Friska Viljor machen ernst, wenn sie von „anderen“ Abenden sprechen – und doch fühlt sich dieser Freitag im Bielefelder Forum vom ersten Moment an genau richtig an für diese Band. Statt Vollbesetzung und Feiermodus treten Daniel Johansson und Joakim Sveningsson als Duo an, auf Bierzeltgarnituren blickt ein sitzendes Publikum, das sonst eher in der zweiten Songhälfte schon am Durchdrehen ist.
Der Introsong kommt – natürlich vom Band – von Bryan Adams: „Heaven“. Diese Mischung aus Schnulze, Powerballade und ironiefreier Sentimentalität setzt den Ton für einen Abend, der sich ganz bewusst auf die weicheren, ruhigeren Ecken des Friska-Viljor-Kosmos stürzt. „Das ist die Musik die wir früher gehört und nachgespielt haben. Als wir mit der Musik begonnen haben und das erste Mal verliebt waren“ informiert Sänger Joakim Sveningsson noch bevor überhaupt der erste eigene Ton gespielt wurde. Für persönliche Geschichten und Momente sollte heute Abend eine Menge Zeit sein. In reduzierten Arrangements graben Johansson und Sveningsson tief in ihrem Katalog, holen die leisen Stücke nach vorn, die sonst zwischen all den Euphorie-Exzessen auch mal untergehen. Der Verzicht auf Schlagzeug und große Bühnenshow zwingt zum Zuhören – und das Forum ist dafür der perfekte Ort. Hier, wo Friska Viljor einst ihr erstes Deutschland-Konzert spielten, sitzt ein Publikum, das die Band seit Jahren begleitet und jetzt aufmerksam jede Nuance mitnimmt. Die Songs werden eingerahmt von langen, oft sehr persönlichen Anekdoten: Geschichten über erste Lieben, über Familien, über Kinder, über das Ringen darum, Tourleben und Zuhause unter einen Hut zu bekommen. Man merkt, dass hier zwei Menschen sitzen, die nicht mehr jede Nacht so tun müssen, als wäre das Leben eine einzige Euphorie-Schleife – und die gerade deshalb sehr glaubwürdig von den Bruchstellen erzählen.
Atmosphärisch passt dazu, dass es einer der heißesten Tage des Jahres ist. Schon im Sitzen kommen Johansson und Sveningsson ins Schwitzen, wischen sich mit bereitgelegten Handtüchern immer wieder den Schweiß aus dem Gesicht, lachen darüber, dass es sich anfühlt wie eine Sauna mit Publikum. Es ist diese Mischung aus völliger Unprätentiosität und emotionaler Offenheit, die den Abend trägt: Kein Pathos, aber auch keine Angst vor großen Gefühlen. Wenn sie erzählen, wie schwierig es sein kann, nach Wochen auf Tour wieder in den Familienalltag einzutauchen, fühlt man kurz den Riss, der sich durch viele Musiker:innenleben zieht – und dann kommt ein Song, der genau das in eine Melodie gießt, ohne platt zu werden.
Dass Friska Viljor bei all der Intimität ihre Live-DNA nicht völlig vergessen, zeigt der Zugabenteil. Nach einem Abend auf Stühlen, mit viel Zuhören und leicht verklärten Blicken, erheben sich die beiden von ihren Stühlen – und der Raum kippt innerhalb von Sekunden in den vertrauten Friska-Modus. „Apperigo“, „Wohlwill“ und „Shotgun Sister“ bilden einen Hitblock, der dann doch niemanden sitzen lässt. Die Bierzeltgarnituren werden zu Stehplätzen, Menschen tanzen zwischen den Reihen, singen jede Zeile mit, als hätte es die vorherigen 90 Minuten der kontemplativen Ruhe nie gegeben. Genau dieser Kontrast macht den Abend besonders: Ein Konzert, das zeigt, wie viel mehr in dieser Band steckt als die bloße „Indie-Feierabend-Party“ – ohne ihr irgendetwas von ihrer Energie zu nehmen. Für das Bielefelder Forum, diesen alten Freund im Friska-Universum, war es ein Abend, der vieles von dem zusammenbringt, was diese Beziehung seit dem ersten Deutschland-Gig ausmacht: Nähe, Vertrautheit, und diese Art von Glück, die man erst versteht, wenn man zwischendurch auch mal still war.
Fotocredit: Marc Erdbrügger