Es gibt Festivals, bei denen man bereits Monate vorher weiß, welche Bands man unbedingt sehen möchte. Und dann gibt es das KiezKultur Festival in Hannover. Hier ist es eher umgekehrt: Man fährt hin, kennt vielleicht eine Handvoll Namen und kommt zwei Tage später mit einer langen Liste neuer Lieblingsbands zurück. Genau das macht dieses Festival auch nach fünf Jahren noch so besonders. KiezKultur ist kein Festival, bei dem man sich ausschließlich von einem Headliner zum nächsten treiben lässt. Man muss neugierig sein, sich auf unbekannte Künstler einlassen und gelegentlich einfach dort stehen bleiben, wo gerade interessante Musik aus einer Tür schallt. Wer das verstanden hat, dürfte in Hannover-Linden auch in diesem Jahr wieder eine verdammt gute Zeit gehabt haben.
Dabei wächst das Festival munter weiter. Nicht nur musikalisch, sondern auch in seiner gesamten Ausrichtung. Im Vergleich zur letztjährigen Ausgabe wurde das Line-up ganz bewusst etwas internationaler zusammengestellt, auch wenn deutschsprachige Künstler weiterhin den Großteil des Programms ausmachen. Mehr als 60 Bands und Solo-Acts standen auf den unterschiedlichen Bühnen, mit den zahlreichen DJs waren es sogar über 80. Rechnet man sämtliche weiteren Programmpunkte hinzu, landet man locker im dreistelligen Bereich. Ein Programm also, bei dem man bereits beim ersten Blick auf den Timetable ahnt, dass man am Ende wieder viel zu wenig gesehen haben wird.
Vom Buchstabierwettbewerb zum Sparkassen-Rave
Denn KiezKultur ist längst deutlich mehr als ein reines Musikfestival. Neben Podcasts und Lesungen gehören inzwischen zahlreiche Workshops und Mitmachaktionen zum Programm. Da wird beispielsweise bei „Prosecco & Painting“ in Kooperation mit dem Appletree Festival gemalt, bei einem Buchstabierwettbewerb um die richtigen Buchstaben gerungen oder beim Running Club gemeinsam durch den Stadtteil gelaufen. Und dann wäre da noch das zunächst etwas obskur anmutende „Fähnchen Fangen“. Wobei das aufgrund des Regenwetters kurzerhand direkt zur Preisvergabe überging. Statt sportlichem Ehrgeiz gab es also Schnaps. Kann man bei norddeutschem Herbstwetter durchaus als vernünftige Entscheidung durchgehen lassen.


Überhaupt ist es beeindruckend, wie sehr sich das Festival inzwischen über den gesamten Stadtteil ausbreitet. Hannover-Linden hat sich längst zu einer der angesagtesten Ecken der Stadt entwickelt, auch wenn man das den Straßen und Häuserfassaden auf den ersten Blick vielleicht nicht unbedingt ansieht. Die Veranstalter versuchen zunehmend, den kompletten Stadtteil einzubeziehen und auch Orte zu bespielen, an denen man normalerweise keine Konzerte oder Partys erwarten würde. Bestes Beispiel in diesem Jahr: Eine Sparkassenfiliale, die ihre Räumlichkeiten kurzerhand für einen Tages-Rave zur Verfügung stellte.

Das Herzstück bleibt allerdings das Gelände rund um das Kulturzentrum Faust. Hier entsteht von Jahr zu Jahr immer mehr ein kleines Festival-Village. Neben den unterschiedlichen Musikbühnen finden sich Essensstände, ein elektronischer Biergarten und immer mehr Kunst- und Lichtinstallationen, die das Gelände gerade in den Abendstunden in eine ganz besondere Atmosphäre tauchen. Man kann hier problemlos einige Stunden verbringen, ohne überhaupt ein Konzert zu besuchen. Sollte man allerdings nicht, denn musikalisch wartet schließlich an jeder Ecke die nächste Entdeckung.
Eine besonders charmante Neuerung gab es in diesem Jahr übrigens auch noch: Wer keine Lust hatte, ständig zwischen den verschiedenen Clubs hin und her zu laufen, konnte erstmals eine Fähre nutzen. Eine Fähre! Auf einem Musikfestival mitten in Hannover! Wie cool ist das denn bitte? Allein für solche Ideen muss man die Veranstalter eigentlich schon mögen.

