Vier Tage Musik, unzählige Spielstätten und dieses ganz eigene Gefühl, nie genau zu wissen, was hinter der nächsten Ecke wartet: Das Reeperbahn Festival ist zurück. Für uns begann der Festivalmittwoch direkt auf dem Spielbudenplatz – mit kurzen Showcase-Sets, spannenden Neuentdeckungen, einigen bereits bekannten Gesichtern und einem exklusiven Erlebnis mit Nothing But Thieves, das zu den besonderen Momenten des ersten Tages gehörte.
Der Mittwoch startete für uns dort, wo das Reeperbahn Festival besonders öffentlich und zugänglich wird: auf dem Spielbudenplatz. Neben den klassischen Clubshows gehören auch die zahlreichen kleinen Bühnen und Sonderformate rund um die Reeperbahn fest zum Festivalgefühl. Eine davon ist der N-JOY Reeperbus, auf dessen Bühne über den Tag verteilt Künstler:innen mit kurzen Sets einen kompakten Einblick in ihre Musik geben.
Den Anfang machte für uns Muryel. Die junge Sängerin und Songwriterin bewegt sich zwischen R&B-beeinflusstem Pop, elektronischen Elementen und intimen Singer-Songwriter-Momenten. Bereits 2023 machte sie mit „Director’s Cut“ und „Cry Happy“ auf sich aufmerksam. Mit „Fiction“ aus dem vergangenen Jahr und „Think That I’ve Lost You“ aus 2026 entwickelte sie diesen Sound konsequent weiter.
Gerade in einem reduzierten Setting funktioniert ihre Musik besonders gut. Statt ihre Songs hinter einer großen Produktion zu verstecken, rückt ihre Stimme in den Mittelpunkt. Ein kurzer Auftritt, der neugierig auf mehr machte – und wie sich später herausstellen sollte, bekamen wir davon an diesem Abend tatsächlich noch deutlich mehr.
Ganz trocken blieb der Festivalauftakt allerdings nicht. Hamburg zeigte sich zunächst von seiner eher klassischen Seite und der Regen gehörte am Vormittag und frühen Nachmittag noch zum Programm. Trotzdem fanden bereits einige Besucher:innen den Weg vor die Bühnen. Die Hoffnung blieb, dass sich das Wetter im Laufe des Tages noch fangen würde.

Oskar Haag kurz vor seinem neuen Album
Direkt im Anschluss ging es auf derselben Bühne mit Oskar Haag weiter. Der österreichische Singer-Songwriter steht unmittelbar vor einem wichtigen nächsten Kapitel: Am 25. September erscheint sein zweites Album „Lost Cause“. Insgesamt 15 Songs umfasst die Platte, die über sein eigenes Label Lullaby Records veröffentlicht wird.
Seine Musik braucht dabei nicht zwangsläufig eine große Bühne. Gerade das kompakte Format auf dem Spielbudenplatz passte zu Haags Art, Songs unmittelbar und ohne unnötigen Ballast zu präsentieren. Wenige Tage vor der Albumveröffentlichung wirkte der Auftritt damit fast wie ein kleiner Vorgeschmack auf das, was mit „Lost Cause“ folgen wird.
Überhaupt gehört genau das zu den Stärken des Reeperbahn Festivals: Nicht jedes Konzert findet in einem klassischen Club statt. Gespielt wird an Orten, die während des restlichen Jahres teilweise überhaupt nichts mit Live-Musik zu tun haben. Zwischen Spielbudenplatz, Reeperbus, Bunker, Bahnhof und sogar einer Bankfiliale wird St. Pauli für vier Tage zu einer riesigen Festivalfläche.Und wir blieben zunächst genau dort.
Almost Monday bringen internationales Flair auf den Spielbudenplatz
Mit Almost Monday wurde es anschließend international. Auch sie nutzten das kompakte Format und präsentierten drei Songs akustisch. Gerade bei einem Showcase-Festival muss ein Auftritt nicht immer 60 oder 90 Minuten dauern, um hängen zu bleiben. Manchmal reichen drei Songs, um einen ersten Eindruck zu hinterlassen – oder um einen Act auf die persönliche Liste für ein späteres vollständiges Konzert zu setzen.
Danach wartete allerdings ein Programmpunkt, der für uns deutlich über einen gewöhnlichen Showcase hinausging.

