Als Metallica Ende der 1990er-Jahre das Studio „The Plant“ im kalifornischen Sausalito bezogen, stand die Rockwelt Kopf. Die Band experimentierte, sprengte eigene Grenzen und hinterfragte die traditionelle Metal-Identität. Das Ergebnis dieser kreativen Hochphase war unter anderem das siebte Studioalbum „ReLoad“, das ursprünglich am 18. November 1997 erschien, prompt Platz 1 der Billboard 200 eroberte und sich fast 80 Wochen in den Charts hielt. Nun, fast drei Jahrzehnte und vier Platin-Auszeichnungen später, bringt das bandeigene Label Blackened Recordings dieses wegweisende Werk in einer spektakulären Neuauflage heraus. Es ist Zeit, den Staub von den Boxen zu wischen und ein Album neu zu entdecken, das im Laufe der Jahre spürbar an Reife und Bedeutung gewonnen hat.
Die musikalische Reise: Vom Adrenalinkick bis zum düsteren Experiment
Das Herzstück dieser Neuauflage bleibt die zeitlose Tracklist des Originalalbums von Metallica, die bei genauerem Hinhören erst offenbart, mit wie viel Liebe zum Detail und handwerklichem Geschick gearbeitet wurde. Angeführt wird die Platte von dem unbändigen, mitreißenden Opener „Fuel“, einem absoluten Adrenalinkick im Up-tempo-Bereich, getrieben von Lars Ulrichs peitschendem Groove und James Hetfields angriffslustiger Hookline. Direkt danach folgt das unsterbliche „The Memory Remains“. Das Stück besticht durch sein schweres, schleppendes Riffing und eine fast schon unheimliche Atmosphäre, die durch den genialen Gastauftritt von Musikikone Marianne Faithfull veredelt wird. Ihr rauchiger, fast klagender „La-La-La“-Gesangspart verleiht dem Song eine unvergleichliche Melancholie. Beide Tracks haben sich längst als feste Säulen etabliert und sind bis heute absolute Höhepunkte auf der aktuellen M72 World Tour.
Direkt im Anschluss entfaltet das Album seine volle stilistische Bandbreite und teilt sich in packende musikalische Facetten. Mit „Devil’s Dance“ schlägt die Band eine spürbar düsterere Richtung ein. Getragen von einem der wohl fettesten und dominantesten Bass-Riffs, die Jason Newsted je eingespielt hat, kriecht der Song förmlich aus den Boxen. In eine ähnliche Kerbe schlagen das schleifende „Slither“ mit seinem dreckigen Unterton und das treibende „Bad Seed“, das mit messerscharfen Stakkato-Gitarren von Kirk Hammett besticht. Ein ganz besonderes Juwel ist das epische „The Unforgiven II“, bei dem es Metallica gelingt, die emotionale Tiefe des legendären Vorgängers perfekt fortzuführen. Durch den geschickten Einsatz von Country-esken Clean-Gitarren in den Strophen, die im Refrain in eine gewaltige Soundwand explodieren, gewinnt der Song eine dramatische Dynamik. Kontrastiert wird diese Schwere durch klassische Rock-Groover wie „Better Than You“, das mit seiner geradlinigen Hook überzeugt, das lässig-bluesige „Carpe Diem Baby“ und das energische, fast schon dreckige „Prince Charming“, die allesamt die ungebremste Spielfreude der damaligen Sessions einfangen.
Das letzte Drittel des Albums gehört schließlich den mutigsten kreativen Ausbrüchen der Bandgeschichte von Metallica. Das psychedelisch angehauchte, rhythmisch hochkomplexe „Where The Wild Things Are“ bricht komplett mit klassischen Songstrukturen und zieht das Publikum in einen regelrechten Klangstrudel, dicht gefolgt von dem unbeschwerten, rotzigen Rocker „Attitude“. Ein absolutes Novum bleibt jedoch das zutiefst berührende „Low Man’s Lyric“: Hier bricht die Band radikal mit allen Metal-Konventionen und bettet Hetfields verletzlichen Gesang in ein melancholisches Folk-Gewand, das durch den mutigen, absolut stimmigen Einsatz von Drehleier und Violine veredelt wird. Den grandiosen Schlusspunkt setzt schließlich das monumentale „Fixxxer“. Das über siebenminütige Epos baut sich über ein verzerrtes Intro langsam auf, fesselt mit tiefgründigen, fast schon therapeutischen Texten über persönliche Traumata und entlässt die Hörerschaft mit einem der stärksten und unterschätztesten Gitarrensoli der Bandgeschichte.