Tag 1: Zwischen intimen Momenten und großen Überraschungen
Musikalisch begann unser Festivalwochenende mit Caro Schaeffler, die auf der Diffus-Bühne im Mephisto den Auftakt machte. Und das war direkt eine ziemlich gute Entscheidung. Statt eines lauten musikalischen Paukenschlags gab es hier zunächst eine wunderbar intime Atmosphäre, die einen ganz entspannt in das Festivalgeschehen eintauchen ließ. Ein Auftakt, der einmal mehr zeigte, dass es beim KiezKultur nicht immer die ganz großen Gesten braucht, um Eindruck zu hinterlassen.
Anschließend ging es zu Jewls in die Safrans Bar. Eigentlich eine der coolsten Locations des gesamten Festivals, die mit ihrer besonderen Atmosphäre immer wieder für schöne Konzertmomente sorgt. Leider hatten sich zu diesem Zeitpunkt nur sehr wenige Besucher dorthin verirrt. Ziemlich schade, denn die Alternative-Pop-Musikerin lieferte eine wirklich überzeugende Show ab und dürfte auch Fans von Caroline Polachek oder The Last Dinner Party gefallen. Jewls ließ sich von der überschaubaren Zuschauerzahl jedenfalls nicht beeindrucken und gab alles. Umso ärgerlicher, dass diesen Auftritt nicht mehr Menschen gesehen haben.
Auf dem Glocksee-Gelände standen anschließend Lilli, Horses4Ever und Luisa Schweig auf unserem persönlichen Programm. Vor allem Horses4Ever trafen dabei ziemlich genau meinen musikalischen Nerv. Dieser herrlich unaufgeregte, gleichzeitig aber wunderbar eingängige Indie-Alternative-Sound ist schließlich genau die Sorte Musik, mit der man mich ziemlich schnell herumkriegt. Die passenden Hits hat die Band jedenfalls schon jetzt in der Tasche. Ein zusätzlicher Live-Bassist würde dem Ganzen allerdings noch einmal guttun und den Musikern auf der Bühne etwas mehr Freiheit verschaffen. Das Potenzial ist definitiv vorhanden.
Statt die neue Fähre auszuprobieren, entschieden wir uns anschließend ganz klassisch für den Fußmarsch zurück zur Faust. In der Warenannahme wartete mit Yndling nämlich eine ordentliche Portion Shoegaze und Dream-Pop auf uns. Dabei fiel einmal mehr auf, dass sich diese Location zunehmend zum Treffpunkt der etwas älteren Festivalbesucher entwickelt. Während das Publikum beim KiezKultur insgesamt doch recht studentisch geprägt ist, trifft man in der Warenannahme auffällig häufig auf Menschen, die vermutlich auch schon Konzerte besucht haben, als man Eintrittskarten noch aus Papier besaß. Musikalisch passte Yndling mit ihren verträumten Klanglandschaften jedenfalls hervorragend in diese Umgebung.

