Ein Freitag, wie er im Bilderbuch steht: Tag vier auf der Island of Freedom hatte musikalisch einmal mehr so ziemlich alles zu bieten. Von Electropop und Alternative Pop über Grime und modernen Metal bis hin zu türkischem Psychedelic Rock und einem elektronischen Abriss tief in der Nacht – dieser Festivaltag zeigte einmal mehr, warum das Sziget musikalisch kaum in eine Schublade zu stecken ist.
Unser Freitag begann mit Karen Dió – und die Brasilianerin ist für uns längst keine Unbekannte mehr. Bereits als Support von Limp Bizkit konnten wir sie erleben (Hier die Fotostrecke), im April folgte das nächste Wiedersehen beim Paaspop Festival in den Niederlanden. Und auch auf dem Sziget bestätigte sie erneut den Eindruck, den wir schon bei den vergangenen Shows gewonnen hatten: Hier steht eine Künstlerin auf der Bühne, die ganz genau weiß, wie sie ein Publikum für sich gewinnt. Energie, Attitüde und eine ordentliche Portion Punk-Attitüde treffen auf eingängige Melodien. Ihr neues Album, das noch in diesem Monat erscheinen soll, darf nach diesem Auftritt definitiv mit Spannung erwartet werden.
Lange Zeit zum Durchatmen blieb danach nicht, denn für uns ging es direkt weiter zu Rose Gray. Mit ihrem Electropop-Sound nahm sie das Zelt innerhalb kürzester Zeit komplett für sich ein. Stillstehen war hier praktisch keine Option. Zwischen elektronischen Beats, Pop und Club-Atmosphäre lud ihr Set permanent zum Tanzen ein. Dass Künstlerinnen wie Madonna oder Kylie Minogue zu ihren musikalischen Bezugspunkten gehören, lässt sich dabei kaum überhören – ohne dass Rose Gray deshalb wie eine bloße Kopie wirkt. Vielmehr verbindet sie diese Einflüsse mit einem modernen elektronischen Sound, der hervorragend funktioniert und live noch einmal eine ganz eigene Dynamik entwickelt.
Gleich gegenüber auf der The Buzz Stage blieben wir anschließend gewissermaßen im elektronischen Pop-Kosmos, auch wenn Luke Black diesem eine deutlich düsterere und eigenwilligere Note verlieh. Electropop trifft hier auf Alternative Pop, Extravaganz und eine Persönlichkeit, die nicht versucht, sich auf der Bühne irgendwie anzupassen. Luke Black lebt seine Kunst und trägt seine gesamte Person kompromisslos nach außen.
Dabei mussten wir tatsächlich immer wieder an William „wiL“ Francis, den Sänger von Aiden, denken. Sowohl optisch als auch in Teilen der düsteren Ästhetik und Atmosphäre gibt es Momente, in denen diese Assoziation erstaunlich naheliegt. Gleichzeitig bleibt Luke Black aber vollkommen sein eigener Künstler. Genau diese Mischung aus Inszenierung, Individualität und musikalischer Eigenständigkeit machte seinen Auftritt für uns zu einer der interessanteren Entdeckungen des Tages.
Danach wurde es Zeit für die Main Stage und Skepta – wenn auch mit etwas Verspätung. Rund neun Minuten später als ursprünglich geplant betrat der britische Grime-Star schließlich die Bühne.
Musikalisch gab es dabei wenig zu beanstanden. Skepta weiß selbstverständlich, wie man eine große Festivalbühne bespielt, und lieferte entsprechend ab. Trotzdem entstand ein etwas ungewöhnliches Bild: Von den bisherigen Co-Headlinern des Festivals war es bei Skepta in unserem Eindruck mit am leersten vor der Main Stage. Das lag allerdings vermutlich nicht ausschließlich an ihm. Ein nicht gerade kleiner Teil des Publikums hatte sich bereits frühzeitig vor der Bühne positioniert, um sich einen möglichst guten Platz für den anschließenden Headliner zu sichern. Und auf den hatten offensichtlich sehr viele gewartet.
