Es gibt Menschen, die fahren nach Südfrankreich und bringen anschließend drei Flaschen Rosé, Sonnenbrand und viel zu viele Fotos mit nach Hause. Deer Anna hat sich stattdessen einen Field Recorder geschnappt und Vögel, Frösche, Grillen und plätscherndes Wasser aufgenommen. Kann man machen. Vor allem, wenn am Ende daraus eine EP wie „For The Birds“ entsteht.
Fünf Songs umfasst die inzwischen dritte EP der Hamburger Künstlerin, entstanden zwischen Hamburg und einem kleinen Dorf in Südfrankreich. Gemeinsam mit Produzent Hannes Wolf und ihren Co-Writer*innen lässt Deer Anna die Umgebung Teil der Musik werden. Naturgeräusche treffen auf warme Gitarren und mehrstimmigen Gesang. Die Grenze zwischen Song und Umgebung wird dabei immer wieder erstaunlich durchlässig.
Schon „Aren’t You Tired“ macht deutlich, wohin die Reise geht. Die Stimme steht nah im Raum, Instrumente tauchen auf und verschwinden wieder. Dass als Referenz schnell Bon Iver in den Sinn kommt, dürfte kaum überraschen. Das Problem ist nur: Man wird das Gefühl nicht los, dass hier noch mehr möglich gewesen wäre. Ideen gibt es reichlich, was fehlt, ist gelegentlich die ordnende Hand, die entscheidet, welche davon tatsächlich im Mittelpunkt stehen soll. So bleibt ein schöner Song, der seine Möglichkeiten nicht ganz ausschöpft.
„Growing Old“ beginnt anschließend mit einer Gitarrenlinie, bei der für einen kurzen Moment Mumford & Sons um die Ecke schauen. Wer nun allerdings darauf wartet, dass gleich die große Folkrock-Maschinerie angeworfen wird und irgendjemand das Banjo in Richtung Stadion trägt, wartet vergeblich. Deer Anna sortiert den Song ziemlich schnell wieder dort ein, wo sie sich auf „For The Birds“ am wohlsten fühlt: im kleinen, zurückhaltenden Indie-Folk.
Der dritte Track ist am weitesten von konventionellem Pop entfernt und gleichzeitig der mit Abstand spannendste Moment der EP. Auch hier ist Bon Iver als Referenz nicht weit entfernt. Nur funktioniert der Vergleich diesmal weniger als Beschreibung dessen, was dem Song noch fehlt, sondern eher als Hinweis darauf, wie mutig Deer Anna mit Stimmen, Strukturen und Sounds umgehen kann. „Cricket“ ist nicht nur das herausragende Stück von „For The Birds“, sondern auch der Song, bei dem man sich wünscht, die EP würde häufiger genau dieses Risiko eingehen.
Danach wird es mit „Gardener“ wieder deutlich reduzierter. Deer Annas Stimme rückt ins Zentrum und bekommt genau den Raum, den sie braucht. Zum Abschluss wartet „Frogs In Our Living Room“. Schon der Titel dürfte beim ersten Blick auf die Tracklist zuverlässig hängen bleiben. Dahinter verbirgt sich allerdings kein weiterer klassischer Song, sondern ein Instrumental, das an einem Nachmittag im Wohnzimmer des französischen Hauses entstanden ist.
Wer nach den fünf Songs noch tiefer in ihre Atmosphäre eintauchen möchte, findet auf der Vinylveröffentlichung zudem fünf Remixe – einen zu jedem Song der EP –, die, von der Künstlerin selbst kreiert, die Welt von For the Birds noch ein bisschen weiter spannen.
Fotocredit: Albumcover / Artwork