Nach Tag eins folgt bekanntlich Tag zwei – logisch. Und während die Beine langsam verstanden hatten, was vier Tage Reeperbahn Festival eigentlich bedeuten, wartete am Donnerstag bereits die nächste musikalische Reise durch St. Pauli auf uns.
Zwischen intimen Newcomer-Momenten, kurzen Showcases auf dem Spielbudenplatz, emotionalem Deutschpop, K-Pop aus Seoul, Metalcore beim Wacken-Showcase und einem elektronischen Finale mit HVOB zeigte der zweite Festivaltag ziemlich eindrucksvoll, warum ein fester Genre-Fahrplan beim Reeperbahn Festival eigentlich vollkommen überflüssig ist.
Früher Start mit Ratte Rosa
Für uns begann der Donnerstag bereits zur Mittagszeit mit Ratte Rosa. Hinter dem Projekt steckt Greta Klos, die mit ihrer Musik dorthin geht, wo es manchmal unangenehm wird: zu Verletzlichkeit, vermeintlichen Schwächen und der Frage, welche Dinge wir verändern können – und welche wir irgendwann akzeptieren müssen.
In Songs wie „Spinne“ oder „Gar nichts“ verarbeitet sie Gedanken über Freundinnenschaft, Machtmissbrauch, Slut-Shaming und das Leben als Frau in patriarchalen Strukturen. Musikalisch treffen Stimme und Klavier auf Synthesizer und Beats. Inhaltlich bleibt dabei wenig an der Oberfläche.
Gerade am frühen Nachmittag funktionierte diese Direktheit überraschend gut. Statt eines vorsichtigen Starts in den zweiten Festivaltag gab es Texte, bei denen Zuhören ausdrücklich erwünscht war. Ratte Rosa zeigte damit früh, dass auch die leiseren und persönlicheren Momente ihren Platz zwischen all den Showcases haben.
Nach einer kurzen Verschnaufpause zog es uns anschließend wieder dorthin, wo wir am Vortag bereits erstaunlich viel Zeit verbracht hatten: auf den Spielbudenplatz.

Von den „Wilden Hühnern“ auf die Reeperbahn: Zsá Zsá
Um 15 Uhr wartete am N-JOY Reeperbus direkt eines unserer nächsten Highlights: Zsá Zsá. Manchen dürfte Zsá Zsá Inci Bürkle tatsächlich schon deutlich länger bekannt sein als ihre Musik. Als Kind stand sie als Trude für die Filmreihe „Die Wilden Hühner“ vor der Kamera. Heute sieht ihre künstlerische Welt allerdings vollkommen anders aus. Aus der Kinderdarstellerin wurde eine Musikerin, die bewusst mit Provokation, Sexualität und selbstbewusster Überzeichnung arbeitet.
Songs wie „bad bunnies“ machten sie auch musikalisch einem größeren Publikum bekannt. 2025 folgte mit „Thirst Trap“ ihr Debütalbum, auf dem sie diesen Stil zwischen Pop, Rap, elektronischen Einflüssen und bewusst offensiven Texten weiter ausbaute.
Auf dem Reeperbus blieb dafür allerdings nur wenig Zeit. Das gehört zum Konzept der Bühne: Die Acts spielen hier keine vollständigen Konzerte, sondern kompakte Sets von etwa 15 bis 20 Minuten – meistens drei bis fünf Songs.
Zsá Zsá nutzte diese Minuten entsprechend effektiv. Kurz, direkt und definitiv genug, um den Spielbudenplatz am Donnerstagnachmittag einmal ordentlich durchzuschütteln.

JBS macht direkt weiter
Warum die Bühne wechseln, wenn direkt danach der nächste interessante Act spielt? Also blieben wir einfach stehen. Mit JBS folgte ein Musiker, dessen Karriere in den vergangenen Jahren ziemlich an Geschwindigkeit aufgenommen hat. Gemeinsam mit MilleniumKid gelang ihm mit „Unendlichkeit“ der erste größere Durchbruch. Später folgte unter anderem „Vielleicht Vielleicht“, während JBS seinen eigenen Sound zwischen Synthiepop, Indie, New Wave und elektronischen Einflüssen zunehmend weiterentwickelte.
Auch die Verbindung zu BUNT. ist längst vorhanden. Gemeinsam veröffentlichten sie unter anderem „LIEBE“ und „nie allein“.
Erst wenige Wochen zuvor hatten wir JBS in Hamburg noch in einem deutlich größeren Umfeld zusammen mit BUNT. erlebt. Nun stand er plötzlich auf dem Reeperbus und damit nur wenige Meter vom Publikum entfernt.
Genau diese Gegensätze gehören zu den schönsten Seiten des Reeperbahn Festivals. Acts, die andernorts auf großen Bühnen stehen, tauchen hier plötzlich für wenige Songs in einem Bus oder auf einer winzigen Showcase-Bühne auf.
