Der letzte Festivaltag ist immer ein komisches Ding. Einerseits steckt einem das Wochenende bereits ordentlich in den Knochen, andererseits möchte man jede einzelne Minute noch aufsaugen, bevor man wieder in die Realität zurückkehrt. So auch am Samstag beim Greenfield Festival in Interlaken. Die Beine waren zwar schwerer, als an Tag 1 die Stimme heiserer aber die Begeisterung für die einmalige Bergkulisse und die Musik hingegen kein bisschen kleiner.
Während die ersten Festivalbesucher*innen noch mit Kaffee oder Energy Drink bewaffnet über den Platz schlenderten, wurde musikalisch längst wieder Vollgas gegeben.
Ein erster Pflichtstopp führte mich zu Bloodywood. Die Band aus Indien bringt etwas mit, das im Festivalzirkus noch immer erfrischend besonders wirkt. Traditionelle Klänge treffen auf modernen Metal, harte Riffs auf Folk-Elemente. Klingt auf dem Papier vielleicht ungewöhnlich, funktioniert live aber hervorragend. Vor der Bühne wurde getanzt, gehüpft und gemosht, während die Band mit einer ansteckenden Energie über die Bühne fegte. Für viele sicherlich eine der spannendsten Entdeckungen des Wochenendes. Was besonders schön war, man hat der band die Freude und Dankbarkeit, dass sie am Greenfield spielen dürfen förmlich angesehen.
Mindestens genauso beeindruckend war anschließend The Hardkiss. Die ukrainische Band brachte eine ganz besondere Atmosphäre auf die Bühne. Frontfrau Julia Sanina zog das Publikum vom ersten Moment an in ihren Bann und schaffte es, die große Festivalbühne gleichermaßen kraftvoll wie emotional auszufüllen. Tatsächlich erinnerte sie stimmlich ein wenig an Skin, die Frontfrau von Skunk Anansie, was absolut nichts schlechtes ist! Zwischen den Bergen von Interlaken wirkte dieser Auftritt stellenweise fast schon magisch. Einer dieser Momente, bei denen man kurz innehält und einfach nur genießt.
Danach wurde es wieder etwas härter. Rise Of The Northstar standen auf dem Programm und lieferten genau das, was man von ihnen erwarten durfte. Harte Breakdowns, jede Menge Bewegung auf und vor der Bühne und eine Crowd, die vom ersten Song an komplett dabei war. Wer Lust auf Circle Pits hatte, wurde hier definitiv nicht enttäuscht. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass die Franzosen einen kleinen Wettkampf mit dem Publikum veranstalteten, wer mehr Energie übrig hat. Einen klaren Sieger konnte ich am Ende nicht ausmachen.

Ein weiterer Höhepunkt des Tages folgte mit Breaking Benjamin. Die US-Amerikaner gehören zu diesen Bands, die man irgendwie immer mal wieder hört und bei denen man erst live merkt, wie viele Songs man tatsächlich kennt. Vor der Jungfrau Stage wurde lautstark mitgesungen, während die Band einen Hit nach dem anderen auspackte. Gerade die Mischung aus Härte und Melodie funktionierte in dieser Kulisse hervorragend und sorgte für einige echte Gänsehautmomente.
Apropos Mitsingen: Three Days Grace zeigten wenig später eindrucksvoll, warum sie seit Jahren zu den festen Größen des Alternative Metals gehören. Kaum erklangen die ersten Töne ihrer bekanntesten Songs, verwandelte sich das Publikum in einen riesigen Chor. Es sind genau diese Momente, die Festivals so besonders machen. Tausende Menschen, unterschiedlichste Hintergründe, aber für einen Song sind sich plötzlich alle einig.
Eine der sympathischsten Überraschungen des Tages blieb für mich allerdings Bilmuri. Dass Johnny Franck und seine Mitstreiter musikalisch abliefern, war ohnehin zu erwarten. Aber diese Mischung aus Selbstironie, absurdem Humor und gleichzeitig unfassbar gut gespielter Musik macht Bilmuri einfach besonders. Das Saxophon durfte natürlich nicht fehlen, die Meme-Energie war hoch und die Stimmung vor der Bühne sowieso. Manchmal braucht es gar nicht die größte Produktion oder die bekanntesten Songs. Manchmal reicht einfach eine Band, die offensichtlich Spaß daran hat, genau das zu tun, was sie gerade tut.

Langsam aber sicher näherte sich der Tag seinem Finale und mit Papa Roach betrat eine Band die Bühne, die vermutlich einen nicht unerheblichen Teil der anwesenden Festivalbesucher*innen musikalisch geprägt hat. Kaum erklangen die ersten bekannten Riffs von Last Resort, fühlte man sich direkt ein paar Jahre jünger. Sänger Jacoby Shaddix hatte die Crowd fest im Griff und bewies einmal mehr, warum Papa Roach auch nach all den Jahren noch zu den stärksten Livebands ihres Genres gehören. Ein besonders emotionaler Moment: als sein Sohn für einen Song gemeinsam mit ihm performt hat – größeres Kino gab es nicht! Mitsingmomente? Unzählige. Energie? Ohne Ende.
Dann war es Zeit für den Headliner des letzten Festivaltages: Volbeat.
Und was soll ich sagen? Die Dänen lieferten genau die Show, die ich mir von einem Festivalabschluss gewünscht habe. Gut, ich bin auch vor eingenommen, weil ich einfach großer Fan bin und nie genug Volbeat Konzerte sehen kann. Hymnisch, kraftvoll und gleichzeitig unglaublich locker. Michael Poulsen und seine Band schafften es spielend leicht, die riesige Menge vor der Bühne mitzunehmen. Zwischen Rock’n’Roll, Metal und Festivalhymnen wie Still Counting oder Lola Montez wurde noch einmal gemeinsam gefeiert, getanzt und gesungen.

Während die Dunkelheit die Berge über Interlaken schon längst eingehüllt hat und die letzten Songs über den Flugplatz gehallt sind, wurde einem unweigerlich bewusst, dass sich dieses Festivalwochenende dem Ende zuneigt.
Drei Tage voller Musik, Begegnungen, Circle Pits, Sonnenstrahlen, Bergpanorama und Erinnerungen liegen jetzt hinter uns.
Und wie jedes Jahr verlasse ich das Greenfield Festival mit demselben Gedanken:
Eigentlich möchte ich noch gar nicht nach Hause!

Fotocredits: Johanna Lippke