Beim Mett4All dauert es nicht lange, bis sich dieses vertraute Gefühl wieder einstellt. Schon am Freitagmittag trudeln die ersten Camper im Waldfreibad Walbeck ein, auf der Wiese entstehen die ersten Zelte, der Bierstand öffnet und mit jeder Stunde tauchen mehr bekannte Gesichter auf. Man bleibt hier für ein Gespräch stehen, dort für das nächste und ist schneller mittendrin, als man eigentlich vorhatte.
Für mich ist dieses Festival ohnehin etwas anderes als viele andere. Natürlich bin ich hier um von der Veranstaltung zu berichten. Gleichzeitig bestehen die Securities aus Freunden, die Mettarbeiter kennen mich und niemand wundert sich groß, wenn ich durch den Backstagebereich laufe. Wenn irgendwo kurzfristig jemand gebraucht wird, stehe ich eben auch einmal zwanzig Minuten mit an der Tür. Nicht geplant, nicht meine eigentliche Aufgabe an diesem Wochenende, aber beim Mett4All irgendwie selbstverständlich.
Vielleicht fühlt sich das Ganze deshalb inzwischen so sehr nach einem festen Termin in meinem Festivalkalender an. Man kennt die Menschen hinter den Shirts, weiß, wer am Eingang sitzt und bei wem aus einem kurzen Hallo ziemlich sicher ein längeres Gespräch wird.
Freitagabend zwischen Wein, Käse und Campingplatz
Am Eingang laufen die Wege des Festivals ohnehin ständig zusammen. Wer vom Campingplatz aufs Gelände möchte oder das Waldfreibad betreten oder verlassen möchte, kommt hier vorbei. Genau dort finden sich auch immer wieder die Securities nach ihren Runden über das Gelände zusamme, haben den Zugang im Blick und sind gleichzeitig mittendrin in allem, was zwischen Festivalgelände und Campingplatz passiert.
Am Freitagabend bekommt dieser Platz noch eine ganz eigene Note. Zwischen Funkgerät, Gesprächen und vorbeiziehenden Besuchern stehen irgendwann Wein und Käse auf dem Tisch. Was für den einen oder anderen im Vorbeigehen erst einmal überraschend aussieht, gehört für die Runde inzwischen fest dazu. Entsprechend bleibt so mancher Blick etwas länger an Käseplatte und Weinglas hängen, andere bleiben direkt auf ein paar Worte stehen.
Fragt man Sicherheitschef Steff nach dem Anlass, fällt die Antwort gewohnt trocken aus: „Das ist unsere Weihnachtsfeier.“
Damit wäre eigentlich alles gesagt. Denn am nächsten Morgen übernimmt ohnehin das Lebensmittel, das schon im Festivalnamen steckt.
Samstag: Vom Mettfrühstück in den Festivaltag
Mettbrötchen, Kaffee und bekannte Gesichter gehören am Samstagmorgen fest zum Bild. Einige wirken erstaunlich fit, andere brauchen noch ein bisschen länger, bis der Tag wirklich beginnen kann. Dazwischen laufen die Gespräche vom Vorabend weiter, man begegnet sich wieder und kommt langsam in den Samstag hinein.
Viel Anlaufzeit gibt es musikalisch allerdings nicht. Um 10 Uhr liegen die ersten Death-Metal-Gitarren über dem Gelände und wecken nun auch dir letzten Schlafmützen. TerraDown eröffnen den Tag mit melodischem Death Metal, während vor der Bühne noch reichlich Platz ist und am Rand durchaus noch Kaffee getrunken wird. Dieser Gegensatz funktioniert erstaunlich gut. Niemand muss zu dieser Uhrzeit schon so tun, als wäre der komplette Ausnahmezustand ausgebrochen. Der Morgen darf noch ein bisschen Morgen sein, während die Musik längst dafür sorgt, dass aus Frühstück Festival wird.
Eine Stunde später wirkt die Bühne schon deutlich weniger wie der erste Programmpunkt eines langen Tages. Crash Pilots sind in der Region inzwischen kein völlig unbekannter Name mehr. Die junge Band aus Moers hat trotz ihres Alters bereits einiges an Live-Erfahrung gesammelt und stand unter anderem schon auf dem Dong Open Air. Gerade deshalb gerät schnell in den Hintergrund, wie jung die Musiker eigentlich noch sind.