Sperling: Endlich wieder etwas mehr Druck
Nach so viel Pop brauchten wir Kontrast. Also ging es ziemlich zügig Richtung Prinzenbar, denn dort warteten Sperling. Die Band gehört für uns ohnehin zu den Acts, die wir auf diesem Reeperbahn Festival unbedingt sehen wollten. Ihr Sound bewegt sich zwischen Post-Hardcore, Alternative und Rap, ohne dass sich die einzelnen Elemente gegenseitig im Weg stehen. Stattdessen entsteht genau aus diesen Gegensätzen die besondere Dynamik der Band.
Vor allem textlich lohnt es sich, genauer hinzuhören. Persönliche Konflikte, Selbstzweifel, gesellschaftliche Beobachtungen und emotionale Abgründe werden nicht einfach in möglichst große Refrains verpackt. Sperling schaffen es, Schwere zuzulassen und trotzdem Songs zu schreiben, die live unmittelbar funktionieren. Nach den kurzen Sets auf dem Spielbudenplatz war dieser Auftritt genau das Kontrastprogramm, das wir gebraucht hatten.
Und spätestens danach war klar: Dieser Donnerstag wollte uns offenbar kaum Verschnaufpausen gönnen.
YOUCOOK baut sich einfach eine eigene Festivalbühne
Am frühen Abend führte unser Weg schließlich ins Festival Village auf dem Heiligengeistfeld. Dort feierte 2026 eine neue Bühne Premiere: die YOUCOOK Sounds Stage.
Hinter YOUCOOK steckt eine Marke für frische Ready Meals – also schnelle Fertiggerichte mit verschiedenen internationalen Geschmacksrichtungen. Beim Reeperbahn Festival beließ man es allerdings nicht bei einem klassischen Food-Stand. Stattdessen entstand eine eigene Festival-Area inklusive frei zugänglicher 360-Grad-Bühne, auf der während der vier Festivaltage vor allem neue Pop-Acts präsentiert werden.
Und genau dort stand an diesem Abend Sharaktah. Seine Musik funktioniert nicht nur über Melodien, sondern vor allem über Emotionen. Während des Auftritts sprach er immer wieder über sein eigenes Leben, Verletzlichkeit und darüber, dass niemand von uns vollkommen unverwundbar durchs Leben geht. Dadurch entstand zwischen den Songs schnell eine ungewöhnlich persönliche Atmosphäre. Statt einfach den nächsten Track anzukündigen, gab Sharaktah Einblicke in die Gedanken hinter seiner Musik – und genau dadurch wirkten die Songs anschließend noch einmal anders. Der Auftritt kam außerdem zu einem spannenden Zeitpunkt: Am 9. Oktober 2026 erscheint sein neues Album „SHARAKTAH“. Insgesamt 13 Tracks sind angekündigt, darunter bereits veröffentlichte Songs wie „WACH“, „VIELLEICHT“, „HERZ AUS PLASTIK“ und „VERMISS MICH“.
Danach geht es für ihn mit dem neuen Material auf Tour. Wenn ein Showcase Lust darauf machen soll, einen Künstler anschließend bei einer eigenen Show wiederzusehen, dann hatte dieser Auftritt seinen Zweck definitiv erfüllt.

KIIRAS feiern ihre Deutschlandpremiere
Danach ging es wieder zurück auf den Spielbudenplatz – und plötzlich wurde es international. Mit KIIRAS stand ein Sextett aus Seoul auf der Spielbude XL, das seine ersten Schritte auf europäischen Bühnen machte. Für uns bedeutete das gleichzeitig eine der spannendsten internationalen Entdeckungen des Donnerstags.
Obwohl das Projekt noch vergleichsweise jung ist, konnten Songs wie „Bang Bang!“ und „Kill Ma Bo$$“ bereits hunderttausende Streams sammeln. Musikalisch verbinden KIIRAS modernen K-Pop mit Dance-Elementen, R&B und sogar vereinzelten Country-Einflüssen.
Mit der Debüt-EP „Kill Ma Bo$$“ legte die Gruppe 2025 den Grundstein, während Songs wie „TA TA“ und „R.U.T.“ 2026 die nächste Phase einläuteten.
Live wurde schnell deutlich, dass bei KIIRAS Musik und Performance unmittelbar zusammengehören. Choreografie, visuelle Ästhetik und die Songs bilden ein Gesamtpaket, das bewusst auf Bewegung und Energie ausgelegt ist. Dass wir die Gruppe bei einem ihrer ersten Auftritte in Europa erleben konnten, machte das Ganze zusätzlich besonders.

