Mittwoch & Donnerstag
„Rain or Shine“ heißt es beim Wacken Open Air ja bekanntlich jedes Jahr. Dieses Mal wurde eher dem „Shine“ das Go gegeben, denn es konnten zumindest am Mittwoch und Donnerstag die Gummistiefel im Schuhregal stehen bleiben und eher die Sonnenbrille auf dem Näschen zurecht gerückt werden. Aber viel wichtiger als das Wetter ist ja schließlich auch das, was auf den Bühnen passiert und davon wurde allen Fans, egal ob von nah oder fern angereist, wieder so einiges geboten.
Schon der Mittwoch machte deutlich, dass Wacken nicht nur von großen Headlinern lebt, sondern auch von den vielen kleinen und großen Überraschungen dazwischen.
Den Anfang machte unter anderem The Hardkiss aus der Ukraine. Die Band brachte nicht nur musikalisch ordentlich Druck auf die Bühne, sondern wurde auch von der eindrucksvollen Stimme der charismatischen Frontfrau Julia Sanina geprägt. Zwischen modernen Rocksounds und emotionalen Momenten hat die Band absolut bewiesen, warum sie mittlerweile weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus gefeiert werden.
Ebenfalls auf dem Programm standen Morphide, die mit modernem Metal und jeder Menge Spielfreude überzeugt und das Publikum bereits zu relativ früher Stunde auf Betriebstemperatur gebracht haben.
Ein echtes Highlight für alle, die gerne mal über den musikalischen Tellerrand schauen, war definitiv Electric Bassboy. Rock- und Metalklassiker wurden hier kurzerhand in tanzbare Beats verwandelt und bekamen dadurch einen völlig neuen Anstrich. Was zunächst nach einer verrückten Idee klingt, funktionierte überraschend gut. Zwischendrin fanden auch eigene Songs ihren Platz, die ebenfalls in unterschiedlichen Versionen präsentiert wurden. Das Ergebnis: eine riesige Party vor der Bühne, bei der selbst eingefleischte Metalheads plötzlich dem Tanzen gar nicht mehr so abgeneigt waren.

Mit Lacuna Coil wurde es anschließend wieder deutlich düsterer. Die Italiener bewiesen einmal mehr, weshalb sie seit Jahren zu den festen Größen des Gothic Metals gehören. Besonders das Zusammenspiel der Stimmen von Cristina Scabbia und Andrea Ferro sorgte für eine ganz besondere Atmosphäre, die die Band seit Jahrzehnten auszeichnet.
Etwas klassischer wurde es mit Rose Tattoo. Die australischen Hard-Rock-Veteranen zeigten eindrucksvoll, dass ehrlicher Rock’n’Roll auch nach Jahrzehnten nichts von seiner Wirkung verliert. Keine übertriebene Show, keine riesigen Effekte – einfach gute Songs, viel Erfahrung und jede Menge Charakter.
Der Donnerstag startete dann mit einer echten Wacken-Premiere. H-Blockx standen erstmals überhaupt auf einer der Bühnen des Festivals, nämlich der „Louder Stage“ und haben das Publikum mir ihrer Mischung aus Crossover, Rock und 90er-Jahre-Vibes mitgerissen und allen gezeigt, dass das auch heute noch ganz hervorragend funktioniert. Spätestens bei Countdown to Insanity und Move Ya! gings ab im Publikum. Einfach Songs, die auch nach all den Jahren nichts von ihrer Energie verloren haben und sowas ist doch einfach schön!
Und für alle die jetzt fragen: „Gibts auch Punkrock auf Wacken?“ Lautet die Antwort: „Ja, gibt es!“ Zum Beispiel von Brunhilde aus Fürth. Frontfrau Carolin hat mit ihrer unverwechselbar rotzigeb Stimme und jeder Menge Präsenz dafür gesorgt, dass der Auftritt konsequent nach vorne ging. Laut, direkt und mit ordentlich Attitüde. Ganz nach meinem Geschmack.
Wenn es eine Band gibt, die untrennbar mit Wacken verbunden ist, dann ist es wohl Skyline. Die Festival-Urgesteine gehören seit Jahrzehnten zum Inventar des Open Airs und schaffen es jedes Mal aufs Neue, ein Stück Festivalgeschichte lebendig werden zu lassen. Kaum eine Band verkörpert den Wacken-Spirit so sehr wie sie.
Mit Life of Agony wurde es anschließend emotional und gleichzeitig brachial. Zwischen schweren Riffs und den markanten Vocals hat sich ein Auftritt entwickelt, der vor allem sehr von seiner Intensität gelebt hat.

Ein bisschen Seeluft wehte später mit Storm Seeker über das Infield. Piratenrock mag sicherlich nicht jedermanns Sache sein, doch die Mischung aus Folk, Metal und jeder Menge guter Laune hat live hervorragend funktioniert. Vor der Bühne wurde getanzt, geschunkelt und selbstverständlich laut mitgesungen.
Zu den größten positiven Überraschungen des Tages gehörte für mich allerdings Europe. Natürlich kennt jede und jeder The Final Countdown. Und ich muss ganz ehrlich sein: ich mag diesen Song einfach nicht und habe mich aus diesen Gründen nicht unbedingt so auf den Gig gefreut, wollte der Band aber trotzdem eine Chance geben. Dass die Schweden aber weit mehr zu bieten haben als ihren größten Welthit, da mussten sie nicht lange Überzeugungsarbeit leisten. Sänger Joey Tempest hat stimmlich auf ganzer Linie abgeliefert und die Band präsentierte sich spielfreudig und bestens aufgelegt. Als schließlich die ersten Klänge von The Final Countdown erklangen, verwandelte sich das gesamte Infield in einen riesigen Chor. Ein echter Gänsehautmoment.
Fast schon das komplette Gegenteil davon spielte sich wenig später auf der kleinen Wasteland Stage ab. Evil Jared x Krogi lieferten keine klassische Show, sondern eine einzige große Party. Wahnsinn, Witz, Alkohol, Feuer und jede Menge Selbstironie bestimmten das Programm. Es wurde gelacht, gefeiert und improvisiert – genau das machte den Charme und vor allem die unfassbar krasse Energie dieses Auftritts aus.
Den krönenden Abschluss bildeten schließlich Def Leppard. Die britischen Rocklegenden feierten in diesem Jahr tatsächlich ihre Wacken-Premiere – ein Umstand, der viele überraschte. Auch wenn die Band heute natürlich nicht mehr mit der gleichen körperlichen Dynamik über die Bühne fegt wie noch vor einigen Jahrzehnten, spielte das letztlich überhaupt keine Rolle. Stimmlich lieferten Joe Elliott und seine Mitstreiter bemerkenswert souverän ab, der Sound war druckvoll und glasklar. Songs wie Pour Some Sugar on Me, Rock of Ages oder Hysteria zeigten eindrucksvoll, warum Def Leppard seit Jahrzehnten zu den größten Namen der Rockgeschichte gehören.
Und genau das macht das Wacken Open Air Jahr für Jahr so besonders. Zwischen Metal-Legenden, Festivalpremieren, verrückten Ideen und völlig unterschiedlichen Musikrichtungen findet jeder seinen ganz persönlichen Lieblingsmoment. Egal ob vor der Hauptbühne, auf einer kleinen Nebenbühne oder irgendwo mitten im Matsch – Wacken schafft es immer wieder, Menschen zusammenzubringen.
Denn am Ende ist es völlig egal, ob die Sonne scheint oder der Regen waagerecht über das Infield zieht. Hauptsache, die Musik ist laut genug.
Fotocredit: Kevin Randy Emmers