Wer in den letzten Jahren auch nur ansatzweise die deutsche Live-Landschaft verfolgt hat, kommt an diesem Namen nicht vorbei: TYNA. Das Hamburger Quartett hat sich den Ruf als eine der engagiertesten und stärksten Live-Bands der Szene Stein für Stein, Club für Club und Festival für Festival hart erarbeitet. 2014 gegründet und seit 2022 in fester Formation aktiv, scharrt die Band nun mit den Hufen. Am 7. August 2026 erscheint endlich der lang erwartete zweite Longplayer „ALLEN GEHT ES“. Nach dem vielversprechenden Vorgeschmack der EP „SO LALA“ im Frühjahr liefert die Band nun ein Album ab, das mutiger, elektronischer und facettenreicher kaum sein könnte – ohne dabei auch nur einen Millimeter an politischer Haltung, Charme oder emotionaler Wucht einzubüßen.
Seite A: Maskeraden, Wut und das ganz normale Chaos
Die Reise beginnt mit einem cineastischen Kniff: Das 44 Sekunden lange „Intro“ simuliert eine zu langsam abspielende Kassette, deren dumpfe Tonspur und anschwellende Geräuschkulisse eine spürbare Spannung erzeugen. Das Ganze gipfelt in einem schrillen, weckerartigen Klingeln, das abrupt abbricht und die Hörenden direkt wachrüttelt. Daraus bricht der Titelsong „ALLEN GEHT ES“ hervor. Musikalisch eine ungestüme „In-your-face“-Mischung aus verzerrten Gitarren, druckvollem Schlagzeug und spielerischen NDW-Synthesizern, setzen sich TYNA hier mit messerscharfem Sarkasmus mit „toxic positivity“ auseinander. Tinas Gesang pendelt perfekt zwischen Melodie und rotzigem Ausbruch, während die Zeile „So lala, aber danke, dass du fragst“ zur Hymne gegen den Social-Media-Optimierungswahn wird.
Direkt im Anschluss folgt mit „CHAOS“ eine hochenergetische Fusion aus modernem Punk-Rock und schimmernden Synth-Pop-Melodien. Hier vertonen TYNA das Gefühl mentaler Überforderung und rasender Gedanken – ein Track, der gleichzeitig nach Rebellion und Tanzfläche klingt und dazu aufruft, die eigene innere Unordnung als Teil der Identität zu akzeptieren.
Einen bewussten stilistischen Schlenker macht „ICH HEIRATE MICH“: Der Track startet mit einem rein elektronischen Beat, bei dem Tinas druckvolle Stimme komplett im Fokus steht. Im Refrain setzen treibende Drums ein, die sich sofort im Gehörgang festsetzen. Trotz der rauen Energie bleibt die Nummer extrem melodisch und kurzweilig – ein echtes Plädoyer für die Selbstliebe, das am Ende fließend in das nächste Stück übergeht.
Die aufgestaute Wut bricht sich schließlich in „A****“ und „KAMEHAMEHA“ bahn. „A****“ paart schneidende Synthesizer-Hooks mit fetten Gitarrenwänden und liefert eine unmissverständliche Abrechnung mit toxischen Menschen ab. Tinas Vocals wechseln hier von eingängigen Passagen zu wütendem Shouting, was live für massive Moshpits sorgen dürfte. „KAMEHAMEHA“ nutzt die berühmte Dragon-Ball-Referenz als popkulturelles Symbol für geballtes Empowerment. Angetrieben von einem strikten, kompromisslosen Rhythmus und futuristisch-dreckigen Synths schreien sich TYNA den Frust über gesellschaftliche Missstände und persönliche Grenzüberschreitungen von der Seele – ein kathartischer Befreiungsschlag.
Seite B: Emotionale Tiefen und der Tanz gegen die Ohnmacht
Mit dem viersekündigen, authentischen Klacken von „kassette b“ wird die sprichwörtliche Kassette umgedreht und signalisiert den Beginn der zweiten Albumhälfte. Diese öffnet mit „ZU LAUT“ eine zutiefst verletzliche Tür. Der Song startet melancholisch, ruhig und mit fast schon zerbrechlichem Gesang. Im Refrain explodiert die Dynamik in einen kraftvollen Alternative-Rock, bei dem Tina mit spürbarer Emotionalität überzeugt. Inhaltlich ist es eine selbstbewusste Hymne für alle, denen vorgeworfen wird, sie seien „zu viel“ oder „zu laut“.
Den bittersüßen Schmerz schütteln TYNA in „TANZEN ALLES WEG“direkt ab: Das Stück startet rasant mit elektronischen Experimenten und ordentlich Bass, während Tina in fast schon sprechgesangsartigen Parts ihrem Ärger über den Alltag Luft macht. Der extrem druckvolle Refrain fungiert als perfektes Ventil, um den Alltagstrott einfach wegzutanzen.
Als zappelig-experimentelles Highlight erweist sich „ADHS“. Der treibende Rhythmus peitscht sofort nach vorne, während Tinas energiegeladener Gesang mit Autotune-Effekten verziert ist. Trotz des ernsten Themas rund um die Facetten und Selbstzweifel von ADHS-Betroffenen ist der Track extrem verspielt und mündet in einem tanzbaren Instrumental-Finale, das absolutes Ohrwurm-Potenzial besitzt.
Das darauffolgende „HALT-DEINE-FRESSE-MANN“ setzt ein dickes, gesellschaftskritisches Ausrufezeichen gegen toxische Männlichkeit und Mansplaining. Musikalisch mischt sich hier roher Punk-Rock mit NDW-Vibe, getragen von treibenden, verzerrten Gitarren und einem unbarmherzigen Schlagzeug, über das Tina ihre stimmliche Vielseitigkeit legt.
Das große Finale gebührt schließlich „BUNTSTIFTSONNE“. Der Track bündelt noch einmal alle Stärken des Hamburger Quartetts: Er beginnt atmosphärisch und futuristisch mit experimentellen Soundstrukturen. Schneidende Synthesizer treffen auf dreckige Gitarren und bauen eine immense Spannung auf, die sich am Ende in einem aggressiven, wütenden Ausbruch entlädt – ein genialer Kontrast zum ansonsten eher ruhigen Instrumental, der die Hörenden nachdenklich, aber tief beeindruckt in die Realität entlässt.
Fazit
Mit „ALLEN GEHT ES“ haben TYNA ein absolut packendes Gesamtkunstwerk geschaffen. Das Quartett zeigt sich produktionstechnisch so mutig und experimentierfreudig wie nie zuvor, fusioniert Genre-Grenzen spielerisch zwischen rohem Punk-Rock, NDW-Pop und modernen Elektro-Elementen und verliert dabei nie den roten Faden. Dieses Album ist laut, unbequem, extrem tanzbar und ein dringend notwendiges Empowerment-Statement für das Jahr 2026. TYNA beweisen eindrucksvoll, dass sie bereit für die ganz großen Bühnen sind – diese Songs werden die Clubs einreißen und die Moshpits zum Kochen bringen. Ein absolutes Highlight des Sommers für alle Fans dieser herausragenden Band!
Fotocredit: Albumcover / Artwork