Nothing But Thieves so intim wie lange nicht mehr
Nothing But Thieves waren ohnehin für diesen Mittwoch angekündigt. Im Rahmen der MoreCore Music Awards sollte die britische Band am Abend ein exklusives Akustik-Set im Uebel & Gefährlich spielen. Doch bevor die Awardshow überhaupt begann, wartete im Hamburger Bunker noch ein deutlich intimeres Erlebnis.
Nur ein kleiner Kreis ausgewählter und zuvor registrierter Gäste bekam die Möglichkeit, die Band in einem Rahmen zu erleben, der bei Nothing But Thieves inzwischen kaum noch vorstellbar ist. Zunächst stand dabei nicht die Live-Performance im Mittelpunkt, sondern neue Musik: Gemeinsam hörten die Anwesenden das noch unveröffentlichte neue Album der Band vollständig am Stück.
Ein Album zum ersten Mal zu hören, bevor es offiziell erschienen ist, besitzt ohnehin seinen eigenen Reiz. Hier kam jedoch die Atmosphäre hinzu: keine beiläufige Playlist, kein einzelner Vorabtrack zwischen zwei anderen Songs, sondern bewusstes Zuhören von Anfang bis Ende. Genau dadurch entstand ein Erlebnis, das im schnelllebigen Veröffentlichungsalltag inzwischen fast ungewöhnlich wirkt.
Nach dem Listening wechselte der Fokus schließlich vom Album zur Band selbst. Nothing But Thieves kamen für ein Interview auf die Bühne und ließen anschließend ein Akustik-Set folgen.
Und genau dieser Moment zeigte noch einmal, wie außergewöhnlich klein dieser Rahmen eigentlich war. Eine Band dieser Größenordnung mit wenigen Menschen und in akustischer Form zu erleben, passiert nicht mehr besonders häufig. Wo sonst große Produktionen und entsprechend dimensionierte Bühnen warten, standen plötzlich wieder die Songs und die Stimme von Conor Mason im Mittelpunkt. Spätestens hier hatte der erste Festivaltag seinen bislang außergewöhnlichsten Moment gefunden.

Fiona-Lee zurück auf dem Reeperbus
Nach diesem Abstecher in den Bunker führte unser Weg wieder zurück auf den Spielbudenplatz. Auf der Bühne des N-JOY Reeperbusses wartete mit Fiona-Lee bereits die nächste Künstlerin.
Ihre Musik lebt von persönlichen Erfahrungen. Fiona-Lee verarbeitet sowohl glückliche als auch schmerzhafte Momente und macht daraus Songs, die autobiografisch wirken, ohne sich ausschließlich um die eigene Geschichte zu drehen. Besonders deutlich wird das bei „Victim“ aus dem Jahr 2025, in dem sie sich mit seelischer Misshandlung durch narzisstische Menschen auseinandersetzt.
Mit ihrer 2026 veröffentlichten EP „Every Woman“ zeigt sie gleichzeitig eine energischere Seite. Treibendere Gitarren, kräftigere Drums und mehr Dynamik treffen auf die weiterhin sehr persönlichen Texte.
Auf dem Reeperbus blieb dafür naturgemäß nicht viel Zeit. Wie bei den anderen Acts bestand das Showcase lediglich aus drei Songs. Trotzdem funktionierte der Auftritt als genau das, was dieses Format leisten soll: ein kurzer Eindruck, der Lust darauf macht, die Künstlerin später noch einmal bei einem vollständigen Konzert zu erleben.
Udo West: Ein Sänger, den man kaum aus den Augen lassen kann
Irgendwann mussten aber auch wir den Spielbudenplatz verlassen. Schließlich besteht das Reeperbahn Festival gerade daraus, sich treiben zu lassen und innerhalb weniger Minuten in einer vollkommen anderen Konzertwelt zu landen.
Mit Udo West wartete der nächste Act – und vor allem eine Performance, die im Gedächtnis blieb. Dabei waren es nicht nur die Songs selbst. Besonders die Bühnenpräsenz des Sängers sorgte dafür, dass man kaum wegschauen konnte. Seine Bewegungen und sein Tanz machten den Auftritt zu einer Performance, die weit über das reine Abspielen eines Showcase-Sets hinausging.
Genau solche Entdeckungen machen einen Festivaltag spannend. Man läuft nicht ausschließlich von Headliner zu Headliner, sondern landet bei Acts, bei denen man vorher vielleicht noch gar nicht weiß, was einen erwartet.

