Der Assistent macht genau die Art Musik, die ich früher im Kosmos zwischen SPEX und Melt-Festival verortet hätte: zu popaffin, um rein akademisch zu sein, zu weird, um im Algorithmus nebenan mitzuschwimmen. In einer Welt, in der es beides nicht mehr gibt, werden die Nischen für so etwas enger – Umso spannender ist, wie „Ultramarin“ wirkt wie ein Beweis, dass dieser Raum sich notfalls selbst erschafft.
Hinter dem Alias steckt Tom Hessler, der nach seinem selbstbetitelten Debüt und dem fiebrigen „Amnesie am Amazonas“ seine kleine Parallelwelt konsequent weiterzieht. „Ultramarin“ ist sein drittes Album, erstmals auf dem eigenen Label Ultramarin und erneut irgendwo zwischen Yacht Pop, Balearic und Downbeat verortet. Geschrieben, aufgenommen, produziert und gemischt hat Hessler die Platte zwischen Spätsommer 2025 und Frühling 2026 größtenteils alleine, unterstützt von Berend Intelmann am Schlagzeug und Julius Gabriel an den Bläsern – ein überschaubares, aber hörbar eingespieltes Team, das diesen Sound zwischen Wohnzimmerstudio und imaginiertem Strandclub sehr genau getroffen bekommt.
„Ultramarin“ beginnt wie ein lauer Sommerabend auf einer Dachterrasse und kippt dann langsam in einen Fiebertraum – nur dass Der Assistent längst gelernt hat, seine Fieberträume zu arrangieren. „There is nothing more 80s than the early 90s“ steht als heimlicher Leitsatz über der Platte: warme Pads, verhallte Snares, Bassläufe aus Beach Bars, die man sich eher in VHS-Optik als in 4K vorstellt – und mittendrin dieser Erzähler, der nie so genau weiß, ob er gerade einen Scirocco oder sein eigenes Nervensystem beschreibt.
Den Einstieg markiert „Wenn der Scirocco weht“: „Weil auf der Insel alles geht, wenn der Scirocco weht“, raunt der Assistent über Dancehall-Bass und nostalgische Klavierfiguren. Das klingt nach Aperol und Afterhour, meint aber eine Welt, die gerade langsam den Verstand verliert. Es folgt der Titelsong „Ultramarin“, die kühlste Brise der Platte. Ein Downbeat-Chill-out, wie er auf einer frühen Café-del-Mar-Compilation hätte landen können, in dem der Assistent auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch von einer anderen Welt träumt. „Unter dem Asphalt, der Strand / Sous les pavés, la plage“ als Mantra, Yves Klein im Geiste, der Refrain nur ein Wort lang – stark.
Anschließend entführt einen der „Mann am Telefon“ in eine chillig-dadaistische Popwelt. Lofi-R&B, Reggae, Yacht-Rock und NDW-Elemente werden hier gekonnt verwoben. Zurecht als Vorab-VÖ ausgewählt, bildet dieser Track eines der Highlights auf Ultramarin. Es folgt „Neue Lunge“, ein Remake der ersten Assistenten-Single. Verglichen mit dem Original atmet die Neuaflage ganz klar den „Ultramarin“-Spirit und passt in diesem Gewand ganz wunderbar in die versammelten Eskapismen des Albums. Verschiedenste Soundeffekte wirken hier wie ganz bewusste Farbtupfer im Sound und beschließen die A-Seite des Albums.
Die B-Seite wird angeführt von „Der Assistent und das zweite Ich“ – und fordert den Hörer. Irgendwo zwischen Fahrstuhlmusik und Gainsbourg. Ohnehin wirkt die zweite Albumhälfte mutiger und verwegener. Der Sound droht noch mehr in den Kitsch zu kippen, kann sich aber immer wieder fangen. Ohne Frage, Der Assistent macht Musik die stark stimmungsabhängig ist. Aber vermutlich kommt das Album zum Beginn des Sommers gerade richtig. Mich konnten alle acht Tracks begeistern und liefern einen perfekten Soundtrack für jede Mood-Playlist.
In einer Landschaft ohne SPEX oder Melt Festival dürfte die größte Challenge für „Ultramarin“ darin bestehen, Räume zu finden in denen es überhaupt stattfinden kann. Live bringt Der Assistent sein Album diesen Sommer aber auf jeden Fall auf die Bühnen. Bitte hingehen:
DER ASSISTENT Live 2026
19.06. Berlin, West Germany, Releasekonzert
30.06.2026 Hamburg, Hafenbahnhof
02.07.2026 Zürich, Sommerbar Kauz X Museum für Gestaltung
10.07. Neuenbürg, Schloss Neuenbürg
07.08. Magdeburg, CoSy Festival
20.08. Hannover, Kulturhafen
21.08. Düsseldorf, Bilker Bunker
22.08. Darmstadt, Das Blumen
Fotocredit: Maximilian König