Nach den Erfolgen von „Home“ (2021) und „Elements“ (2024), über 100 Millionen Streams und weltweiten Touren mit Szene-Schwergewichten wie Korn, Corey Taylor oder Dayseeker, präsentieren Siamese am 26. Juni 2026 über Long Branch Records ihr neues Werk: „dissolution“. Es ist ein Album, das die 2011 in Kopenhagen gegründete dänische Alternative-Rock- und Modern-Metal-Formation so eigentlich nicht geplant hatte, aber einfach machen musste. Geprägt vom Abschied eines der Hauptsongwriter, zwang der Entstehungsprozess die fünfköpfige Band zu einer grundlegenden Neuausrichtung. Das Ergebnis ist das bislang persönlichste, instinktivste und aggressivste Werk der Bandgeschichte, das sich thematisch an einer zutiefst komplizierten, von häuslicher Gewalt und Alkoholismus geprägten Vater-Sohn-Beziehung abarbeitet und die schleichende Demontage des Glaubens an die eigene Unverwundbarkeit vertont.
Düstere Täler und die Zensur der eigenen Wahrheit
Der Opener „dark“ markiert einen bemerkenswerten Start in das neue Album von Siamese. Das Stück verbindet moderne Metalcore- und Alternative-Metal-Elemente geschickt mit atmosphärischen Synthesizern und sehr melodischem Gesang. Gleichzeitig düster und emotional, baut der Track kontinuierlich Spannung auf, um im Refrain eine kraftvolle, fast schon hymnische Energie zu entfalten. Inhaltlich geht es um innere Konflikte, verletzliche Gefühle und die intensive Auseinandersetzung mit den eigenen dunklen Seiten. Siamese übermitteln das Gefühl, von belastenden Emotionen überwältigt zu werden, perfekt in ihrem frischen Sound und zeigen den Versuch, durch diese Schwere letztlich zu Befreiung und Selbstakzeptanz zu gelangen.
Nahtlos folgt „drown“, eine Nummer, die modernen Metalcore mit eingängigen Alternative-Rock- und Pop-Elementen fusioniert. Getragen von einer melancholischen Atmosphäre, tief gestimmten Gitarren und elektronischen Akzenten, leben die nachdenklichen Strophen von einer bedrückenden Enge. Der Chorus hingegen bricht kraftvoll aus und spiegelt die innere Zerrissenheit des Textes musikalisch wider. Es geht um Selbstzweifel, Selbsthass und den Drang, immer wieder in die eigenen emotionalen Wunden zu greifen – eine „selbstgerichtete Wut“, wie Siamese es nennt. Das Bild des Ertrinkens steht hierbei nicht nur für Schmerz, sondern auch für eine befreiende Kapitulation einer Person, die sich zwischen Selbstzerstörung und dem Wunsch nach Erlösung im eigenen Spiegelbild verliert.
Mit „sense“ folgt ein emotional aufgeladener Track, der die für die Band typische Symbiose aus Härte und Eingängigkeit auf den Punkt bringt. Besonders die dynamische Stimme von Vocalist Mirza Radonjica verleiht dem Song eine intensive Dringlichkeit, während die Produktion druckvoll und zugänglich bleibt. Das Stück wirkt sowohl nachdenklich als auch kämpferisch und widmet sich dem Konflikt zwischen Authentizität und Anpassung. Thematisiert wird der gesellschaftliche Druck, die eigene Meinung oder Wahrheit zurückzuhalten, um Erwartungen zu erfüllen – und wie Menschen (und speziell Kunstschaffende) Gefahr laufen, durch diese Selbstzensur ein Stück ihrer Echtheit zu verlieren.
Vom Herzschlag-Rhythmus bis zum Violinen-Traum
Ruhigere Töne schlägt das darauffolgende „alone“an. Der Song beginnt hochgradig atmosphärisch, wobei die glasklare Stimme des Sängers von Siamese sofort im Fokus steht und ihr volles Talent entfaltet. Ein leicht treibender Rhythmus zieht die Hörerschaft förmlich in den Song, ehe der einprägsame Refrain von einem dichteren Sound und einem packenden Beat getragen wird. Die Strophen bleiben dezent und leicht elektronisch, was die melancholische Grundstimmung perfekt untermalt, bevor das Stück nach einem kurzen Spannungsaufbau in einem letzten, starken Refrain ausläuft.
Direkt im Anschluss experimentiert „friends“ mit elektronischen Spielereien und einem ansteckenden Rhythmus zu Beginn. Während die Strophen ganz von der einzigartigen Note des Gesangs leben, zieht das Tempo im rockigen Refrain massiv an und entfaltet sofortiges Ohrwurm-Potenzial. Das absolute Herzstück des Songs offenbart sich nach dem zweiten Refrain: Eine wunderschön eingespielte Violine sorgt für eine überraschende Wendung und kreiert eine verträumte Atmosphäre zum Treibenlassen, die jedoch abrupt von einem dynamischen Instrumental-Part mit tiefen Gitarrenriffs durchbrochen wird, bevor der Song ganz plötzlich endet.
Als eines der ganz großen Highlights des Albums von Siamese entpuppt sich „sinner“. Der Track startet mit einem treibenden Beat, der an einen pumpenden Herzschlag erinnert, gefolgt von ruhigen Gesangsparts. Diese filmische Ruhe wird jedoch jäh von aggressiven Shouts, hämmernden Drums und messerscharfen Gitarrenriffs zerschlagen. Dieses brachiale Profil bricht im Verlauf immer wieder ab, um Platz für ruhigere Passagen zu machen. Der ständige, spielerische Wechsel zwischen gefühlvollem Klargesang und markerschütternden Screams zeigt die phänomenale stimmliche Wandelbarkeit von Mirza Radonjica und macht die unkonventionelle Songstruktur unglaublich abwechslungsreich, kurzweilig und packend.
