Wenn man am dritten Tag eines Festivals die Augen aufschlägt, meldet sich der Körper unweigerlich mit Nachdruck. Doch der Wettergott hat ein Einsehen und schickt uns am Sonntag schlichtweg perfektes Festivalwetter: Die Temperaturen klettern im Vergleich zum Samstag wieder ein paar Grad nach oben, bleiben aber wunderbar angenehm. Selbst mitten in der prallen Sonne lässt es sich hervorragend aushalten – keine drückende Hitzewelle wie am Freitag, sondern bestes Sommerwetter, das die letzten Kraftreserven noch einmal wie von selbst mobilisiert.
Für unser großes Finale haben wir einen klaren Matchplan gefasst. Nach zwei Tagen des Dauerwanderns zwischen all den verrückten Attraktionen der Megacity entscheiden wir uns heute für eine fokussierte Strategie. Der heutige Tag gehört fast ausschließlich der Bill’s Factory. Die gigantische Steampunk-Kulisse mit ihren riesigen Zahnrädern und rostigen Stahlkonstruktionen wird für die kommenden Stunden zu unserem Hauptwohnsitz.
Den Auftakt macht am Nachmittag Bausa pres. Sauber. Ehrlich gesagt: Der Funke will hier noch nicht so recht überspringen. Das Set plätschert streckenweise etwas belanglos vor sich hin und wirkt für den frühen Sonntag noch ein wenig zäh. Aber gut, zum Aufwärmen und Ankommen auf dem Areal reichte es allemal.
Was danach folgt, stellt meine persönliche Schmerztoleranz allerdings auf eine harte Probe. Als Schlager-Urgestein DJ Ötzi die Bühne betritt und den Vorplatz mit seinen Hüttenkrachern beschallt, zieht es mir glatt die Schuhe aus. Ein bisschen Trash und Schlager-Kult auf einem Electronic-Festival in allen Ehren – am Freitag bei Vicky Leandros hatte das durchaus seinen ganz eigenen Charme –, aber das hier ist mir dann doch eine Dosis zu viel Schlager-Klischee. Wenn zehntausende Menschen zu „Anton aus Tirol“ die Arme schwenken, schlägt mein inneres Metalhead-Herz Alarm. Zeit für den geordneten Rückzug und eine schnelle Flucht vor der dröhnenden Schlager-Welle!
Diese Flucht erweist sich jedoch als absoluter Glücksgriff: Unser Weg führt uns direkt ins Parookaville Theater. Und heilige Mutter der Kleinkunst – was für eine visuelle Reizüberflutung! Wer dieses verfeinerte Etablissement noch nie von innen gesehen hat: Absolute Empfehlung! Worte können kaum beschreiben, was für skurrile, faszinierende und atemberaubende Performances hier geboten werden. Man weiß phasenweise gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Da Text hier schlichtweg nicht ausreicht, schaut euch am besten die Bilder in unserer Fotostrecke an – das müsst ihr selbst gesehen haben!

Nach diesem inspirierenden Intermezzo geht es zurück zur Bill’s, wo mittlerweile Mia Julia das Zepter übernommen hat. Die Königin vom Ballermann schlägt zwar in eine ähnliche Partyschlager-Kerbe wie Ötzi und verwandelt den Niederrhein kurzerhand in eine Außenstelle der Schinkenstraße, aber man muss ihr eines lassen: Sie weiß absolut, wie man eine Menge im Griff hat. Die Stimmung vor der Stage kocht binnen Minuten hoch, Bierbecher fliegen durch die Luft und das Areal platzt aus allen Nähten.
Was als Ballermann-Sause begann, verwandelt sich im Laufe des Abends in eine beispiellose Massenwanderung, als die Schwergewichte des gepflegten Abrisses die Regler übernehmen. Als das DJ-Duo HbZ an der Reihe ist, gibt es kein Halten mehr. Ihre harten Bounce-Remixe, gepaart mit eingängigen Melodien und Bässen, die bis tief in die Magengrube fahren, aktivieren auch die letzten müden Muskelstränge der Bürger. Der Vorplatz ist nun bis auf den allerletzten Stehplatz gefüllt.
Parallel dazu geht es auf der Mainstage übrigens nicht minder spektakulär zur Sache: Während wir die Bill’s Factory belagern, lassen dort Weltstars wie Fisher mit seinen schmutzigen Tech-House-Grooves, Steve Aoki mit gewohnter Tortenschlacht-Energie und Hardwell mit kompromisslosen Big-Room-Drops die Hauptbühne erbeben. Auch wenn wir diese Sets nur aus der Ferne mitbekommen, spürt man die gewaltige Druckwelle der Mainstage über das gesamte Gelände.
Als schließlich Scooter die Kanzel der Bill’s Factory entern, bricht vor unserer Bühne aber endgültig der Ausnahmezustand aus. Meine Fresse, war das voll! Und was für ein Bums dahintersteckte! Frontmann H.P. Baxxter peitscht die schier unübersehbare Menschenmasse mit seinen legendären Shouts an. Klassiker wie „God save the Rave“, „How Much Is The Fish?“ oder „One (Always Hardcore)“ verwandeln das Areal in einen kochenden Hexenkessel. Die Bässe drücken so brachial aus den Lautsprechertürmen, dass die Hosenbeine im Takt flattern. Tausende Menschen springen absolut synchron, feierwütig und völlig losgelöst von der Welt da draußen. Es ist ein kollektiver, lauter, herrlich unvernünftiger Abriss – und genau das, was man von einem sonntäglichen Festivalfinale erwartet.

