Manchmal reicht eine einzige Referenz, um mich neugierig zu machen. Im Pressetext zum neuen kid dad-Album „love away the sadness“ fällt der Name Royel Otis. Und da werde ich inzwischen hellhörig. Das australische Duo hat sich bei mir innerhalb des vergangenen Jahres ziemlich nachhaltig von „klingt interessant“ zu einer meiner absoluten Lieblingsbands hochgespielt. Entsprechend skeptisch bin ich allerdings auch, wenn der Name irgendwo als Vergleich herhalten muss. Presseinfos sind bei Referenzen schließlich gerne mal großzügig. Dann läuft Track Nummer zwei: „Can I Get A Maybe?“ – Okay. Passt tatsächlich.
Und spätestens beim folgenden „A.M.“ wird aus dem zustimmenden Nicken ein ziemlich breites Grinsen. Denn der Alternative-Rocker setzt sogar noch einen drauf und klingt tatsächlich ein bisschen nach Royel Otis, ohne auch nur für einen Moment nach einer Kopie zu klingen. Diese lässigen Gitarren, die Melodien, die scheinbar vollkommen selbstverständlich vorbeikommen, und gleichzeitig genügend Druck, damit aus dem Ganzen kein gemütlicher Indie-Nachmittag wird.
Dabei kommen kid dad ursprünglich aus einer etwas anderen Ecke. Die Band aus Berlin und Paderborn hat sich über die vergangenen Jahre einen Namen zwischen Alternative und Indie Rock gemacht, war mit Fatherson, Razz und Taking Back Sunday unterwegs und spielte unter anderem bei der Fusion und Rocken am Brocken. Nun also „love away the sadness“ – und damit eine Platte, für die das Trio bewusst ein paar Schritte zurückgeht, um musikalisch nach vorne zu kommen.
Das Album wurde komplett im eigenen Proberaum aufgenommen und produziert. Weniger Schichten, weniger Kontrolle, weniger Perfektion. Stattdessen sollten wieder drei Menschen in einem Raum zu hören sein, die gemeinsam Musik machen. Eine Idee, die im Jahr 2026 fast schon wieder erstaunlich revolutionär klingt.
Überhaupt scheint der Verzicht auf den großen Produktions-Masterplan der Band hörbar gutgetan zu haben. Wo andere Produktionen so lange perfektioniert werden, bis von der ursprünglichen Idee nur noch eine hervorragend komprimierte Datei übrig ist, darf „love away the sadness“ knarzen, drücken und schief in der Tür stehen.
Mit „Something New“ hatten kid dad diesen neuen Abschnitt bereits eingeläutet. Der Titel passt dabei fast ein bisschen zu gut. Denn natürlich erfinden sich kid dad auf diesem Album nicht komplett neu. Aber zu einem einem grandiosen Video des Albumopeners hat es dennoch geführt:
Mit gerade einmal acht Songs kommt „love away the sadness“ außerdem angenehm kompakt daher. Kein künstliches Aufblasen auf zwölf oder dreizehn Tracks, nur damit am Ende die Spielzeit nach „richtigem Album“ aussieht. Und genau daraus zieht die Platte eine weitere Stärke: Hier steht schlicht nichts herum, was nicht gebraucht wird.
Und den ganz besonderen Moment gibt es auch noch: „Dopamine“, den die Band selbst als emotionalen Focus-Track hervorhebt. Der Song beschreibt diese ruhelose Jagd nach der nächsten kleinen Belohnung, nach der „Symphony of dopamine“ – also nach genau jenem kurzen Kick, der einen für einen Moment ruhigstellt, ohne wirklich etwas zu lösen. Musikalisch übersetzen kid dad dieses Gefühl ziemlich treffend: Der Track wirkt zunächst beinahe wie betäubt, hält Spannung zurück und arbeitet sich dann immer weiter nach oben, bis der Refrain förmlich aufbricht.
Unterm Strich sehe ich „love away the sadness“ als gelungene Weiterentwicklung von kid dad an. Und wenn eine Band mich innerhalb von zwei Songs erst an eine meiner aktuellen Lieblingsbands erinnert und anschließend dafür sorgt, dass ich den Vergleich eigentlich schon wieder vergessen möchte, hat sie ziemlich viel richtig gemacht. Royel Otis haben schließlich schon einen Platz in meiner Plattensammlung. Für kid dad findet sich daneben aber durchaus noch einer.
Fotocredit: Albumcover by Max Zdunek