Für mich liegt genau darin einer der Reize kleinerer Festivals. Man begegnet Bands nicht erst dann, wenn sie längst auf großen Bühnen angekommen sind, sondern sieht sie immer wieder und bekommt ihre Entwicklung über mehrere Auftritte hinweg mit. Bei Crash Pilots fühlt sich der Slot deshalb weniger nach Kennenlernen und mehr nach Wiedersehen an.
Mit der nächsten Band verschiebt sich auch das Bild vor der Bühne. Erste kleinere Pits öffnen sich, das Publikum wird aktiver und die gemütlichen Stunden des Vormittags rücken spürbar weiter weg. Keep Me Alive verbinden härtere Passagen mit melodischeren Momenten und elektronischen Elementen. Die Musik bleibt modern, gleichzeitig kommt erstmals deutlich mehr Bewegung in die Fläche.
Der Kontrast danach könnte kaum größer sein. Plötzlich liegt Black Metal über einem Waldfreibad, während die Sonne weiterhin wenig Interesse daran zeigt, zur düsteren Atmosphäre beizutragen. Genau das macht Aegror an diesem frühen Nachmittag für mich interessant. Rundherum läuft der Festivalbetrieb ganz normal weiter, auf der Bühne wird es dagegen dichter und schwerer. Die Umgebung liefert die Finsternis nicht mit, also muss die Musik diesen Teil selbst übernehmen.
Für eine Weile funktioniert das ziemlich gut.
Zwischen Stilwechseln und größer werdenden Pits
Nach dieser Schwere tut der nächste Richtungswechsel beinahe gut. Mit Redish wird es melodischer und rockiger, ohne dass der Tag dadurch an Spannung verliert. Ich mag solche Brüche in einer Running Order. Nicht jede Band muss zwangsläufig härter, schneller oder extremer sein als die vorherige.
Gerade beim Mett4All fällt so etwas stärker auf, weil es nur eine Bühne gibt. Man wechselt nicht einfach zur nächsten Stage, wenn der Stil gerade weniger dem eigenen Geschmack entspricht. Man bleibt eher stehen, hört weiter und bekommt dadurch zwangsläufig auch Musik mit, die man sich vielleicht nicht selbst ganz oben in den Tagesplan geschrieben hätte. Genau diese Wechsel halten einen langen Samstag für mich interessanter als eine Running Order, die stundenlang nur in eine Richtung läuft.
Am Nachmittag wird der Sound wieder direkter. Elektronische Elemente treffen bei DEADEND auf modernen Metalcore und vor der Bühne zeigt sich inzwischen ziemlich deutlich, was sich seit dem Morgen verändert hat. Die kleinen Pits aus den ersten Stunden brauchen jetzt mehr Raum, die Bewegung wird kräftiger und das Publikum wirkt deutlich wacher als noch beim ersten Diese Energie bleibt auch danach erhalten, bekommt aber einen anderen Anstrich. Alqemiste arbeiten ebenfalls mit elektronischen Einflüssen, dazu kommen harte Breakdowns und moderne Sounds. Das passt in diesen Teil des Tages, ohne sich einfach wie eine Wiederholung des vorherigen Sets anzufühlen. Die Band zählt für mich zu meiner persönlichen Entdeckung des Tages: Klare Shouts, saubere Vocals und ein Sound, der gleichzeitig druckvoll und erfrischend eigenständig klingt. Gerade diese Mischung macht ihren Auftritt so interessant. Ich bin sehr gespannt, wo ich den Jungs als Nächstes begegnen werde.
Vor allem lässt sich inzwischen gut beobachten, wie weit der ruhige Start in den Samstag zurückliegt. Die Fläche vor der Bühne ist längst nicht mehr nur ein Ort zum Zuschauen.
Bevor sich daraus ein zu geradliniger Rhythmus entwickelt, öffnet sich der Sound wieder. Bei Interia wirkt vieles atmosphärischer, bekommt mehr Raum und stellenweise etwas fast Cineastisches. Gleichzeitig steht die Sonne tiefer und das Licht verändert sich. Nach den härteren, direkteren Sounds zuvor bekommt der Festivaltag dadurch für eine Weile eine andere Farbe, ohne an Energie zu verlieren.