Hymnen für die großen Hallen der Welt
Mit dem Titeltrack „dissolution“ wird ein dichtes Instrumental aus perfekt eingespielten Gitarren und treibenden Drums entfesselt, das von Anfang an eine enorme Dynamik erzeugt. Kombiniert mit atmosphärischen Synthesizern und einer tiefen Emotionalität im Gesang, gipfelt das Stück in einem extrem hymnischen Refrain. Dieser Track bringt die perfekte Balance aus Düsternis und Energie mit und besitzt so viel Ohrwurm-Potenzial, dass er nicht nur in sämtlichen Playlists landen, sondern auch bei zukünftigen Live-Shows für absolute Gänsehaut sorgen dürfte.
Das anschließende „patterns“ schlägt in eine ähnliche Kerbe und beginnt atmosphärisch mit einem ansteckenden, poppigen Beat, der sich im Refrain voll entfaltet und sich sofort im Kopf festsetzt. Nach der zweiten Wiederholung kommen tiefe Gitarrenriffs und ein treibendes Schlagzeug hinzu, die für den nötigen Metalcore-Druck sorgen. Die Strophen wirken nachdenklich und bedrückend, während der Refrain die Pop-Elemente feiert. Das Stück endet abrupt – und hinterlässt trotz aller handwerklichen Qualität das leichte Gefühl einer strukturellen Wiederholung zu den vorherigen Songs.
Das darauffolgende „nevermore“ reißt das Ruder mit viel Tempo, einem treibenden Schlagzeug und rockigen Riffs sofort wieder herum. Das harte Instrumental bricht in den Strophen kurzzeitig auf, um dem Klargesang und einem ansteckenden Rhythmus Platz zu machen. Der Refrain selbst ist enorm druckvoll, glänzt mit einer dichten Soundwand, viel Bass und großem Hymnen-Charakter. Ein absolut mitreißender Song, der bei zukünftigen Konzerten von Siamese zweifellos für viel Bewegung im Publikum sorgen wird.
Brachiale Breakdowns und das große Finale
Ein echtes Novum bietet „reveries“, das mit modernen, atmosphärischen Klängen startet, bevor ein schnelles Zusammenspiel aus Drums und Gitarren einsetzt. Das absolute Highlight ist hier der Feature-Part der Band Caskets, der sich harmonisch in den Siamese-Sound einfügt und ein stimmiges Gesamtkunstwerk bildet. Nach einem melodischen Refrain kreiert die Band einen greifbaren Spannungsaufbau, der sich in einem brachialen, monumentalen Breakdown entlädt, bei dem niemand ruhig sitzen bleiben kann, ehe der Song auf die Zielgerade einbiegt und abrupt stoppt.
Der vorletzte Track „reaper“ fesselt noch einmal mit elektronischen Klängen und einem von Beginn an ansteckenden Rhythmus. Während der Refrain rhythmisch-rockig nach vorne geht, fokussieren sich die Strophen ganz auf die verletzliche, glasklare Stimme von Mirza Radonjica. Völlig unerwartet bricht jedoch die Stille: Brachiale, fast schon dreckige und aggressive Shouts jagen durch Mark und Bein, perfekt unterstützt von hämmernden Drums. Dieser fliegende, spielerische Wechsel zwischen fast schon poppiger Zugänglichkeit und purer, atmosphärischer Härte zeigt noch einmal das gesamte, beeindruckende Potenzial der Band.
Das finale „twisted“ besiegelt schließlich das Album mit einer zutiefst emotionalen Atmosphäre und einem sofort packenden Rhythmus. Die Band zieht noch einmal alle Register: Nach einem ruhigen Part explodiert der Song in meisterhaften Gitarrenriffs und messerscharfen Shouts, gefolgt von einem hymnischen Refrain, der alle Stärken von Siamese bündelt. Nach einem letzten harten Ausbruch aus hämmernden Drums und tiefen Riffs endet die intensive, emotionale Reise recht abrupt mit den gesprochenen Worten „It’s the end“.
Fazit
Mit „dissolution“ ist Siamese das vielschichtigste und vollständigste Werk ihrer Karriere gelungen. Zusammen mit einem engen Kreis vertrauter Partner wie Ted Jensen (Mastering) haben sie ein Album geschaffen, das trotz der harten, persönlichen Thematiken um Erbe, Verlust und die schmerzhafte Realität des Erwachsenwerdens niemals an Zugänglichkeit verliert. Die Fusion aus tiefgestimmten Metalcore-Riffs, späten 90er-Jahre R&B-Einflüssen und hochgradig ansteckenden Pop-Melodien funktioniert besser denn je. Ein absolut packendes, emotionales und hochdynamisches Album, das die Band endgültig an der Spitze des modernen Metal-Olymp etablieren dürfte.
SIAMESE live:
26.06.2026 – Münster, Vainstream
27.06.2026 – Leipzig, Impericon Festival
09.12.2026 – Oberhausen, Turbinenhalle 1 (mit Dayseeker und Northlane)
10.12.2026 – Hannover, Capitol (mit Dayseeker und Northlane)
13.12.2026 – Berlin, Hoxley’s (mit Dayseeker und Northlane)
16.12.2026 – München, Tonhalle (mit Dayseeker und Northlane)
Fotocredit: Albumcover / Artwork