Deutlich turbulenter wurde es anschließend beim Auftritt von Baby B3ns, die als Headlinerin auf der Faust-Bühne stand. Für die Lokalmatadorin lief dabei leider nicht alles nach Plan. Einige Pannen zogen sich durch den Auftritt, boten ihr allerdings auch immer wieder die Gelegenheit, mit Charme und einer sympathischen Art zu punkten. Nicht jeder Moment saß, aber gerade der Umgang mit den Schwierigkeiten machte die Show auf seine Weise unterhaltsam.
Nach einer Portion deutschem Hip-Hop von Gönnermusik 79 im Tango führte uns der Weg schließlich noch einmal zurück zur Glocksee. Und dort wartete tatsächlich die vielleicht größte Überraschung des ersten Festivaltages: Fruchtiger Beigeschmack. Schon der Bandname ist großartig, die Musik allerdings noch besser. Irgendwo zwischen Indie, Alternative und Jazz bewegte sich die Band mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit durch unterschiedlichste Klangwelten. Dazu gab es herrlich lässige deutsche Texte und als besonderes Schmankerl sogar ein Ikkimel-Cover. Eine dieser Bands, die man vor dem Festival überhaupt nicht auf dem Zettel hatte und anschließend unbedingt weiterverfolgen möchte. Genau dafür fährt man schließlich zum KiezKultur.
Wer danach noch ausreichend Energie in den Beinen hatte, konnte sich bei c4rl austoben. Der Hamburger Rapper und Produzent verbindet Trap mit Eurodance und lieferte damit die passende musikalische Grundlage, um den ersten Festivaltag tanzend ausklingen zu lassen. Spätestens hier dürfte auch dem letzten Besucher klar geworden sein, wie weit die musikalische Bandbreite dieses Festivals mittlerweile reicht.
Tag 2: Düsterer Pop, spanischer Shoegaze und die nächste Entdeckung
Der zweite Tag begann dann tatsächlich dort, wo man einen Festivalmorgen normalerweise eher selten verbringt: in einer Sparkassenfiliale. Der bereits erwähnte Tages-Rave war einfach zu kurios, um ihn auszulassen. Nach einem kleinen Rundgang über das Faust-Gelände ging es anschließend wieder zurück zur Live-Musik.
Mit Piya stand zunächst eine Künstlerin auf dem Programm, deren Musik alles andere als leichte Kost ist. Irgendwo zwischen digitalem Chanson, Indie-Pop, experimentellen Klängen, Jazz und klassischer Liedermacherei bewegt sich ihr eigenwilliger Sound. Das Ganze ist stellenweise ziemlich düster und verlangt durchaus etwas Aufmerksamkeit. Aber genau das gehört eben auch zum KiezKultur: sich auf Musik einzulassen, die nicht unbedingt sofort beim ersten Refrain zündet. Piya war dafür ein hervorragendes Beispiel.
Die nächste Überraschung ließ allerdings nicht lange auf sich warten. Haus F standen auf der Hauptbühne und lieferten eine Show ab, die deutlich rockiger ausfiel, als man nach dem ersten Reinhören in ihre Songs vielleicht vermutet hätte. Die noch sehr jungen Musiker überzeugten dabei nicht nur mit ihrer Energie, sondern auch mit einer ausgesprochen sympathischen Art. Bereits am Vorabend waren wir ihnen begegnet, als sie sich ganz selbstverständlich unter das Festivalpublikum mischten. Auch das ist übrigens eine dieser schönen KiezKultur-Eigenheiten: Hier stehen Musiker nicht irgendwo abgeschottet im Backstagebereich, sondern laufen einem ständig über den Weg, schauen sich andere Bands an und gehören einfach dazu. Die Grenzen zwischen Bühne und Publikum verschwimmen auf eine ziemlich angenehme Weise.

