Willkommen in der Welt von Keshavara. Das Kölner Quartett um Keshav Purushotham veröffentlicht mit „Moondram Sevi“ am 9. Oktober sein mittlerweile viertes Studioalbum über Papercup Records. Nachdem die Band im Sommer bereits mit dem renommierten Holger Czukay Preis ausgezeichnet wurde, dürfte nun auch der letzte Zweifel beseitigt sein, dass hier vier Musiker unterwegs sind, die mit gewöhnlichem Indie-Pop ungefähr so viel anfangen können wie ein Fisch mit einem Fahrrad.
Dabei ist der Einstieg erstaunlich zugänglich. „Oracular“ ist ein verdammt gut gewählter Opener, der sofort groovt, ohne unbedarfte Hörer direkt mit musikalischer Experimentierfreude zu erschlagen. Eine zwölfsaitige Akustikgitarre, ein herrlich federnder Bass und allerlei psychedelische Spielereien ergeben einen Sound, der einen ziemlich schnell mitnimmt. Keshavara machen komplizierte Musik, die sich überhaupt nicht kompliziert anfühlt.
Und dann beginnt dieser wilde Ritt durch die unterschiedlichsten musikalischen Welten. „Pambu Mookan Uncle“ klingt nach einem Sommerurlaub, bei dem man versehentlich auf einer indischen Disco-Party gelandet ist und anschließend beschlossen hat, einfach dortzubleiben. Die tamilischen Vocals von Sahana Naresh, die auf insgesamt drei Songs zu hören ist, treffen auf einen herrlich entspannten Groove, Dub-Effekte und eine fast mediterrane Leichtigkeit. An anderer Stelle wird es krautrockiger, psychedelischer oder elektronischer. Immer wieder blitzen Sounds auf, die man irgendwo schon einmal gehört zu haben glaubt, ohne sie wirklich zuordnen zu können. Und gelegentlich klingt das Ganze tatsächlich so, als hätte jemand einen Cartoon-Soundtrack aus den Siebzigern mit World Music, psychedelischem Pop und einer ordentlichen Portion Disco zusammengeschüttet. Das muss man erst einmal hinbekommen.
Überhaupt sind diese Cartoon-Theme-Momente eine ziemlich treffende Beschreibung für Teile von „Moondram Sevi“. Da hüpfen Melodien durch die Gegend, Instrumente scheinen sich gegenseitig kleine Streiche zu spielen und irgendwo taucht plötzlich ein Sound auf, der genauso gut die musikalische Untermalung einer völlig absurden Verfolgungsjagd sein könnte. Trotzdem kippt das Album nie ins Alberne. Dafür sind die Arrangements zu clever und das Zusammenspiel der Musiker zu gut. Gerade Bassist Christopher Martin und Schlagzeuger Niklas Schneider sorgen dafür, dass selbst die abenteuerlichsten Ausflüge einen ziemlich stabilen Unterbau besitzen. Songs wie „In My Room“ oder „Birradali“ zeigen zudem, dass Keshavara auch leisere Momente beherrschen.
Was diese Platte so besonders macht, ist allerdings nicht allein ihre stilistische Vielfalt. Es ist vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der hier musikalische Grenzen eingerissen werden. Unterschiedlichste Einflüsse und Genres stehen hier nicht nebeneinander, weil irgendjemand besonders weltoffen wirken möchte. Sie gehören schlicht zu dieser Band. Dass die Musiker nach zwei Jahren auf europäischen Bühnen gemeinsam im eigenen Satori Sound Studio an den Songs gearbeitet haben, hört man dem Ergebnis an. „Moondram Sevi“ klingt lebendig, verspielt und bis in die kleinsten Winkel voller Ideen. Gleichzeitig verliert die Platte bei aller Experimentierfreude nie den Blick für eine gute Melodie oder einen funktionierenden Groove. Das ist längst nicht selbstverständlich.
Fotocredit: Albumcover / Artwork