Es gibt Bands, bei denen man nach wenigen Takten ziemlich genau weiß, was einen in den kommenden Minuten erwartet. Das kann langweilig sein. Muss es aber nicht. MAELFØY gehören auf ihrem neuen Album „Sincerely Yours“ eher zur zweiten Kategorie. Denn auch wenn die Norddeutschen inzwischen ziemlich genau wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen, damit ein Song funktioniert, drücken sie diese eben verdammt zuverlässig.
Dabei beginnt „Sincerely Yours“ zunächst fast nach Lehrbuch. „Dear Jane Doe“, „Guilt & Rust“ oder „Life In My Hands“ setzen auf starke Melodien, große Refrains und die angenehm weiche Stimme von Sänger Marne Büch, bevor spätestens nach dem zweiten Chorus die Abrissbirne ausgepackt wird. Dann wird gescreamt, die Gitarren werden tiefer gestimmt und der Breakdown darf einmal kräftig durch den Song pflügen. Gerade dieser Kontrast funktioniert erstaunlich gut. Denn bei aller Härte stehen bei MAELFØY die Melodien über allem. Das macht ihren Metalcore auch für Menschen leicht bekömmlich, die normalerweise einen gewissen Sicherheitsabstand zu diesem Genre halten.
Natürlich könnte man der Band vorwerfen, dass sie sich dabei ziemlich großzügig aus dem eigenen MAELFØY-Baukasten bedient. Ein bisschen Atmosphäre hier, ein großer Refrain dort und anschließend noch einmal ordentlich Kleinholz – fertig ist der nächste Song. Nur haben die Jungs glücklicherweise ein derart geschicktes Händchen für eingängige Melodien, dass solche Gedanken meistens spätestens beim zweiten Refrain wieder verschwunden sind. Wenn eine Formel funktioniert, muss man sie schließlich nicht zwangsläufig ändern.
Wie gut MAELFØY diese Formel inzwischen beherrschen, zeigt ausgerechnet „Camouflage“. Der Song nimmt zunächst etwas Tempo heraus und lässt kurz vermuten, die Band würde nun tatsächlich einen Gang zurückschalten. Das ist allerdings nicht mehr als eine ziemlich geschickte Körpertäuschung. Zur Songmitte folgt die gewohnte Abfahrt, während der Chorus zuvor eine dieser Melodien auspackt, für die man das etwas inflationär gebrauchte „zum Niederknien“ dann doch noch einmal aus der Schublade holen darf.
Überhaupt ist „Sincerely Yours“ ein Album, das seine Zugänglichkeit nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Härte entwickelt. MAELFØY verstehen Breakdowns weniger als Selbstzweck denn als Gegenpol zu den oftmals beinahe poppigen Refrains. Inhaltlich passt das ziemlich gut zu einer Platte, die sich mit zerbrochenen Beziehungen, Abhängigkeiten, Enttäuschungen und all den Dingen beschäftigt, die man gerne ausgesprochen hätte, aber dann doch für sich behalten hat. Schon Titel wie „Dear Jane Doe“, „Loveletter“ oder „Sincerely Yours“ ziehen sich dabei wie unterschiedliche Formen einer nie abgeschickten Korrespondenz durch das Album.
Einen wirklich anderen Klang bekommt „Sincerely Yours“ allerdings erst in seiner zweiten Hälfte. Nach sieben Songs taucht plötzlich eine 14 Sekunden lange Audiodatei auf, die den folgenden Akustiktrack „Audiomessage“ ankündigt. Die Idee passt natürlich zum Konzept der Platte. Trotzdem hätte man dem Song ruhig zugetraut, für sich selbst zu sprechen. Manchmal ist es eben wie bei echten Sprachnachrichten: Nur weil man sie verschicken kann, muss man es nicht unbedingt tun. Spannender ist da schon „Fake Friends“. Plötzlich rückt der Metalcore deutlich weiter in den Hintergrund und MAELFØY klingen, als hätten sich Lifehouse und Flash Forward irgendwo zwischen Alternative Rock, Emo und Post-Hardcore zu einer gemeinsamen Session getroffen.
14 Tracks und knapp 46 Minuten lang zeigen MAELFØY sehr eindrucksvoll, was sie können – nur eben etwas seltener, was sie darüber hinaus noch könnten. Trotzdem ist „Sincerely Yours“ vor allem eines: eine erstaunlich treffsichere Sammlung moderner Metalcore-Songs.
Fotocredit: Albumcover / Artwork