Es gibt Konzerte, bei denen von Anfang an mehr mitschwingt als nur die Vorfreude auf gute Musik. Der Auftritt von Kissin’ Dynamite am Samstagabend in der Hamburger Inselpark Arena gehörte zweifellos dazu. Unter dem Titel „The Big Goodbye“ machte die süddeutsche Rockband Station in Wilhelmsburg – und für Sänger Hannes Braun war es zugleich einer der letzten großen Auftritte als Frontmann von Kissin’ Dynamite.
Seit fast zwei Jahrzehnten steht Braun am Mikrofon der Band, die sich mit ihrem klassischen, hymnischen Hardrock einen festen Platz in der deutschen Rockszene erspielt hat. Nun zieht der Sänger einen Schlussstrich unter das Tourleben. Nicht allerdings unter Kissin’ Dynamite: Braun will der Band als Songschreiber und Produzent erhalten bleiben. Für die Fans in Hamburg bedeutete der Abend deshalb vor allem eines: noch einmal Hannes Braun ganz vorne auf der Bühne erleben.
Schon die Rahmenbedingungen machten deutlich, dass dieser Abend etwas Besonderes werden sollte. „The Big Goodbye“ war nicht als gewöhnlicher Tourtermin angelegt, sondern als eine von lediglich drei großen Arena-Shows mit Braun. Nach dem Auftakt in Neu-Ulm führte der Weg der Band nach Hamburg, bevor am 3. Oktober in Köln das dritte und letzte Konzert dieser Reihe auf dem Programm steht. Die Hamburg-Show war bereits im Vorfeld zu 95 Prozent ausverkauft.
Den Abend eröffnete League of Distortion. Die Band um Sängerin Anna Brunner brachte den nötigen Druck mit, um das Publikum auf den Headliner einzustimmen. Für League of Distortion war der Auftritt dabei auch eine besondere Verbindung zum Hauptact: Brunner ist auf dem neuen Kissin’-Dynamite-Song „Lie For Me“ als Gastsängerin zu hören.
Dann gehörte die Bühne Kissin’ Dynamite. Was die Band seit Jahren auszeichnet, funktioniert auch in der großen Halle: treibende Gitarren, eingängige Refrains, große Melodien und eine gehörige Portion Glam-Rock-Attitüde. Kissin’ Dynamite haben nie versucht, das Rad des Hardrock neu zu erfinden. Stattdessen bedienen sie sich bewusst bei den großen Arena-Rockbands vergangener Jahrzehnte und verbinden deren Sound mit moderner Produktion und einer eigenen, unverwechselbaren Handschrift.

Im Mittelpunkt steht dabei Hannes Braun. Der Sänger ist nicht nur Stimme, sondern auch Mittelpunkt der Bühneninszenierung. Zwischen den Songs sucht er immer wieder den direkten Kontakt zum Publikum, animiert zum Mitsingen und macht aus der Arena für einen Abend einen gemeinsamen Rock’n’Roll-Treffpunkt.
Songs wie „Back With A Bang“, „Not The End Of The Road“ oder „I’ve Got The Fire“ zeigen dabei genau jene Mischung, mit der sich Kissin’ Dynamite ihr Publikum erspielt haben: kraftvolle Gitarren treffen auf große Refrains, die gerade live ihre Wirkung entfalten. Das 2024 erschienene Album „Back With A Bang!“ hatte der Band dabei zusätzlichen Rückenwind gegeben und erreichte Platz eins der deutschen Albumcharts.
Doch über allem lag an diesem Abend die Gewissheit, dass es kein gewöhnliches Kissin’-Dynamite-Konzert war. Braun hatte bereits im Vorfeld seinen Rückzug von der Rock’n’Roll-Bühne angekündigt. Als Grund nannte er die Belastungen des Tourlebens. Gleichzeitig stellte er klar, dass er Kissin’ Dynamite nicht verlassen werde. Er wolle weiterhin als Songschreiber und Produzent tätig sein und damit hinter den Kulissen eine wichtige Rolle für die Band spielen.
Diese Mischung aus Abschied und Weiterleben prägte auch die Atmosphäre des Abends. Einerseits wurde gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Andererseits war bei vielen Fans das Bewusstsein vorhanden, dass sie eine Ära noch einmal live erleben durften.

Und Kissin’ Dynamite machten aus diesem Abschied keinen traurigen Abend.
Vielmehr wurde in der Inselpark Arena noch einmal das zelebriert, wofür die Band seit Jahren steht: Rockmusik mit großen Gesten, großen Melodien und einer gehörigen Portion Selbstironie. Die Gitarren von Ande Braun und Jim Müller liefern das Fundament, Steffen Haile am Bass und Sebastian Berg am Schlagzeug treiben die Songs nach vorne. Über allem steht Braun, der noch einmal beweist, warum er über so viele Jahre das Gesicht dieser Band war.
Besonders passend erscheint dabei der Titel der neuen Abschiedssingle: „Good In Goodbye“. Der Song entstand im direkten Zusammenhang mit Brauns Abschied und gehört zu den Veröffentlichungen, die den Übergang in die nächste Phase der Band begleiten. Auf dem kommenden Kissin’-Dynamite-Album sind zudem zahlreiche prominente Gastmusiker vertreten – darunter Mitglieder von Saltatio Mortis, Amaranthe, Primal Fear und DragonForce.
Kissin’ Dynamite haben in den vergangenen Jahren einen bemerkenswerten Weg zurückgelegt. Aus der schwäbischen Nachwuchsband wurde eine international erfolgreiche Rockformation mit Konzerten in Europa und darüber hinaus. Das Erfolgsrezept war dabei erstaunlich konstant: klassischer Hardrock, eine starke Bühnenpräsenz und Songs, die nicht nur auf Platte, sondern vor allem vor einem großen Publikum funktionieren.
Hamburg bekam am Samstag deshalb nicht einfach nur ein weiteres Konzert geboten. Die Inselpark Arena wurde zur vorletzten deutschen großen Bühne für Hannes Braun als Sänger von Kissin’ Dynamite.
Dass dabei nicht der Abschiedsschmerz, sondern vor allem die Freude über fast 20 gemeinsame Jahre im Vordergrund stand, passte bestens zur Band. Denn Kissin’ Dynamite haben nie nach leisen Tönen gesucht. Ihre Musik lebt von Energie, großen Refrains und dem Gefühl, gemeinsam mit dem Publikum einen besonderen Moment zu erleben.
Und genau das war „The Big Goodbye“ in Hamburg: kein leiser Abschied, sondern eine große Rockshow.
Hannes Braun hängt das Mikrofon noch nicht ganz an den Nagel – aber die Tage als Frontmann von Kissin’ Dynamite sind gezählt. Nach Hamburg wartet nur noch Köln. Danach wird sich zeigen, wie das Kapitel Kissin’ Dynamite ohne ihren bisherigen Sänger auf der Bühne weitergeschrieben wird.
Eines hat der Abend in der Inselpark Arena jedoch deutlich gemacht: Die Geschichte dieser Band ist noch lange nicht zu Ende. Nur ein wichtiges Kapitel bekommt seinen letzten großen Refrain.

Fotocredit & Review: Sascha Beckmann