Nach dem fulminanten und reizintensiven Auftakt am Freitag meint es der Wettergott am Samstag spürbar gnädiger mit den zehntausenden Bürgern dieser temporären Ausnahmestadt. Die glühende Hitze des Eröffnungstages weicht angenehmeren, kühleren Temperaturen. Ein zarter Wind zieht über das weitläufige Rollfeld des Flughafens Weeze – perfekte Bedingungen also, um das Tanzbein ohne drohenden Hitzekollaps über die staubigen Wege zu schwingen und den Körper auf die nächste epische Schicht vorzubereiten.
Unser persönlicher Startschuss fällt an diesem Nachmittag in den imposanten Hallen des Power Plant. Hier hat eine echte Pionier-Instanz der elektronischen Musik die Regler übernommen: Schiller. Christopher von Deylen und sein Setup lassen die Zeit für einen Moment komplett stillstehen. Mit seinen schwebenden, melancholischen Melodien, zeitlosen Synthesizer-Flächen und warmen, organischen Soundteppichen sorgt er für eine gewaltige Dosis Nostalgie. Es ist ein wunderbar entschleunigter, fast schon poetischer Einstieg in den zweiten Festivaltag, der das feierwütige Publikum sanft abholt und in eine tranceartige Wohlfühloase entführt, bevor der musikalische Exzess vollends seinen Lauf nimmt.

Direkt im Anschluss ziehen wir weiter in die benachbarte Cloud Factory, die sich schon rein architektonisch als eines der absoluten Bauwerke-Highlights von Parookaville entpuppt. Die Stage unterscheidet sich drastisch von den klassisch frontal ausgerichteten Aufbauten: Die DJs stehen sich hier auf einem imposanten Podest direkt gegenüber, sodass man von den umliegenden Rängen einen quasi 360-Grad-Blick auf das Geschehen und die arbeitenden Hände am Mixer genießen kann. Selbst bei Tageslicht setzt die extrem aufwendige Lichtshow aus blitzenden Stroboskopen und farbintensiven LED-Elementen mächtige visuelle Akzente. Auf dem Programm steht das mit Spannung erwartete B2B-Set von Techno-Schwergewicht Boys Noize und der schwedischen Hard-Techno-Queen SPFDJ. Was die beiden in doppelter DJ-Power abliefern, ist ein kompromissloser, treibender Abriss. Industrielle Techno-Beats, drückende Basslines und peitschende Rhythmen verschmelzen zu einem wuchtigen Soundwall, der augenblicklich den verbliebenen Müdigkeitsstaub von den Stiefeln bläst.
Beim anschließenden Orientierungsbummel durch die weitverzweigten Straßen der Megacity bleiben wir völlig unvoreingenommen an der Brainwash-Stage hängen – und trauen unseren Augen kaum. Was zur Hölle passiert hier bitte gerade? Die Schaumkanonen laufen auf absoluter Höchststufe und hüllen die ersten Reihen in weiße Seifenberge. Auf der Bühne hat es sich ein weitgehend entkleideter Mann auf einer echten Massageliege bequem gemacht, während brüllend harte Bässe aus den Lautsprechertürmen wummern und die feiernde Menge über Mikrofone brüllend zu schweißtreibenden Sportübungen, Hampelmännern und Dehnübungen animiert wird. Ein kurzer Blick auf die Running Order löst das skurrile Rätsel: Team Rhythmusgymnastik hat das Kommando übernommen. Es ist völlig drüber, absolut unberechenbar und von einer herrlich erfrischenden Dosis Anarchie getränkt. Genau solche unkonventionellen, verrückten Inseln des Schwachsinns machen den einzigartigen Charme von Parookaville aus.

