Frühsport mit den Vengaboys Der Samstag beginnt auf dem Reload Festival mit einem Anblick, den man selbst bei einem Metal-Festival nicht jeden Tag erlebt: Bereits um 10 Uhr ist das Infield rappelvoll. Vor 30 Jahren hätte bei den Vengaboys wohl niemand damit gerechnet, dass sie eines Tages ein Metal-Festival eröffnen würden. In Sulingen wird genau das Realität – und der Auftritt entwickelt sich schnell zu einem der ungewöhnlichsten Momente des Wochenendes.
Die vier stehen ohne zusätzliches DJ-Pult auf der Bühne und präsentieren ein Medley ihrer bekannten Hits. Bei „Boom, Boom, Boom, Boom“ und „We Like to Party“ eskaliert die Menge endgültig. Eine Polonaise zieht durch Publikum und Bühnengraben, Crowdsurfer sind unterwegs und die Security schießt mit Konfettikanonen. Zwischendurch gibt es mit „The Final Countdown“, „I Was Made for Lovin’ You“ und „Livin’ on a Prayer“ auch einige überraschende Klassiker. Bei „Up & Down“ wird schließlich noch der Frühsport nachgeholt. Ein Fiebertraum – und für einen Samstagmorgen auf einem Metal-Festival ziemlich genau das Richtige.

Von Eurodance zurück zum Metal
Nach diesem ungewöhnlichen Start bringt Dead Phoenix das Festival wieder in härtere Gefilde. Anschließend eröffnen From Fall to Spring das Programm auf der Mainstage. „Last Resort“ von Papa Roach sorgt direkt für Bewegung, während das Zwillingsduo an der Spitze der Band zwischen Klargesang und Screams wechselt. Beim letzten Song stehen beide Sänger schließlich mitten im Circle Pit.
Auch Luna Kills führen den Vormittag weiter in Richtung moderner, harter Sounds, bevor mit Vended die nächste Generation mit prominenter Familiengeschichte auf die Bühne kommt.
Sänger Griffin Taylor ist der Sohn von Slipknot-Frontmann Corey Taylor, Schlagzeuger Simon Crahan der Sohn von Shawn „Clown“ Crahan. Die Parallelen zu Slipknot sind deshalb kaum zu überhören – besonders bei Griffins Screams und seinem teilweise diabolischen Lachen ins Mikrofon. Trotzdem wirkt Vended nicht wie eine Kopie. Die Band tritt selbstbewusst auf und entfaltet eine enorme Energie. Der maskierte Bassist mit blauem Make-up und langen Locken dreht sich beim Headbangen immer wieder um die eigene Achse, während Band und Publikum gleichermaßen durchgehend in Bewegung bleiben.

Zwischen Haltung und Härte
Bei 100 Kilo Herz wird anschließend nicht nur Musik gemacht. „Wir sind eine antifaschistische Band, das heißt, jeder darf mit uns mitfeiern, solange ihr kein Arschloch seid“ lautet die klare Ansage. Die Band verbindet ihren Auftritt mit einer eindeutigen Haltung und setzt damit einen bewussten politischen Akzent im Festivalprogramm.
Future Palace verbinden anschließend Härte mit deutlich emotionaleren Tönen. Maria bewegt sich in ihrem Kleid fast elfengleich über die Bühne, während aus ihrer Kehle gleichzeitig kraftvolle Screams kommen. Ein schimmernder blauer Mikrofonständer und Seifenblasen aus dem Publikum sorgen für eine ungewöhnliche Optik. Vor der Bühne entstehen immer wieder Circle- und Moshpits.
Zwischen den Songs spricht Maria über die persönlichen Themen hinter der Musik. „Decarabia“ handelt vom gemeinsamen Umgang mit Depressionen, „The Echoes of Disparity“ setzt ein Zeichen gegen Sexismus und für die Unterstützung von Frauen. Auch gegen Transfeindlichkeit, Homophobie, Rassismus und Diskriminierung positioniert sich die Band klar. Mit „Malphas“ endet ein Auftritt, der musikalische Härte und persönliche Botschaften miteinander verbindet.
Zwischen Staub und Regen
Bei The Ghost Inside bleibt anschließend kaum Zeit zum Verschnaufen. Aggressive Shouts treffen auf schwere Breakdowns, vor der Bühne herrscht während des gesamten Sets Gedränge. Moshpits und Crowdsurfer bestimmen das Bild, immer wieder werden Fans durch die Menge nach vorne getragen. Wer hier entspannt eine Show anschauen wollte, ist definitiv falsch. Rund 45 Minuten lang gibt es nahezu pausenlosen Metalcore und Melodic Hardcore. Die Hitze macht den Auftritt dabei nicht gerade einfacher – wer direkt vor der Bühne steht, dürfte spätestens nach dem Set komplett durchgeschwitzt sein.
Danach übernehmen Kittie und Avatar. Bei Avatar setzt schließlich der lang ersehnte Regen ein – und diesmal bleibt er fast den gesamten Auftritt über. Nach einem weiteren heißen Festivaltag ist die Abkühlung willkommen, vor allem weil der Niederschlag den aufgewirbelten Staub endlich bindet. Während einige Fans versuchen, sich vor den Wassermassen in Sicherheit zu bringen, feiern andere einfach im Regen weiter.
Auch auf der Bühne ist Avatar weit mehr als eine gewöhnliche Metalshow. Frontmann Johannes Eckerström macht sich die Bühne zu eigen und verbindet düstere Theatralik mit überdrehter Gestik und einer bewusst inszenierten Bühnenfigur. Die Schweden machen ihre Show damit selbst zum Teil der Musik – und der Regen verleiht dem ohnehin theatralischen Auftritt eine zusätzliche Atmosphäre.