An dieser Stelle fällt mir zum ersten Mal richtig auf, wie lange wir eigentlich schon unterwegs sind. Das Mettfrühstück wirkt plötzlich ziemlich weit weg und auf der Running Order bleiben nur noch zwei Namen.
Vom Nachmittag in den Festivalabend
Von einem vorsichtigen Ausklang ist trotzdem nichts zu merken. Der moderne Metalcore von Never Back Down bringt noch einmal ordentlich Bewegung in die Menge. Die Pits haben inzwischen kaum noch etwas mit den kleinen Kreisen vom Mittag gemeinsam und genau daran lässt sich dieser Samstag für mich ziemlich gut ablesen.
Die Stimmung kippt nämlich nicht in einem einzigen Moment. Es gibt keinen Punkt, an dem plötzlich alles „eskaliert“. Sie wächst über Stunden. Morgens stehen noch Menschen mit Kaffee vor der Bühne, später öffnen sich erste Pits und am Abend braucht die Mitte deutlich mehr Platz. Diese Entwicklung fühlt sich wesentlich natürlicher an als jeder künstliche Höhepunkt.
Und dann bleibt tatsächlich nur noch Equilibrium.
Gerade auf einem Festival dieser Größe hat das etwas. Nicht, weil das Mett4All plötzlich versucht, größer zu wirken, als es ist. Eher im Gegenteil. Dieselbe überschaubare Bühne, vor der der Samstag am Morgen noch ganz ruhig begonnen hat, gehört am Abend einer Band, die man genauso auf deutlich größeren Festivals antreffen kann.
Musikalisch bekommt der Tag damit noch einmal eine neue Richtung. Epische Melodien, Folk-Einflüsse und schwere Gitarren füllen das Gelände anders als die Bands zuvor. Nach einem Line-up, das immer wieder zwischen modernen Sounds, Melodie, Härte und Atmosphäre gewechselt hat, wirkt Equilibrium nicht einfach wie der letzte Name auf dem Zeitplan, sondern wie ein passender Abschluss dieses langen Samstags.
Mit dem letzten Ton ist beim Mett4All trotzdem nicht schlagartig Schluss. Dafür funktioniert dieses Festival zu sehr über die Menschen, die das Wochenende gemeinsam verbringen. Man bleibt noch zusammen, redet weiter, trifft bekannte Gesichter wieder und beginnt irgendwann mit den ersten Verabschiedungen, obwohl ziemlich klar ist, dass man einige davon später ohnehin noch einmal sieht.
Am Sonntag verschwinden nach und nach die Zelte. Camper fahren nach Hause, Technik und Stände werden abgebaut und Stück für Stück wird aus dem kleinen Metal-Festival wieder ein Waldfreibad.
Mett4All ist eben Mett4All
Natürlich bleibt nach diesem Wochenende die Musik hängen. Zehn Bands, die stilistisch teilweise ziemlich weit auseinanderliegen und gerade dadurch einen Samstag ergeben, der nicht stundenlang dasselbe erzählt.
Beim Mett4All sind es für mich aber genauso die Dinge, die auf keiner Running Order stehen. Steffs „Weihnachtsfeier“ am Freitagabend. Das Mettfrühstück am nächsten Morgen. Freunde in Securityshirts und Mettarbeiter, die mich längst kennen. Ein Backstagebereich, durch den ich laufe, ohne groß darüber nachzudenken. Und diese zwanzig Minuten an der Tür, die überhaupt nicht vorgesehen waren und trotzdem ziemlich gut zu diesem Wochenende passen.
Ich fahre nach Walbeck, um zu fotografieren und über ein Festival zu schreiben. Genau das mache ich auch. Nur eben an einem Ort, an dem mir inzwischen nicht mehr nur Bühne und Gelände vertraut sind, sondern vor allem viele der Menschen drumherum.
Vielleicht ist genau das der Unterschied. Beim Mett4All war ich nicht einfach wieder auf irgendeinem Festival. Ich war einfach wieder da.
Fotocredit: Offizielle Grafik
Review: Hannah LeaFritz