Nach diesem sportlichen Exkurs meldet sich der Magen, was uns zum hervorragenden Penny Vegan Food Stand führt. Kulinarisch lässt die Infrastruktur dieser temporären Großstadt wirklich keinerlei Wünsche offen. Die Auswahl an pflanzlichen Leckereien ist phänomenal und sorgt für den nötigen Energieschub, bevor es an der Brainwash direkt hochkarätig weitergeht. Großstadtgeflüster entern die Bretter und der Funke springt von der allerersten Sekunde an wie ein Lauffeuer auf den vollen Vorplatz über. Das Berliner Trio peitscht Songs wie „Feierabend“ oder „Ich kündige“ in die Menge, während tausende Stimmen jede einzelne Zeile aus vollem Halse mitbrüllen. Doch Großstadtgeflüster sorgen nicht nur für ausgelassene Partystimmung, sondern setzen auch ein ganz klares, unmissverständliches Zeichen: Es ist die erste und im Verlauf des gesamten Wochenendes leider auch einzige Formation, die sich auf der Bühne explizit und unmissverständlich gegen Faschismus, Rassismus und Intoleranz ausspricht. In einem Genre und auf einem Großfestival, in dem allzu oft das unpolitische Mantra „No politics, just music“ dominiert, ist dieser Moment extrem hervorzuheben. Er brennt sich tief ein und tut der Seele unheimlich gut.
Überhaupt zeigt sich die Parookaville-Bürgerschaft über die drei Tage hinweg von ihrer absolut schönsten und friedlichsten Seite. Trotz der gigantischen Menschenmassen, des Alkoholkonsums und der Reizüberflutung ist mir im gesamten Verlauf nicht ein einziger queer- oder LGBTQ+-feindlicher Kommentar zu Ohren gekommen. Die Atmosphäre auf den Straßen, vor den Stages und in den Chill-out-Zonen ist durchweg von einer tiefen Weltoffenenheit, gelebter Toleranz und einem harmonischen Miteinander geprägt – ein sicherer Raum, in dem jeder genau so sein kann, wie er möchte.

Musikalisch schaltet der Abend nun in den Höchstgang. Während an der düster-futuristischen Kulisse der Bill’s Factory die Formationen Harris & Ford, Da Tweekaz und Brennan Heart die Zügel in die Hand nehmen und die Hütte mit brachialen Hardstyle-Kicks, feurigen Pyro-Effekten und beschleunigten Hands-Up-Melodien förmlich in ihre Einzelteile zerlegen, verwandelt sich die Mainstage vor dem gigantischen Wasserspiel-Monoment in ein globales Epizentrum der EDM-Prominenz.
Den Auftakt dieses Hauptbühnen-Marathons machen das niederländische Erfolgsduo W&W. Willem und Ward lassen keine Zeit verstreichen und zünden ab Minute eins ein absolutes Big-Room-Feuerwerk. Ihre Synthesizer-Riffs kreischen durch die Nacht, untermalt von gigantischen Bass-Drops, die den Niederrhein-Boden spürbar zum Erbeben bringen. Tausende Hände schnellen bei jedem Aufbau synchron in die Höhe, während die Lichtoper der Mainstage ein farbenprächtiges Meer aus Lasern über die Köpfe der Massen wirft.
Direkt im Anschluss übernehmen The Chainsmokers das Ruder. Das US-amerikanische Duo beweist eindrucksvoll, warum es seit Jahren zu den weltweit erfolgreichsten Pop- und EDM-Acts überhaupt gehört. Sie spannen mühelos den Bogen zwischen ihren weltbekannten Welthits wie „Closer“ oder „Something Just Like This“ und überraschend harten, treibenden Club-Edits, die nahtlos ineinandergreifen. Die Menge singt die Hooklines kilometerweit hörbar mit, während auf den gigantischen LED-Wänden farbgewaltige Visuals erstrahlen und Konfettikanonen den Himmel in einen bunten Papierrausch hüllen.