Konzert in der Bankfiliale? Beim Reeperbahn Festival natürlich
Danach wurde es wieder typisch Reeperbahn Festival. Denn unsere nächste Spielstätte war tatsächlich eine Haspa-Filiale.
Wo normalerweise Bankgeschäfte erledigt werden, stehen während des Festivals plötzlich Mikrofone, Instrumente und Publikum. Es ist eines dieser Details, die außerhalb dieses Festivals vermutlich erklärungsbedürftig wären, hier aber vollkommen selbstverständlich wirken.
Und dort trafen wir erneut auf Muryel.
Nachdem wir sie zu Beginn des Tages bereits mit drei Songs auf dem Reeperbus gesehen hatten, gab es nun die ausführliche Variante. Statt eines kurzen Appetithappens spielte sie ein vollständiges Set von rund einer Stunde. Dadurch entstand ein deutlich umfassenderes Bild ihrer Musik. Was am Nachmittag lediglich angedeutet werden konnte, bekam hier Raum, sich zu entwickeln.
Gerade dieser direkte Vergleich zwischen Mini-Showcase und vollständigem Konzert machte den zweiten Auftritt besonders interessant.
Lina-Mariah im Bahnhof Pauli
Viel Zeit zum Durchatmen blieb trotzdem nicht. Vom ungewöhnlichen Konzertort ging es direkt weiter zum Bahnhof Pauli, wo mit Lina-Mariah bereits der nächste Programmpunkt wartete.
Auch hier zeigte sich wieder, wie schnell dieser Mittwoch zwischen unterschiedlichen Stimmungen wechseln konnte. Wenige Stunden zuvor standen wir noch unter freiem Himmel am Reeperbus, anschließend bei einem exklusiven Album-Listening im Bunker, dann in einer Bankfiliale – und nun wieder mitten in einem Club.
Lina-Mariah lieferte dabei eine Performance, die den inzwischen langen Festivaltag noch einmal mit neuer Energie versorgte. Gerade bei einem Showcase-Festival ist das nicht selbstverständlich: Wer innerhalb weniger Stunden zahlreiche Acts sieht, merkt schnell, welche Shows die Aufmerksamkeit erneut vollständig zurückholen können. Diese gehörte für uns dazu.

Mine setzt den Schlusspunkt
Kurz vor Ende unseres ersten Festivaltages führte uns der Weg schließlich ins Schmidtchen zu Mine.
Wer ihre Musik kennt, weiß, dass bei ihr Texte eine zentrale Rolle spielen. Sie beobachtet, formuliert und erzählt auf eine Art, die sich deutlich von vielen klassischen deutschsprachigen Popproduktionen unterscheidet. Dabei können ihre Songs gleichzeitig direkt, verspielt, unbequem und emotional sein.
Passend dazu erschien erst am 4. September ihr neues Album „Killer“, das insgesamt 14 Songs umfasst. Nach einem Tag voller kurzer Showcases war es ein passender Abschluss, noch einmal bei einer Künstlerin zu landen, deren Musik gerade vom genauen Zuhören lebt.

Und irgendwann war dann tatsächlich Schluss.
Nach unzähligen Wegen über St. Pauli, kleinen und großen Bühnen, drei Songs hier, einem kompletten Set dort und diesem außergewöhnlichen Zwischenstopp bei Nothing But Thieves waren die Akkus ziemlich leer. Gleichzeitig war genau dieses Gefühl der beste Beweis dafür, dass der erste Tag funktioniert hatte.
Das Reeperbahn Festival lebt nicht davon, einen perfekt durchgetakteten Konzertplan abzuarbeiten. Es lebt davon, einen Plan zu haben und ihn trotzdem ständig über den Haufen zu werfen. Von einem Act hängen zu bleiben, den man vorher kaum kannte. Von ungewöhnlichen Spielstätten. Von kurzen Sets, die Lust auf mehr machen. Und von Momenten, von denen man am Morgen noch überhaupt nicht wusste, dass sie am Abend zu den persönlichen Highlights gehören würden.
Muryel, Oskar Haag, Almost Monday, Nothing But Thieves, Fiona-Lee, Udo West, Lina-Mariah und Mine machten unseren Mittwoch entsprechend abwechslungsreich.
Und das war gerade einmal Tag eins.
Fotocredit & Review: Kevin Randy Emmers