwischen Sehnsucht und Überforderung. Der Titel ist dabei Programm: „Unendlich Plus Eins“ ist eine Hommage an das kulturelle Archiv der Menschheit – an Pop, Kunst, Film, Design und Musik. In einer Zeit, in der Faktoren wie Hyperkapitalismus und künstliche Intelligenz versuchen, den schöpferischen Prozess mit pseudo-einfachen Lösungen abzukürzen, entscheiden sich Bilderbuch für die Fortsetzung der künstlerischen Auseinandersetzung und steuern stolz ihr ganz persönliches „+1“ bei. Auch visuell folgt das Album keiner einheitlichen Handschrift: Jede Single, jedes Artwork und jedes Musikvideo eröffnet eine eigene Welt – so stehen futuristische Eislandschaften neben romantischen Filmsequenzen, Minimalismus neben Opulenz und Vergangenheit neben der Zukunft.
Ein musikalischer Streifzug von Funk bis Heavy Metal
Musikalisch klingt „∞+1“ wie die Essenz einer Band, die sich über zwei Jahrzehnte hinweg immer wieder neu erfunden hat, ohne ihre Identität zu verlieren. Die zehn Tracks vereinen die unterschiedlichen Stärken von Bilderbuch zu einem Gesamtwerk, das gleichermaßen vertraut wie überraschend wirkt. Der Einstieg gelingt mit „Finstere Erleuchtung“, das atmosphärisch mit leicht retro klingenden Synthesizern sowie einem treibenden, funky Beat startet. Sobald das Instrumental etwas leiser wird, setzt die angenehme und talentierte Gesangsstimme von Maurice Ernst mit leichtem Autotune-Effekt ein und verleiht dem Auftakt eine besondere emotionale Tiefe. Nach der sehr angenehmen ersten Strophe folgt ein starker, sofort einprägsamer Refrain, der den Songnamen ständig wiederholt, ehe in der zweiten Strophe ein ansteckender Rhythmus übernimmt. Das extrem tanzbare Instrumental macht diesen packenden Start in das neue Werk von Bilderbuch komplett.
Nahtlos daran schließt „Was in dieser Welt“ an, das mit sommerlicher Leichtigkeit, einem funky Retro-Vibe und spannenden Synthesizern sofort gute Laune verbreitet. Maurice Ernst überzeugt hier stimmlich auf ganzer Linie – auch in den höheren Tonlagen. Der einprägsame Refrain bringt riesiges Ohrwurm-Potenzial mit sich, bevor ein experimenteller Part überrascht: Die Gesangsstimme wird durch Effekte und Stimmverzerrer stark verändert und fast unkenntlich gemacht, was im Zusammenspiel mit dem funky Beat enorm frisch wirkt. Nach einem weiteren leichtfüßigen Refrain läuft der Song mit einem dezenten Instrumental-Part sanft aus.
Einen radikalen Stilbruch markiert im Anschluss „Irgendwo“, das experimentierfreudigen Pop mit überraschend harten Rock- und Metal-Elementen verbindet. Nach einem längeren Intro setzt der stark autotunelastige Gesang ein, unter dem eine extrem verzerrte, fast metallische Gitarre liegt. Stakkatoartige Riffs, Fuzz, kreischende Gitarren und druckvolle Drums erzeugen eine raue, beinahe industrielle Wucht, die mit den schwebenden, künstlich wirkenden Vocals kontrastiert. Während der Text die Hoffnung eines zeitlosen Popklassikers versprüht, brodelt es musikalisch unheilvoll, düster und nervös.
Direkt danach schlägt „Zahlen als Beweis“ als verspielter, moderner Indie-Pop-Rock-Track mit glitzernden Synthesizern und Disco-Schlagseite eine tanzbare Richtung ein. Über einem leicht klebrigen Synthesizer-Teppich sorgen elektronische Gitarren-Glitches und kleine Soundeffekte für die typische Bilderbuch-Irritation. Ernsts Gesang bleibt lässig und melodisch, bekommt durch die Produktion aber eine leicht künstliche Färbung. Dadurch klingt der Song gleichzeitig glänzend und etwas kalt – fast so, als würde eine polierte digitale Oberfläche eine innere Leere verdecken. Die am 7. August 2026 erschienene dritte Vorabsingle verdichtet dieses ernste Thema in nur 2:24 Minuten auf einen lockeren Groove.