Ein Blick hinter die Kulissen: Demos, Raritäten und die Magie des Unperfekten
Für alle, die noch tiefer in diesen faszinierenden Entstehungsprozess eintauchen möchten, bietet die Neuauflage eine wahre Schatzkiste an unveröffentlichtem Material. Spannende Einblicke gewähren die frühen Rohfassungen und Studio-Experimente: Vom „Fuel for Fire“ Rough Mix aus dem Oktober ’95 über instrumentale Raritäten bis hin zu charmanten Gesangsideen wie „Voodoo Queen“ (die Urform von „Fixxxer“) oder „Sweat“ („Attitude“). Es ist faszinierend zu hören, wie aus ersten Riffs und Demos wie „Skimpy“ (Carpe Diem Baby) oder „Fish Tank“ (Prince Charming) die späteren Stadion-Hymnen heranreiften. Besonders spannend für Sammler*innen sind zudem die exklusiven Outtakes, darunter eine alternative Version von „The Memory Remains“ mit Marianne Faithfull sowie frühe Takes von „Devil’s Dance“ und „Where The Wild Things Are“.
Pure Live-Energie: Von Club-Atmosphäre bis zum Parkplatz-Konzert
Neben den Studio-Geheimnissen fängt die Veröffentlichung die rohe Live-Energie der Ära 1997–1998 perfekt ein. Die Tracks transportieren die Zuhörenden direkt an den Bühnenrand – sei es beim legendären, intimen Gig „Live at Ministry of Sound ’97“, bei dem unter anderem eine packende Version von „Bleeding Me“ und das Cover „The Wait“ zelebriert wurden, oder beim legendären Pop-up-Auftritt auf dem Parkplatz des CoreStates Complex in Philadelphia. Ergänzt wird dieses Live-Feuerwerk durch grandiose Mitschnitte weltweiter Shows, die von einer akustischen Darbietung von „Low Man’s Lyric“ im Giants Stadium über Klassiker wie „Ain’t My Bitch“ beim Reading Festival bis hin zu brachialen Performances von „Fight Fire with Fire“ reichen.
Das ultimative Gesamtkunstwerk: Das Deluxe Box Set und der Fan-Wettbewerb
Wer das maximale Erlebnis sucht, greift zum ReLoad Remastered Limited Edition Deluxe Box Set. Dieses nummerierte Prachtstück lässt keine Wünsche offen: Es bündelt das Album auf edlem 180-g-Doppel-Vinyl, enthält exklusive 7“-Singles, 15 CDs voller Raritäten und 4 DVDs mit Behind-the-Scenes-Material sowie TV-Auftritten. Hochwertige Memorabilia wie Rorschach-Test-Karten, ein „Gimme Fuel“-Poster, Plektren und ein 128-seitiges Buch mit historischen Fotos machen die Box zu einem haptischen Traum.
Passend zum Release wird die Community mit dem #GetTheReLoadOut-Fan-Cover-Wettbewerb reaktiviert. Nachdem im Vorjahr bereits Tausende kreative Köpfe ihre Versionen eingereicht haben, öffnet die Band die Bühne nun auch für visuelle Kunstschaffende und Performance-Begeisterte. Woche für Woche steht ein anderer Song im Fokus – und als Hauptgewinn winkt den zwei Bestplatzierten ein von der Band signiertes Box-Set.
Fazit
Die Neuauflage von „ReLoad“ ist weit mehr als eine bloße Wiederveröffentlichung – sie ist eine liebevolle und respektvolle Hommage an eine Phase, in der Metallica Mut zur Veränderung bewiesen. Soundtechnisch brillant remastert, zeigt das Album eindrucksvoll, wie modern und relevant diese Songs auch heute noch sind. Dank des gigantischen Bonusmaterials und der edlen Aufmachung der Box ist dieses Release ein absolutes Must-have für treue Fans und eine wunderbare Einladung an eine neue Generation, ein grandioses Kapitel Musikgeschichte neu zu erleben. Ein rundum gelungenes Paket, das die Vorfreude auf die nächste Live-Show nur noch weiter anheizt!
Fotocredit: Albumcover / Artwork