Es gibt Orte, an denen Nähe ungefährlich gemacht wird. Wo Berührung erlaubt ist, solange sie keine Spuren hinterlässt. Wo alles darauf ausgelegt scheint, dass nichts sich wehrt.
Vielleicht ist genau das der Anfang von Anpassung.
Mit Streichelzoo, ihrem zweiten Studioalbum, verwandelt Berglind diesen Gedanken in eine Metapher für das Gefallenwollen – für den Versuch, möglichst weich zu sein. Genügsam. Einfach. Schön. Nicht anzuecken, nicht zu viel zu verlangen, nicht zu stören. Immer gerade so viel Raum einzunehmen, dass sich alle anderen darin wohlfühlen.
Die Wiener Künstlerin, deren Wurzeln bis heute tief nach Salzburg reichen, blickt dabei nicht auf eine Figur von außen, sondern auf sich selbst. Giovanna, die Frau hinter Berglind, führt auf diesem Album einen Dialog mit der Person, die sie lange glaubte sein zu müssen – und mit jener, die sich langsam aus dieser Rolle herauslöst.
Es ist kein Abrechnen. Eher ein Erwachen.
Es geht um die Rollen, die man so lange spielt, bis sie sich wie die eigene Haut anfühlen. Um das Bedürfnis, die Liebe zu sein. Die Gute. Die Schöne. Die Unkomplizierte. Und um den Moment, in dem diese Zuschreibungen plötzlich zu eng werden.
Immer wieder fordert Berglind sich selbst auf, aufzustehen. Den Reflex zu hinterfragen, sich kleiner zu machen. Sich nicht länger über Zustimmung zu definieren. Nicht jede Erwartung zu erfüllen, nur weil man es gelernt hat. Streichelzoo erzählt dabei keine Geschichte der plötzlichen Befreiung. Es erzählt von einem Prozess – von kleinen Verschiebungen, Rückfällen, leisen Erkenntnissen und Momenten, in denen plötzlich etwas aufbricht. Denn Veränderung verläuft selten geradlinig. Das Leben tut es schließlich auch nicht.
Diese Bewegung ist auch im Sound des Albums hörbar. Musikalisch öffnet Berglind Räume, die sie bisher nur angedeutet hat. Der Klang ist unmittelbarer, direkter und entschlossener. Manche Songs reißen unvermittelt aus, werden laut, roh und widerspenstig. Andere tragen noch immer jene Zartheit in sich, die Berglinds Musik seit jeher auszeichnet. Nicht als Gegenpol zur Stärke, sondern als Teil von ihr.
So weigert sich Streichelzoo, zwischen Sanftheit und Entschlossenheit zu wählen. Das Album versteht Weichheit nicht länger als Anpassung, sondern als etwas, das erst dann frei werden kann, wenn sie nicht mehr aus Angst entsteht. Verletzlichkeit und Widerstand stehen sich hier nicht gegenüber – sie wachsen ineinander.
Mit Streichelzoo legt Berglind ihr bislang unmittelbarstes Album vor. Ein Werk zwischen poetischer Selbstbefragung und kompromissloser Ehrlichkeit. Es verabschiedet sich von einer Version des eigenen Selbst, die vor allem funktionieren und gefallen wollte, und sucht stattdessen nach einer Stimme, die nicht länger um Erlaubnis bittet.
Denn vielleicht bedeutet Erwachsenwerden nicht, härter zu werden.
Sondern aufzuhören, sich streicheln zu lassen, nur um dazuzugehören
Bildquelle: Berglind – Streichelzoo Cover via Morinoko