Godsmack lassen das Infield beben
Agnostic Front bringen anschließend noch einmal die kompromisslose Energie des New York Hardcore auf das Gelände. Danach wird es vor der Mainstage richtig voll: Godsmack übernehmen und locken die Menschen bis weit nach hinten ins Infield. Selbst dort wird mitgeklatscht.
Sully Erna steht klar im Mittelpunkt und versteht es, die große Menge zu dirigieren. Seine markante Stimme trifft auf wuchtige Gitarren und den drückenden Groove, für den Godsmack bekannt sind. Dazu setzt die Band auf eine große Videowand, die das Geschehen auf der Bühne visuell ergänzt.
Vor allem aber funktioniert die Verbindung zwischen Bühne und Publikum. Bei einem Infield, das bis weit nach hinten gefüllt ist, erreicht die Show nicht nur die Menschen direkt vor der Bühne. Godsmack liefern damit einen der großen Momente des Abends – eine klassische Rockshow, bei der spätestens beim gemeinsamen Mitklatschen wirklich das gesamte Gelände einbezogen wird.
Düster und atmosphärisch
Auf der Plaza Stage sorgen Amorphis anschließend für einen deutlichen Stimmungswechsel. Ein rund drei Meter großer Vogel-Schädel dominiert das Bühnenbild, während die Lichtshow die dunkle Bühne in Szene setzt. Melodische Gitarren und markante Soli treffen auf Tomi Joutsens Wechsel zwischen klarem Gesang und tiefen Growls. Ruhige und melancholische Passagen stehen neben härteren Momenten und epischen, teilweise folkloristisch anmutenden Melodien. Mit „House of Sleep“ und „The Bee“ endet ein atmosphärischer Auftritt.
In Flames: Ein Finale aus Licht und Feuer
Zum Abschluss gehören die großen Bühnen In Flames. Passend zum Sound prangt ein V8 auf dem Shirt, ansonsten setzt die Band weniger auf Feuer als vielmehr auf Licht. Eine riesige LED-Wall hinter der Bühne, zwei weitere seitliche Screens und Lichtschläuche, die wie Tentakel über das Bühnenbild hängen, schaffen zusammen mit futuristischen Stroboskop-Elementen eine fast außerirdische Atmosphäre.
Das Infield ist noch einmal gut gefüllt, auch wenn sich nach drei langen Festivaltagen die Müdigkeit bemerkbar macht. Bei „Cloud Connected“ wird das legendäre Riff von zahlreichen Fans mit dem Handy festgehalten, während ringsum weiter gebangt wird. Bei „Only for the Weak“ gehört der Refrain komplett dem Publikum – Anders Fridén hält das Mikrofon einfach in die Menge. „Stay With Me“ sorgt noch einmal für einen Gänsehautmoment.

Und dann gibt es zum Abschluss doch noch Feuer: Ein riesiges Feuerwerk steigt über der Bühne auf. Direkt vor der Bühne ist davon allerdings kaum etwas zu sehen. Trotzdem setzt In Flames damit einen würdigen Schlusspunkt unter ein Festivalwochenende, das am Samstagmorgen mit den Vengaboys völlig absurd begann und mit einer großen Metal-Produktion endet.
Fotocredit: Mirco Wenzel
Review: Stafen Schulz