Bring Me The Horizon erschaffen ihre eigene Welt
Endlich war es so weit: Bring Me The Horizon standen auf der Main Stage. Wer die Entwicklung der Band in den vergangenen Jahren verfolgt hat, weiß längst, dass ein Auftritt von Bring Me The Horizon mittlerweile weit über eine reine musikalische Darbietung hinausgeht. Die Band hat ihre Liveshows zu einem audiovisuellen Gesamterlebnis entwickelt – und genau das wurde auch auf dem Sziget wieder deutlich.
Die aktuelle Inszenierung greift die komplette POST HUMAN: NeX GEn-Ästhetik auf und verwandelt die Bühne zeitweise in eine Mischung aus dystopischer Zukunft, Videospiel und digitalem Weltuntergang. Glitch-Effekte, verzerrte Benutzeroberflächen, futuristische Einblendungen und riesige LED-Flächen sorgen dafür, dass man stellenweise das Gefühl bekommt, mitten in ein außer Kontrolle geratenes Computersystem hineingezogen zu werden. Die Produktion orientiert sich bewusst an Retro-Gaming und PlayStation-Ästhetik und greift Einflüsse von Games wie Resident Evil oder Metal Gear Solid auf.
Dazu kommen Weltuntergangsszenarien, dystopische Animationen und immer wieder scheinbar „korrumpierte“ Bilder. Die Grenze zwischen Livekameras, Animation und digitalem Chaos verschwimmt permanent. Genau dadurch entsteht eine Show, die nicht einfach nur Songs visuell begleitet, sondern eine eigene Welt um sie herum erschafft. Und trotzdem verliert die Musik dabei niemals ihre Wirkung.
Bring Me The Horizon schaffen es mittlerweile wie kaum eine andere moderne Rockband, ihre unterschiedlichen musikalischen Epochen miteinander zu verbinden. Härte trifft auf Elektronik, große Melodien auf brachiale Momente – und Oli Sykes besitzt längst die Präsenz eines Frontmanns, der auch eine der größten Festivalbühnen Europas problemlos ausfüllt.
Das Sziget selbst fasst auf seiner Main Stage bis zu 60.000 Menschen – und genau für solche Dimensionen scheint diese Band mittlerweile gemacht zu sein.
Bring Me The Horizon sind 2026 nicht einfach nur eine Band, die einen Headliner-Slot spielt. Sie liefern eine komplette Produktion ab. Musik, Licht, Videos, Storytelling und die gesamte dystopische Ästhetik greifen ineinander. Es ist laut, teilweise vollkommen überladen, düster und gleichzeitig faszinierend. Ein moderner Rock-Headliner, wie er sein sollte.
Von der Dystopie direkt in den türkischen Psychedelic Rock
Ganz bis zum Ende konnten wir bei Bring Me The Horizon allerdings nicht bleiben, denn kurz vor Schluss zog es uns noch einmal weiter zu Altın Gün. Und größer hätte der musikalische Kontrast kaum sein können.
Die in Amsterdam gegründete niederländisch-türkische Band verbindet traditionelle türkische Volksmusik und Anatolian Rock mit Psychedelic Rock, Funk, Synthesizern und modernen Einflüssen. Besonders prägend sind dabei psychedelische Gitarren, Orgel- und Synthesizer-Sounds sowie traditionelle Instrumente wie die Bağlama beziehungsweise Saz.
Altın Gün holen damit einen Sound ins Hier und Jetzt, dessen Wurzeln tief in der türkischen Musik der 1960er- und 1970er-Jahre liegen. Gleichzeitig klingt das Ganze keineswegs wie eine reine Retrospektive. Funkige Rhythmen, psychedelische Flächen und moderne Produktion machen daraus einen hypnotischen Mix, bei dem man sich erstaunlich schnell komplett im Groove verliert. Nach der audiovisuellen Reizüberflutung bei Bring Me The Horizon war Altın Gün damit ein überraschend passender musikalischer Gegenpol.