Eigentlich stand auf meinem Wunschzettel für den späten Abend noch ein Abstecher ins Desert Valley, um mir das Set von HI-LO reinzuziehen. Ein kurzer Blick in die Richtung verrät jedoch schnell: Das Wüstenareal macht seinem Namen heute alle Ehre. Durch die unzähligen tanzenden Füße der letzten Tage hat sich der Boden dort in eine einzige, dichte Staubwüste verwandelt. Riesige Staubwolken hängen in der Luft, und da vor der Bill’s Factory ohnehin die Hütte brennt, siegt die Faulheit gepaart mit dem Wunsch nach sauberer Atemluft. Wir bleiben einfach an Ort und Stelle stehen – eine Entscheidung, die sich wenig später als absoluter Glücksfall entpuppen sollte.
Denn den krönenden, musikalischen Abschluss der Bill’s Factory – und damit auch unseres gesamten Parookaville-Wochenendes – gebührt Cascada. Was Sängerin Natalie Horler und ihr DJ-Team hier auf die Bretter zaubern, fegt nach den harten Scooter-Bässen auch noch die allerletzten Reste zusammen. Es wird ohne Zweifel zu einem meiner absoluten persönlichen Highlights des gesamten Festivals! Während viele Dance-Acts auf Konserven setzen, verzaubert Cascada mit einem glasklaren, kraftvollen und absolut beeindruckenden Live-Gesang, der fehlerfrei über den epischen Eurodance-Beats schwebt. Wenn Welthits wie „Everytime We Touch“, „Evacuate the Dancefloor“ oder „Miracle“ durch die Nacht schallen und zehntausende Kehlen jedes Wort fehlerfrei mitsingen, ist das pure Gänsehaut.
Während wir bei Cascada in Erinnerungen schwelgen, erstrahlt im Hintergrund schließlich die offizielle Parookaville Closing Show. Selbst von der Bill’s Factory aus hat man einen fantastischen Blick auf das spektakuläre Final-Feuerwerk und die imposante Licht- und Lasershow, die den Nachthimmel über der Mainstage noch einmal in ein farbenprächtiges Meer verwandelt. Ein wunderschöner visueller Rahmen für den emotionalen Kehraus auf unserer Bühne.
Als die letzten Töne verhallen und die Lichter langsam dimmen, stellt sich diese ganz besondere Festival-Melancholie ein. Wir werfen einen letzten Blick auf die leuchtende Silhouette der temporären Megacity, die für drei Tage unser Zuhause war. Drei Tage vollgepackt mit visueller Reizüberflutung, stilistischen Achterbahnfahrten von wuchtigem Acid-Techno über feinsten Trance bis hin zu skurrilem Schlager-Chaos, Theater-Wahnsinn und mitreißendem Eurodance.
Parookaville hat mich als eingefleischten Rock- und Metal-Fan auf eine Reise mitgenommen, die ich so schnell nicht vergessen werde. Es ist nicht nur die Musik, sondern diese unvergleichliche Liebe zum Detail, die friedliche, weltoffene Atmosphäre und das Gefühl, für ein Wochenende in eine völlig andere Welt abzutauchen. Mit staubigen Schuhen, glitzernden Gesichtern, schmerzenden Füßen, aber einem riesigen Grinsen im Gesicht treten wir den letzten Heimweg an. Danke, Parookaville – es war mir ein Fest!

Fotocredit: Cynthia Theisinger