Zwischen futuristischem Dancefloor und intimer Geborgenheit
Gleitend geht die Reise weiter mit „Unterwasser“, das mit einer schwebenden Soundlandschaft aus Synthesizern und einem treibenden Beat beginnt. Zunächst im Hintergrund, rückt die Stimme in der ersten Strophe in den Fokus und harmoniert perfekt mit dem retro-funkigen Instrumental. Der Refrain wiederholt den Songnamen, während der gesamte Track eine unglaubliche Leichtigkeit und Schwerelosigkeit ausstrahlt – eben ganz wie unter Wasser -, bevor er mit einem angenehmen Instrumental-Part schließt.
Dagegen erweist sich die am 5. Juni 2026 veröffentlichte zweite Vorabsingle „Push Reality“ als treibende, funkige Dancefloor-Hymne mit prägnantem Big-Beat-Einfluss. Ein markanter, repetitiver Basslauf bildet das Fundament für pumpende Beats, rhythmische Gitarren und Synthesizer-Elemente, die stellenweise an die Chemical Brothers erinnern. Ernsts Gesang ist lässig und rhythmisch, wobei das stotternde „p-p-p-push Reality“ selbst zum prägenden Hookline-Element wird. Spannend: Ursprünglich war das Stück deutlich rockiger gedacht und erhielt erst durch einen markanten „Dotted Bass“ seine finale Form.
Die energetische Stimmung hält auch bei „Wahrscheinlich war es der Lippenstift“ an. Der Song beginnt druckvoll mit einem dichten, funky Retro-Instrumental aus Synthesizern, in das sich die leicht verzerrte Gesangsstimme perfekt einfügt. Das treibende Instrumental lässt keine Ruhepausen zu und lädt sofort zum Bewegen ein – ein Track, der bei kommenden Live-Auftritten garantiert für ausgelassene Party-Stimmung sorgen wird, ehe er nach einem dezenten Instrumental-Part langsam ausklingt.
Gegen Ende des Albums offenbaren Bilderbuch ihre emotionalsten Facetten. Mit einer Spielzeit von nur 2:15 Minuten zählt „Baby Junkie“ zu den verletzlichsten Titeln der Bandgeschichte. Die warme, umarmende Stimme von Maurice Ernst verleiht dem dezenten und ruhigeren Instrumental eine enorme Tiefe und Geborgenheit. Auf die erste Strophe folgt ein einprägsamer Refrain, ehe in der zweiten Strophe erneut die warme Stimmfarbe glänzt und schließlich in eine schwebende Soundlandschaft aus Synthesizern übergeht – ein echtes Highlight der Platte.
Darauf folgt das mit starkem Retro-Vibe ausgestattete „Ist es denn ein Wunder“, bei dem der Songname wie in einer Dauerschleife wiederholt wird. Der ansteckende Rhythmus und der funky Sound bieten die perfekte Mitte aus Retro und Moderne, sodass man sich wunderbar darin fallen lassen kann, bevor ein letzter Instrumental-Part zum Ausklang überleitet.
Das große Finale bildet schließlich „Mehr als fair“. Der Song startet mit einem leichten, schwebenden Sound und einem harmonisch-dezenten Instrumental, während Ernsts wohlig-warme Stimme mit der Klangkulisse verschmilzt. Hier bündelt die Band noch einmal all ihre Stärken: Die ruhige Soundlandschaft sorgt für Gänsehaut und eine sommerliche Schwerelosigkeit. Sanft beendet der Track das Album und entlässt das Publikum nach einer emotionalen und atmosphärischen Reise wieder zurück in die Realität.
Fazit
Bilderbuch beweisen mit „∞+1“ einmal mehr ihre Ausnahmestellung in der deutschsprachigen Popkultur. Anstatt sich auf vergangenen Erfolgen auszuruhen oder den vereinfachten Wegen der heutigen Musikproduktion zu folgen, liefert die Band ein Werk voller kreativer Freiheit, Mut zur Vielfalt und klanglicher Brillanz. „∞+1“ ist kein starrer Abschluss, sondern ein mitreißendes Plädoyer für den nächsten Song, die nächste Idee und das nächste Bild. Ein rundum gelungenes Album, das auf ganzer Linie begeistert und Vorfreude auf alles macht, was da noch kommen mag.
Fotocredit: Albumcover / Artwork