Danach hieß es für uns allerdings erst einmal: Kräfte tanken. Vier Tage Sziget machen sich irgendwann bemerkbar. Also trinken, etwas essen, kurz hinsetzen und zumindest versuchen, dem Körper zu erklären, dass dieser Festivaltag noch lange nicht vorbei ist. Denn um 01:30 Uhr wartete noch jemand auf uns.
BUNT. macht um 01:30 Uhr noch einmal alles kaputt
Während andere um diese Uhrzeit vielleicht langsam über den Heimweg nachdenken, gab es für uns noch genau ein Ziel: BUNT. Und was dann auf der Revolut Stage passierte, war schlichtweg völlige Eskalation.
Der deutsche DJ und Produzent hat in den vergangenen Jahren einen enormen internationalen Aufstieg hingelegt. Spätestens durch seinen charakteristischen Mix aus elektronischer Musik, Dance, House und euphorischen Melodien hat BUNT. längst ein weltweites Publikum erreicht. Nach einer ausverkauften US-Tour und 17 ausverkauften Deutschland-Terminen führte ihn das Jahr 2026 unter anderem auf große Festivals und zu eigenen Shows. Auch Coachella gehörte in diesem Jahr zu seinen Festivalstationen.
Wer verstehen möchte, warum dieser Aufstieg gerade so rasant funktioniert, musste sich eigentlich nur nachts auf der Revolut Stage umsehen.
BUNT. schafft es, aus einem DJ-Set ein Gemeinschaftserlebnis zu machen. Die Distanz zwischen Künstler und Publikum scheint praktisch nicht vorhanden zu sein. Euphorische Drops, Melodien zum Mitsingen und diese ganz besondere Energie, bei der plötzlich auch Menschen tanzen, die wenige Minuten vorher noch behauptet haben, eigentlich völlig fertig zu sein.
Um 01:30 Uhr noch einmal ein solches Energielevel aus einer Festivalcrowd herauszuholen, muss man erst einmal schaffen.
BUNT. hat die Revolut Stage nicht einfach bespielt – er hat sie komplett abgerissen und für uns gibt es schon sehr bald ein Wiedersehen: Am 23. August steht BUNT. im Rahmen seiner „In The Round“-Open-Air-Shows auf der Trabrennbahn Bahrenfeld in Hamburg. Nach ausverkauften Touren und seinem internationalen Lauf spielt er dort eines von vier exklusiven Open Airs im deutschsprachigen Raum. Nach dieser Nacht auf dem Sziget ist unsere Vorfreude darauf jedenfalls noch einmal deutlich größer geworden.
Ein Freitag, der einmal quer durch die musikalische Landkarte führte
Von Karen Dió über Rose Gray und Luke Black zu Skepta, anschließend mitten hinein in die dystopische Welt von Bring Me The Horizon, weiter zum psychedelisch-anatolischen Sound von Altın Gün und schließlich nachts zur völligen Eskalation mit BUNT. – dieser Freitag war musikalisch wahrscheinlich einer der abwechslungsreichsten Tage unserer bisherigen Sziget-Woche.
Genau diese Kombination macht die Island of Freedom aber aus. Hier können innerhalb weniger Stunden Welten aufeinanderprallen, die auf dem Papier kaum zusammenpassen – und am Ende funktioniert es trotzdem.
Nach vier intensiven Tagen merken allerdings auch wir langsam jeden einzelnen Kilometer, den wir auf dieser Insel zurückgelegt haben (jeden Tag ca. 35.000 Schritte).
Vier Tage geschafft, ein letzter liegt noch vor uns. Die Beine werden schwerer, der Schlaf weniger – aber die Island of Freedom ist noch lange nicht fertig mit uns.
Sziget Tag 4: Ende. Akkus fast leer. Vorfreude auf das große Finale: voll da.
Fotocredit: Koncz Márton @Bring Me The Horizont