25 Jahre Bandgeschichte. Das ist normalerweise der Moment, in dem Plattenfirmen hektisch im Archiv kramen, alte Songs neu mastern und eine Best-of-Compilation mit drei bislang unveröffentlichten B-Seiten als großes Jubiläumsgeschenk verkaufen. Kann man machen. Muss man aber nicht. Itchy haben sich zum 25. Geburtstag jedenfalls für die deutlich sympathischere Variante entschieden: einfach ein neues Album aufnehmen. „Happy Little Accidents“, das am 16. Oktober erscheint, ist mittlerweile das zehnte Studioalbum des Trios aus Eislingen an der Fils. Und tatsächlich fühlt sich die Platte wie eine kleine Reise durch die eigene Bandgeschichte an. Allerdings ohne nostalgische Verklärung oder den Versuch, die Vergangenheit künstlich wiederzubeleben. Stattdessen zitieren Itchy ihre unterschiedlichen musikalischen Phasen, spielen mit vertrauten Elementen und schaffen es dabei, erstaunlich frisch zu klingen.
Dass die Band ihr Jubiläum mit einem gewissen Augenzwinkern betrachtet, zeigt bereits der Opener „Tribute Song“. Der Titel ist natürlich Programm, denn hier wird ganz charmant der Pixies-Klassiker „Where Is My Mind?“ zitiert. Eine kleine musikalische Verbeugung, die wunderbar funktioniert und gleichzeitig den Ton für das gesamte Album vorgibt. Itchy nehmen sich und ihre eigene Geschichte nicht allzu ernst, ihre Musik dafür umso mehr. Direkt danach folgt mit „Counting the Dots“ eine Nummer, bei der man sich durchaus fragen darf, ob nicht versehentlich die Donots im Studio vorbeigeschaut haben. Der Song könnte problemlos aus deren Feder stammen. Trotzdem bleibt er unverkennbar Itchy. Was vermutlich auch daran liegt, dass beide Bands seit Jahrzehnten eine ähnliche Vorstellung davon haben, wie verdammt guter melodischer Punkrock zu klingen hat.
Mit „Today“ findet sich außerdem ein Song auf der Platte, der für regelmäßige Konzertbesucher längst kein Unbekannter mehr sein dürfte. Die bereits vorab veröffentlichte Nummer durfte in diesem Jahr schon einige Runden durch die Live-Sets der Band drehen und hat dabei offenbar genau das getan, wofür Itchy-Songs gemacht sind: sofort funktionieren. Es würde mich jedenfalls schwer wundern, wenn „Today“ nicht dauerhaft einen Platz in den Setlists finden würde. Überhaupt besitzen die zwölf Songs diese typische Itchy-Qualität, bei der man sich bereits beim ersten Hören ziemlich gut vorstellen kann, wie das Ganze vor einer verschwitzten Festivalbühne klingt.
„Oh Boy“ übernimmt auf „Happy Little Accidents“ derweil die Rolle, die einst „Dancing in the Sun“ innehatte. Ein Song, der mit seiner unbeschwerten Energie und seiner Eingängigkeit ziemlich schnell für gute Laune sorgt. Gleiches gilt für „This Misery“ oder meinem persönlichem Favorit „Shit Gets Real“. Die Nummer ist für mich der heimliche Star dieser Platte. Verdammt melodisch, unglaublich catchy und mit genau jener Energie ausgestattet, die Itchy seit Jahren so gut beherrschen.
Man könnte fast meinen, die Band hätte hier ganz bewusst noch einmal in ihrer eigenen musikalischen Vergangenheit gewühlt und geschaut, welche Zutaten auch ein Vierteljahrhundert später noch hervorragend funktionieren. Die Antwort: ziemlich viele. Allerdings wäre es zu einfach, das Album lediglich als Sammlung neuer Versionen alter Itchy-Songs abzutun. Dafür stecken in den Arrangements und Melodien zu viele kleine Ideen, die zeigen, dass das Trio auch nach 25 Jahren noch Lust darauf hat, an seinem Sound zu schrauben.
Bemerkenswert ist dabei vor allem, wie konstant „Happy Little Accidents“ über seine gesamte Spielzeit bleibt. Unter den zwölf Songs findet sich tatsächlich kein einziger Ausfall. Natürlich gibt es Nummern, die schneller zünden, und andere, die ein paar Durchläufe benötigen. Aber einen Song, bei dem man reflexartig zur Skip-Taste greifen möchte, sucht man vergeblich. Das ist bei einem Jubiläumsalbum, das unterschiedliche Phasen einer 25-jährigen Bandgeschichte aufgreift, alles andere als selbstverständlich. Zumal Itchy nich versuchen, zwanghaft möglichst viele musikalische Gesichter zu zeigen. Die Platte wirkt trotz ihrer Rückbezüge erstaunlich unverkrampft.
Vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses Albums: Itchy feiern ihre Vergangenheit, ohne in ihr stecken zu bleiben. „Happy Little Accidents“ ist eine Liebeserklärung an 25 Jahre Bandgeschichte, aber eben keine musikalische Selbstbeweihräucherung. Stattdessen gibt es zwölf neue Songs, die Spaß machen, live funktionieren dürften und immer wieder daran erinnern, warum man diese Band irgendwann einmal ins Herz geschlossen hat. Happy Birthday, Itchy. Auf die nächsten 25 Jahre.
Fotocredit: Albumcover / Artwork