Auch Cordoba78 und Quiet Girl wussten anschließend zu überzeugen, bevor mit Grima ein weiteres persönliches Highlight auf uns wartete. Shoegaze und Post-Punk auf Spanisch bekommt man schließlich auch nicht alle Tage zu hören. Die Band brachte eine wunderbar düstere Atmosphäre mit, die in der Safrans Bar hervorragend funktionierte. Und anders als noch am Vortag bei Jewls war die Location dieses Mal auch richtig gut gefüllt. Schön zu sehen, dass dieser besondere Raum seine Wirkung bei entsprechendem Publikumszuspruch noch einmal deutlich steigern kann.
Einen völlig anderen Ansatz verfolgte anschließend Vernier im Lindwurm. Eigentlich ist der Musiker Schlagzeuger, präsentierte seine eigenen Songs an diesem Abend allerdings lediglich mit einer Gitarre bewaffnet. Und das vor einer brechend vollen Bar. Dabei wirkte Vernier ausgesprochen authentisch und angenehm ungekünstelt. Zwischen den Songs hatte er immer wieder sympathische kleine Geschichten parat, die seinen Liedern zusätzlichen Charme verliehen und dafür sorgten, dass man ihm nicht nur musikalisch gerne zuhörte. Hier stand eben keiner, der eine aufwendig einstudierte Bühnenshow abspulte, sondern ein Musiker, der ganz offensichtlich etwas zu erzählen hatte. Ein schöner Kontrast zu den teilweise aufwendigen Produktionen auf den größeren Bühnen. Manchmal reichen eben auch ein Instrument, gute Songs, ein paar persönliche Geschichten und ein Publikum, das wirklich zuhört.
In der Warenannahme sorgte schließlich Ava Joe mit ihrer beeindruckenden Stimme noch einmal für einen dieser Momente, in denen man einfach stehen bleibt und genießt. Und ja, auch hier hatten sich wieder auffällig viele Vertreter der etwas älteren Festivalgeneration versammelt. Offenbar hat die Warenannahme ihre musikalische Zielgruppe inzwischen ziemlich zuverlässig gefunden.
Ein Festival, das man entdecken muss
Natürlich hat ein derart umfangreiches Programm auch seine Schattenseiten. Bei über 80 musikalischen Acts und einer dreistelligen Zahl an Programmpunkten bleiben schmerzhafte Überschneidungen schlicht nicht aus. Mehr als einmal musste man sich zwischen zwei interessanten Künstlern entscheiden und dabei zwangsläufig etwas verpassen. Allerdings war der Timetable insgesamt erstaunlich gut gestaltet. Trotz der vielen kleinen Locations kam es nur selten zu Einlassstopps. Ganz vermeiden ließen sie sich natürlich nicht, aber das gehört bei einem Festival dieser Größenordnung wohl einfach dazu.

Viel bemerkenswerter ist ohnehin, mit welcher Professionalität das KiezKultur mittlerweile organisiert wird. Das Festival wächst musikalisch, räumlich und inhaltlich immer weiter, ohne dabei seinen ursprünglichen Charme zu verlieren. Die Stimmung ist ausgesprochen entspannt, das Publikum neugierig und die Musiker fühlen sich offensichtlich wohl. Egal, ob man vor einer großen Bühne steht, in einer kleinen Bar einem unbekannten Act zuhört oder zufällig mit den Künstlern vom Vorabend ins Gespräch kommt: Überall blickt man in zufriedene Gesichter.
Nach fünf Jahren KiezKultur kann ich dieses Festival deshalb weiterhin uneingeschränkt empfehlen. Es ist inzwischen fast so etwas wie eine kleine Ausgabe des Reeperbahn Festivals geworden. Nur eben mit dem ganz eigenen Charme von Hannover-Linden, etwas weniger Trubel und einer Atmosphäre, die sich erfreulich wenig nach Musikindustrie und dafür umso mehr nach echter Begeisterung für neue Musik anfühlt.
Wer ausschließlich wegen großer Namen auf ein Festival fährt, wird hier möglicherweise nicht glücklich. Wer hingegen Lust hat, sich treiben zu lassen, neue Bands zu entdecken und auch einmal etwas auszuprobieren, das musikalisch zunächst überhaupt nicht ins eigene Beuteschema passt, dürfte kaum einen besseren Ort dafür finden.
Und das Schönste daran: Auch im kommenden Jahr wird es wieder ein KiezKultur Festival geben:

Text: Marc Erdbrügger & Stefan Krüger
Fotocredit: Marc Erdbrügger