Oh, Maria Taylor, die Gute. Manchmal reichen tatsächlich wenige Sekunden einer Stimme und plötzlich sind die Nullerjahre wieder da. Saddle Creek, Bright Eyes, Azure Ray und diese Zeit, in der man neue Lieblingssongs noch irgendwo im Nachtprogramm eines Studentenradios entdeckte, anschließend mühsam herausfinden musste, von wem das gerade eigentlich war, und sich danach ein bisschen so fühlte, als hätte man einen Schatz gefunden, den sonst noch niemand kannte. Maria Taylor gehörte ziemlich zuverlässig in diese Welt. Und dann verliert man sich irgendwann aus den Augen. Oder besser: aus den Ohren.
Dabei war Taylor natürlich nie wirklich weg. „Story’s End“ ist bereits ihr achtes Soloalbum, das erste allerdings seit dem selbstbetitelten „Maria Taylor“ von 2019. Und auch die Veröffentlichungsgeschichte des neuen Werks ist ein wenig ungewöhnlich. Während das Album nun offiziell über Conor Obersts Million Stars Records erscheint, dreht es bei Bandcamp bereits seit April seine Runden. Vielleicht passt selbst das zu einer Künstlerin, deren Musik nie sonderlich viel Interesse daran gezeigt hat, besonders laut um Aufmerksamkeit zu bitten.
Und dann ist da diese Stimme.
Sie ist noch immer das Zentrum von Maria Taylors Musik und besitzt diese eigentümliche Fähigkeit, gleichzeitig zerbrechlich und vollkommen souverän zu klingen. Schon der Titeltrack „Story’s End“ erinnert ziemlich schnell daran, warum man sich damals in diese Stimme verliebt hat. Taylor muss nicht drücken, nicht schreien und schon gar nicht demonstrieren, was sie technisch alles kann. Sie singt – und manchmal reicht genau das für Gänsehaut deluxe.
Trotzdem wäre es zu einfach, „Story’s End“ ausschließlich über seine ruhigen Momente zu erzählen. Denn bereits „Shades Of Blue“ setzt einen ganz wunderbaren Gegenpunkt. Ein Popsong, wie man ihn viel häufiger hören möchte: warm, melodisch, unaufgeregt und trotzdem sofort da. Vor allem nimmt sich Taylor Zeit. Mehr als fünf Minuten sogar. Wer schreibt heute eigentlich noch Popsongs, die länger als fünf Minuten dauern? „Shades Of Blue“ darf wachsen, darf bleiben und wird genau deshalb zum Fixpunkt der Platte.
Und dann kommt als dritter Track „Sorry I Was Yours“ mit Conor Oberst. Spätestens hier ist die Zeitreise endgültig komplett. Plötzlich fühlt man sich wieder wie 17 und glaubt, gerade irgendwo nachts um halb eins im Studentenradio einen Best-Kept-Secret-Song entdeckt zu haben. Natürlich ist daran 2026 überhaupt nichts mehr geheim: Taylor und Oberst verbindet eine lange gemeinsame musikalische Geschichte.
„Story’s End“ pendelt zwischen erstaunlich großen Popsongs und jenen kleinen Indie-Perlen, bei denen man beinahe Angst bekommt, sie könnten zerbrechen, wenn man zu kräftig an ihnen zieht. „Never Thought I’d Feel New“ gehört eindeutig zur ersten Kategorie. Auf der anderen Seite stehen Stücke wie „Tricky“ oder „Be Careful What You Want“. Kleine, feine Songs, bei denen jeder zusätzliche Produktionsschritt vermutlich einer zu viel gewesen wäre. Vielleicht ist genau dieser Spagat die größte Stärke der Platte. „Story’s End“ kann wunderschöner Indie-Pop sein und wenige Minuten später so intim werden, als würde Taylor gerade nur für eine einzige Person spielen.
Fotocredit: Albumcover / Artwork