Es gibt Ideen, die klingen im ersten Moment nach einer spontanen Schnapsidee – und erweisen sich am Ende als genau der Ausflug, den man gebraucht hat. Genau so ein Moment trug sich an einem grauen Januartag im CentrO Oberhausen zu.
Wenn man, so wie ich, eigentlich eher im staubigen Infield vom Wacken Open Air, zwischen den düsteren Bässe-Massen des Mera Luna oder mitten im Moshpit vor der Alternastage bei Rock am Ring zu Hause ist, kennt man den gängigen Festival-Zirkus irgendwann in- und auswendig. Man weiß exakt, wie das Bier schmeckt, welche Bands auf welcher Bühne stehen und ab wann der Schlamm in die Stiefel läuft. Zeit also für ein Kontrastprogramm. Zeit für etwas völlig Neues.
Also: gesagt, getan – spulen wir ein paar Monate vor.
Es ist Freitag, der 17. Juli 2026. Die Julisonne brennt unbarmherzig vom Himmel herab, als ich die ersten Schritte über das Gelände des Flughafens Weeze setze. Binnen weniger Sekunden prasseln gefühlt zehntausend optische und akustische Eindrücke gleichzeitig auf mich ein. Es ist schlichtweg erschlagend – als hätte man ein Portal durchschritten und stünde plötzlich mitten in einer völlig eigenen, fantastischen Parallelwelt. Nicht umsonst nennt man die Besucher dieses Spektakels hier nicht bloß „Gäste“, sondern ehrfürchtig „Citizens“. Was sich vor mir erstreckt, ist nämlich längst kein gewöhnliches Musikfestival mehr, sondern eine metropolitane Vergnügungsoase, eine durchgestylte temporäre Megacity.
Der schiere Detailreichtum erschlägt einen förmlich an jeder Ecke. Mein erster Weg führt mich direkt zum Rathaus, der Townhall, um mir im offiziellen Parookaville-Pass den begehrten Einreise-Stempel abzuholen. Weiter geht es vorbei an der imposanten Kulisse von Bill’s Factory – einem monströsen Steampunk-Traum aus Zahnrädern und Stahl – bis zum ersten rettenden Kaltgetränke-Stopp unter der glühenden Hitze des Nachmittags.
Unser musikalisches Programm startet wenig später an der verfurcht-bunten Brainwash-Stage mit Evil Jared & Krogi. Was hier geboten wird, ist keine gewöhnliche DJ-Show, sondern der schiere Abriss. Es dauert keine zehn Minuten, bis wir uns in der ersten gigantischen Polonaise des Tages wiederfinden. Damit ist die Marschrichtung für die kommenden Stunden unmissverständlich eingeschlagen: Hemmungslose Party, beste Laune und eine gepflegte Dosis Anarchie bis zum Abwinken.

Danach heißt es erst einmal: Stadtbummel. Wir erkunden das weitläufige Territorium dieser verrückten City. Wohin man auch blickt, überall gibt es liebevolle Details und beeindruckende Bauten zu entdecken. Da ist die brandneue 360-Grad-Stage im Desert Valley, auf der die Bäume und Bässe im Kreis rotieren, der mächtige Gorbatschow-Eisbrecher, der kühlen Nebel in die hitzige Menge pustet, und das legendäre Bermuda-Viereck, das bereits am frühen Nachmittag aus allen Nähten platzt. Dazwischen reihen sich unzählige Kleinkunst-Oasen, Imbiss-Maiken und aufwendig gestaltete Chill-out-Areas aneinander, in denen Glitzerstaub und Bässe in der Luft liegen.
Besonders gigantisch präsentiert sich jedoch das unbestrittene Wahrzeichen der Stadt: die Mainstage. In diesem Jahr steht die gigantische Kulisse ganz im Zeichen des Elements Wasser – ein architektonisches Kunstwerk aus Kaskaden, LED-Wänden und spritzenden Fontänen. Schon bei Tageslicht ein absolut faszinierender Hingucker, sollte sich die Bühne nach Einbruch der Dunkelheit vollends zum pochenden Herzstück des gesamten Parookaville-Kosmos verwandeln.
Während ich mir beim ersten Annähern noch die ehrliche Frage stelle, warum eine so gewaltige, viele Dutzend Meter breite Konstruktion eine vergleichsweise überschaubare DJ-Kanzel besitzt, treffe ich auf einen anderen Citizen, der sich eine ganz andere fundamentale Frage stellt: Ist es unter der verspiegelten Maske von Glockenbach eigentlich nicht unerträglich heiß? Ein berechtigter Einwand, denn heiß sind auf jeden Fall die Dancemoves der dicht gedrängten Crowd vor dem DJ-Pult.
Im Anschluss übernimmt Schrotthagen das Zepter und schraubt die Betriebstemperatur auf dem Vorplatz weiter nach oben. Der knochentrockene Niederrhein-Boden zollt dem exzessiven Tänzer-Ansturm schnell seinen Tribut: Schon bald bildet sich aus dem aufgewirbelten Sand eine Art mystischer „Bodennebel“, der das Licht der Scheinwerfer eindrucksvoll bricht.