Als wäre die Betriebstemperatur nicht schon am Siedepunkt, betritt schließlich die Naturgewalt aus Australien die Kanzel: Timmy Trumpet. Der Australier ist kein gewöhnlicher DJ, er ist ein rasender Derwisch auf der Bühne. Mit seiner charakteristischen Trompete im Anschlag springt er pausenlos über das Mischpult, bläst live gespielte Ska- und Jazz-Inspirationen über knallharte Psytrance- und Hardstyle-Beats und peitscht die Crowd in eine kollektive Ekstase. Wenn Timmy Trumpet am Rand des Stegs steht, die Trompete gen Himmel streckt und zeitgleich gewaltige Feuerfontänen aus dem Bühnenrand emporsteigen, hat das eine schiere energetische Wucht, der man sich schlichtweg nicht entziehen kann.
Eigentlich hätte ich mir zu späterer Stunde nur zu gern noch das kultige Set der Drunken Masters auf der Brainwash gegönnt, um mich von ihren kreativen Hip-Hop- und Bass-Remixen durchschütteln zu lassen. Doch wer bei dem unbestrittenen Höhepunkt des samstäglichen Festivalprogramms – der großen Parookaville Ceremony – einen erstklassigen Sichtplatz ergattern will, muss strategisch und vorausschauend planen. Also beziehen wir rechtzeitig im dicht gedrängten Zentrum vor der imposanten Hauptbühne Stellung.
Was folgt, als die Uhren die magische Stunde schlagen, ist ein atemberaubendes, hochkomplexes Gesamtkunstwerk, das die Sinne komplett überflutet. Über eine eigens komponierte, epische Orchestermusik, die im Zusammenspiel mit treibenden Bässe-Installationen Gänsehaut am gesamten Körper erzeugt, entspinnt sich eine visuelle Geschichte. Ein perfekt choreografiertes Großfeuerwerk schießt tonnenweise Effektmunition in den Nachthimmel, während zeitgleich Hunderte von leuchtenden Drohnen majestätisch über der Arena aufsteigen. Sie formen am dunklen Himmel gigantische, schwebende 3D-Symbole, den legendären Stadtgründer Bill Parooka, leuchtende Schriftzüge und filigrane Muster, die nahtlos im Takt der Musik ihre Gestalt verändern. Bunte Lasersalven schneiden im Sekundentakt durch den aufgewirbelten Nebel, Feuerbälle erhellen die Gesichter der zehntausend staunenden Bürger und spritzende Wasserfontänen reflektieren das farbenfrohe Lichtspektakel. Es ist ein Moment von schierer Magie und emotionaler Überwältigung, der die grenzenlose Phantasie dieser temporären Wunschstadt perfekt auf den Punkt bringt.
Nach diesem beispiellosen visuellen Überfall fordern die unzähligen zurückgelegten Kilometer über das steinige Areal und die zwei intensiv durchgefeierten Tage langsam, aber unerbittlich ihren Tribut von den Knochen. Wir beschließen, die verbleibenden Kraftreserven zu schonen, und lassen den Abend aum dem Rückweg an der Power Plant zu den mitreißenden Eurodance- und Dance-Sounds der italienischen Legende Gabry Ponte ausklingen. Klassiker wie „Blue (Da Ba Dee)“ in modernen, treibenden Gewändern lassen noch einmal Erinnerungen an die Jugend aufblitzen und sorgen für ein seliges Lächeln auf den staubigen Gesichtern.
Schließlich machen wir uns langsam auf den Fußmarsch in Richtung der wartenden Shuttlebusse. Als wir den Ausgang der Megacity ansteuern, wehen uns von den tontonnenschweren Lautsprechern der Bill’s Factory noch die letzten extrem harten, kompromisslosen Rawstyle-Bässe von Rooler entgegen – ein brutaler, peitschender Soundtrack, der uns wie ein stählernes Echo auf dem Weg zurück in die Realität begleitet.
Zwei von drei Tagen in diesem verrückten Wunderland sind nun vollbracht. Die Füße schmerzen, die Ohrsessel dröhnen leise, aber das Herz ist voller unvergesslicher Eindrücke. Morgen wartet bereits das große Finale auf uns!

Fotocredit: Cynthia Theisinger