Es gibt Dinge, auf die man sich im Hannoveraner LUX ziemlich zuverlässig verlassen kann. Gute Konzerte gehören erfreulich häufig dazu, hohe Temperaturen allerdings ebenfalls. An diesem frühsommerlichen Abend bedeutet das für einen Großteil des Publikums offenbar: bloß nicht zu früh kommen. Warum unnötig lange schwitzen, wenn man auch ziemlich genau zur Stagetime um 20 Uhr im Club aufschlagen kann?
Dabei hätte es an diesem Abend ohnehin keinen Grund für übertriebene Eile gegeben. Einen Support konnten NEEVE für Hannover nicht verpflichten. Was zunächst nach einem kleinen Makel im Tourplan klingt, entpuppt sich allerdings ziemlich schnell als Glücksfall. Statt einfach nur den Abend später beginnen zu lassen, verlängert die Band kurzerhand das eigene Set. 22 Songs stehen am Ende auf der Liste. Mehr NEEVE statt Vorband – damit können die Anwesenden offensichtlich ziemlich gut leben.
Auffällig ist zunächst allerdings das Publikum in den ersten Reihen. Jung und vor allem weiblich ist es dort. Sehr weiblich sogar. Hey Jungs, wo seid ihr eigentlich, wenn es guten Indierock zu hören gibt? Diejenigen, die gekommen sind, benötigen jedenfalls nicht lange, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Wobei das im LUX bekanntlich auch ohne größere körperliche Anstrengung ziemlich schnell geht.
NEEVE liefern dafür genügend Gelegenheiten zum Mitsingen, Klatschen und Tanzen. 22 Songs sind schließlich eine Ansage, wirken an diesem Abend aber keineswegs wie eine unnötig gestreckte Spielzeit. Im Gegenteil: Gerade weil kein Support den Abend eröffnet, kann sich die Band Zeit nehmen. Songs bekommen Raum, Ansagen dürfen auch einmal länger ausfallen und zwischen Bühne und Publikum entsteht schnell jene Nähe, die in einem kleinen Club eben deutlich besser funktioniert als drei Absperrgitter und 5.000 Menschen weiter hinten.
Überhaupt sind NEEVE angenehm nahbar. Die Band erzählt, gewährt Einblicke ins eigene Seelenleben und vermittelt immer wieder das Gefühl, dass ihr dieser Abend tatsächlich etwas bedeutet. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit, ist es bei Konzerten aber längst nicht immer.
Dabei gehört zur Geschichte von NEEVE auch eine ziemlich interessante Diskrepanz. Während die Band im asiatischen Raum beachtliche Erfolge feiern kann, muss sie sich in Deutschland weiterhin jeden Club und gefühlt jede einzelne Show erarbeiten. Schon etwas verrückt: Auf der anderen Seite der Welt funktioniert die eigene Musik, während man vor der eigenen Haustür weiterhin darum kämpft, überhaupt ausreichend Menschen davon zu überzeugen, am Abend das Sofa zu verlassen.
Vielleicht erklärt gerade das einen Teil der Energie, mit der NEEVE in Hannover auftreten. Hier spielt niemand eine routinierte Show herunter. Die Band wirkt hungrig, freut sich über Reaktionen und bekommt sie reichlich zurück. Spätestens wenn das Publikum die Texte übernimmt, geklatscht und getanzt wird, ist der fehlende Support ohnehin längst vergessen.
Fotocredit: Marc Erdbrügger