Als die Sonne schließlich langsam und spektakulär hinter den verbliebenen Hangar-Kulissen des alten Militärflughafens versinkt, verwandelt sich das Gelände. Die Massen ziehen nun wie magnetisch angezogen geschlossen in Richtung Mainstage. Blasterjaxx drehen die Anspannungsschraube mit wuchtigen Drops spürbar nach oben. Direkt im Anschluss liefert Afterlife-Schützling Argy ein tiefes, fast hypnotisches Set ab. Er schlägt mühelos die Brücke zwischen melancholischem Melodic Techno und brachialer Mainstage-Energie – Hymnen wie „Aria“ rollen wie eine schwere Welle durch die dichte Menschenmenge und sorgen für gänsehauterzeugende Kollektiv-Ekstase.
Wer denkst, dass das gesamte Festival nun starr auf die Hauptbühne starrt, täuscht sich gewaltig. Auf der Brainwash gibt es zeitgleich das Kontrastprogramm schlechthin: Niemand Geringeres als Schlager-Legende Vicky Leandros gibt sich die Ehre! Die Schlange vor dem Areal ist schier endlos, es gibt schlichtweg kein Durchkommen mehr. Wenn tausende feierwütige Electronic-Fans aus vollem Hals „Ich liebe das Leben“ mitgrölen, hat das eine Anziehungskraft, der man sich nicht entziehen kann. Ein wenig später sorgt Loona an gleicher Stelle ebenfalls für ein komplett volles Haus, wobei hier statt Schlager eher feurige 90er-Eurodance-Vibes das Zepter übernehmen.
Natürlich bietet die Nacht noch so viel mehr: Lari Luke prügelt im Time Lab erbarmungslos ihre extrem fetten Bass-Beats in die Menge, während Poltergst etwas später die Hütte mit treibenden Hardstyle- und Techno-Sounds bis zum letzten Platz füllt. Im Power Plant geben sich derweil Pendulum mit einem furiosen DJ-Set die Ehre. Um Mitternacht beschert uns Sullivan King eine wahnwitzige Mischung aus Dubstep, Heavy-Metal-Gitarren und Screams – irgendwo auf dem faszinierenden Schmalgrat zwischen mitreißender Abriss-Party und kontrolliertem Auffahrunfall, man weiß es nicht genau. Die danach folgenden Modestep stehen diesem energetischen Wahnsinn in absolut nichts nach.
Doch das absolute, unangefochtene Spektakel des späten Abends spielt sich wieder auf der Hauptbühne ab. Um kurz nach 23 Uhr betritt Trance-Großmeister Armin van Buuren das Deck der Wassermonstruosität. Was der Niederländer in den folgenden gut anderthalb Stunden abfackelt, ist absolute Weltklasse. Mit einer beispiellosen Spielfreude jagt er melodische Trance-Hymnen, knallharte Uplifting-Synths und treibende Big-Room-Beats durch die gigantische Soundanlage. Lasersalven schneiden durch die Nacht, Feuerfontänen schießen in den Himmel und zehntausende Arme bewegen sich absolut synchron im Takt. Spätestens, als er seine Klassiker in modernen Gewändern abfeuert, brennt der Boden – ein verbindendes Wir-Gefühl, das selbst einen abgebrühten Rock-Fan ehrfürchtig staunen lässt.

Gegen dreiviertel eins folgt dann der maximale Stilbruch auf der Mainstage: Charlotte de Witte übernimmt das Kommando. Wo eben noch euphorisierende Trance-Melodien schwebten, regiert nun knallharter, kompromissloser Acid-Techno. Mit düsteren Basslines, peitschenden Hi-Hats und sägenden Synthesizern verwandelt die Belgierin die riesige Freiluft-Bühne in einen gigantischen, unterirdischen Underground-Rave. Es ist wuchtig, es ist roh, es ist hypnotic – und zieht einen mit einer unerbittlichen Dynamik in den Bann.
Als die Zeiger der Uhr schließlich auf die späten Nachtstunden zusteuern und die Beine vom stundenlangen Tanzen schwer werden, wartet noch das finale Highlight auf uns: der persönliche Rausschmeißer des Tages. Kein Geringerer als die deutsche Trance-Legende ATB bittet zum emotionalen Kehraus. Als die weltbekannten, schwebenden Gitarren-Strings von „9 PM (Till I Come)“ durch die warme Sommernacht getragen werden und ein Meer aus Smartphone-Lichtern die Dunkelheit erhellt, stellt sich eine wohlig-warme Melancholie ein.
Es war der perfekte, nostalgische Schlusspunkt unter einen völlig verrückten ersten Tag. Erschöpft, überfordert von Reizüberflutungen, im Gesicht glitzernd und mit staubigen Schuhen treten wir den Heimweg an. Parookaville, du hast einen Metalhead vielleicht nicht bekehrt – aber definitiv nachhaltig verzaubert!
Fotocredit: Cynthia Theisinger