Wer in den vergangenen Wochen dem Instagram-Account von Ottolien gefolgt ist, konnte die beiden Brüder beim Wandern zwischen zwei ziemlich unterschiedlichen Gefühlswelten beobachten. Auf der einen Seite stand da gerade der bislang größte eigene Auftritt ihrer Karriere: das Open Air in den Herrenhäuser Gärten in Hannover. Auf der anderen Seite mussten Leo und Jonas plötzlich öffentlich darum bangen, ob für die anstehende Herbsttour überhaupt genügend Tickets verkauft werden, damit die geplanten Konzerte stattfinden können.
Pünktlich zur Veröffentlichung ihres dritten Albums „Im Schutz der Nacht“ kam dann aber die erlösende Nachricht: Der Großteil der Tour kann stattfinden. Und das ist auch gut so. Nicht nur, weil abgesagte Konzerte grundsätzlich eine ziemlich beschissene Sache sind, sondern vor allem, weil Ottolien ein Album am Start haben, das gehört werden muss.
Schon der titelgebende Opener zeigt ziemlich eindrucksvoll, wo die Reise hingeht. „Im Schutz der Nacht“ klingt nach Ottolien, nur eben nach gereiften und vor allem verdammt gut produzierten Ottolien. Die Brüder haben ihre Eigenheiten nicht glattgebügelt, sondern verstanden, wie man sie größer klingen lassen kann. Spätestens nach der Bridge öffnet sich die Nummer mit Mitsingparts, die so catchy bislang eher selten im Repertoire der Hannoveraner zu finden waren. Das dürfte live hervorragend funktionieren – sofern genügend Menschen vorher ein Ticket kaufen. Sorry, der musste sein.
Direkt danach zeigt „Tesafilm“, dass sich Leo und Jonas auf ihrem dritten Album nicht auf eine Erfolgsformel festlegen wollen. Elektronischer, leicht düsterer Einschlag, in den Strophen wird gerappt statt gesungen und im Refrain schleichen sich plötzlich Edwin-Rosen-Vibes ein. Zwei Songs, zwei ziemlich unterschiedliche Richtungen.
Und Track Nummer drei macht direkt die nächste Tür auf. Die zunächst fast akustisch reduzierte Nummer lädt sich Stück für Stück immer weiter auf, wächst und wächst, bis zum großen Finale mehrere Spuren übereinanderliegen. Genau hier zeigt sich eine der größten Stärken von „Im Schutz der Nacht“: Ottolien trauen sich inzwischen deutlich mehr zu. Songs müssen nicht mehr unbedingt in eine bestimmte Schublade passen. Indie, Rap, Elektronik, Gitarrenpop – nehmen wir halt alles.
Dass dabei die Texte weiterhin eine zentrale Rolle spielen, versteht sich bei Ottolien fast von selbst. Besonders schön wird das bei „Matthias“, einem Song über einen Freund, der nach New York gezogen ist. Eigentlich könnte daraus problemlos eine melancholische Vermissungsnummer werden. Stattdessen steckt in dem Stück ein bemerkenswerter Optimismus. Und dann fällt diese Zeile: „Unsere Kinder werden fragen: Papa, was war AfD?“ – Man kann nur hoffen, dass Ottolien damit prophetische Fähigkeiten beweisen.
„Die sog. Liebe“ kennt man bereits aus der Vorabveröffentlichung. Gut gelaunte Gitarren treffen auf Lead-Synthies und zeigen erneut, wie selbstverständlich die Brüder mittlerweile unterschiedliche Klangwelten zusammenbringen. Mit „Stark“ gibt es dann sogar ein Feature – allerdings nicht nach dem üblichen Schema „Band lädt Musiker oder Musikerin ein“. Stattdessen überschreiten Ottolien gleich die nächste Spartengrenze und arbeiten mit dem Künstler und Autor Sebastian Becker alias „tschief“ zusammen. Inhaltlich geht es um winterliche Depression, womit der Song ohnehin ziemlich gut in ein Album passt, das sich bevorzugt dann entfaltet, wenn es draußen bereits dunkel ist.
Wer Ottolien schon länger verfolgt, weiß, dass der Name Wir sind Helden im musikalischen Stammbaum der beiden vermutlich ziemlich weit oben steht. Bei „Streifenshirt“ muss man diese Referenz nicht einmal mühsam herbeischreiben, sie springt einen von selbst an. Das Schöne daran: Es klingt trotzdem nicht nach einer bloßen Kopie.
Noch spannender ist „Rosen ins Gewehr“. Der Song erinnert daran, was die Brüder bereits auf ihrer ersten EP mit „Gast“ ziemlich gut konnten: Geschichten aus Perspektiven erzählen, die man selbst vielleicht nicht sofort eingenommen hätte. Bekannte Situationen bekommen dadurch plötzlich eine andere Ebene. Es ist eine Form des Songwritings, die nicht nur vom eigenen Innenleben berichtet, sondern Figuren und Blickwinkel entstehen lässt. Davon darf es gerne noch mehr geben.
Zum Ende wird es dann ruhiger. „Träum Weiter“ und „Der letzte Song“ bringen Gitarren und jenen Lagerfeuer-Moment mit, bei dem man gedanklich schon Menschen im Kreis sitzen sieht. Wobei „Lagerfeuer“ den beiden Stücken eigentlich Unrecht tut. Denn textlich geht es deutlich tiefer, als diese etwas banale Beschreibung vermuten lässt. Gerade weil Ottolien hier musikalisch reduzieren, bekommen die Worte noch einmal mehr Raum.
„Im Schutz der Nacht“ ist ein Album, das erstaunlich vielseitig ist und trotzdem nie auseinanderfällt. Eines, auf dem die Brüder ihre bekannten Stärken mitnehmen, aber nicht ständig versuchen, alte Songs noch einmal neu zu schreiben. Die Produktion ist größer geworden, die Refrains an den richtigen Stellen eingängiger und gleichzeitig haben sich Ottolien genügend Eigenwilligkeit bewahrt. Das hier sind zwei Brüder, die hörbar wissen, was sie inzwischen können – und gleichzeitig noch genügend Lust haben, herauszufinden, was darüber hinaus möglich ist.
Im Schutz der Nacht Tour 2026
14.10.26 :: Hamburg :: Hebebühne
16.10.26 :: Oldenburg :: umBAUbar
21.10.26 :: Nürnberg :: MUZclub
23.10.26 :: Erfurt :: Engelsburg
Fotocredit: Albumcover / Artwork