Wacken trifft Reeperbahn
Von K-Pop ging es anschließend praktisch ohne Übergang zu Metalcore und Post-Hardcore. Willkommen beim Reeperbahn Festival. Im Bahnhof Pauli hatte an diesem Donnerstag das Wacken Open Air sein Showcase übernommen. Für uns natürlich Grund genug, dort vorbeizuschauen. Unsere Wahl fiel auf Seven Blood.
Das Berliner Quartett entstand während der Pandemie und verarbeitet in seinen Songs vor allem innere Konflikte, psychische Belastungen und den Kampf mit den eigenen Dämonen. Bereits die Debütsingle „Killing From The Inside“ zeigte 2024, wohin die Reise gehen sollte: Metalcore trifft Post-Hardcore und Emo, große Melodien treffen auf Härte.
2025 folgte das Debütalbum „Life Is Just A Phase“. Inzwischen standen Seven Blood unter anderem beim Summer Breeze und auf der Full Metal Cruise auf der Bühne.
Einflüsse von Architects, Sleep Token oder My Chemical Romance lassen sich durchaus heraushören, ohne dass die Band wie eine Kopie ihrer Vorbilder wirkt.
Vor allem live ergibt diese Mischung Sinn. Nach dem polierten K-Pop-Auftritt wenige Minuten zuvor fühlte sich der Wechsel zu Seven Blood fast wie ein musikalischer Schleudergang an. Genau dafür lieben wir dieses Festival.
OKASHII bringen Seoul noch einmal nach Hamburg
Langsam näherte sich der zweite Festivaltag seinem Ende – einen Programmpunkt auf dem Spielbudenplatz hatten wir allerdings noch. Und erneut führte uns die Reise nach Südkorea.
Mit OKASHII wartete diesmal allerdings kein klassischer K-Pop, sondern ein deutlich experimentellerer Ansatz zwischen Hip-Hop, Trap, Hardcore Hip-Hop, R&B und Art Pop.
Das fünfköpfige Kollektiv aus Seoul versteht sich dabei nicht ausschließlich als Musikprojekt. Songwriting, Produktion, Visuals und die gesamte audiovisuelle Präsentation gehören zusammen. Dieser multidisziplinäre Ansatz zieht sich entsprechend durch alles, was OKASHII machen.
Mit „ANTIVANDALISM“ erschien 2023 ein wichtiges Album des Kollektivs, ein Jahr später folgte das „ORTON“-Mixtape. 2026 setzte die Zusammenarbeit mit Kid Milli und „MAINSTREAM“ ein weiteres Ausrufezeichen.
Auf der Bühne funktionierte dieser Ansatz hervorragend. Statt einer klassischen Rapshow entstand ein audiovisueller Auftritt, der sich ständig zwischen unterschiedlichen Einflüssen bewegte. Zwei koreanische Acts an einem Abend – und trotzdem hätten die beiden Shows kaum unterschiedlicher sein können.
HVOB machen im Docks endgültig das Licht aus
Eigentlich hätte man an diesem Punkt bereits problemlos sagen können: reicht für heute. Aber ein Highlight fehlte noch. Kurz nach 23 Uhr ging es deshalb ins Docks zu HVOB.
Das österreichische Electronic-Projekt bewegt sich seit Jahren in einem Bereich, in dem elektronische Musik nicht einfach nur aus einem DJ-Set besteht. HVOB verbinden elektronische Produktionen mit Live-Elementen und dem Gesang von Anna Müller. Dadurch bekommen die Tracks eine organische Ebene, die gerade im Konzert noch einmal deutlich stärker hervortritt.
Und nach einem Tag, an dem wir musikalisch gefühlt einmal um die halbe Welt gereist waren, erwies sich genau dieser Sound als perfekter Abschluss.
Rund anderthalb Stunden lang verwandelte sich das Docks in einen Raum aus Beats, Licht, Bass und dieser charakteristischen Stimme. Die Musik von HVOB funktioniert hypnotisch, ohne monoton zu werden. Tracks bauen sich auf, verschwinden beinahe wieder und kehren mit einer Wucht zurück, die man nicht nur hört, sondern körperlich spürt.
Irgendwann war vollkommen egal, wie viele Kilometer an diesem Tag bereits zwischen Spielbudenplatz, Prinzenbar, Festival Village und Bahnhof Pauli zusammengekommen waren.
Ein Donnerstag ohne musikalische Grenzen
Ratte Rosa, Zsá Zsá, JBS, Sperling, Sharaktah, KIIRAS, Seven Blood, OKASHII und schließlich HVOB – schreibt man diese Namen hintereinander, wirkt es fast so, als hätten wir mehrere vollkommen unterschiedliche Festivals an einem einzigen Tag besucht.
Genau darin liegt aber eine der größten Stärken des Reeperbahn Festivals.
Hier steht ein kurzer Pop-Showcase wenige Stunden vor Metalcore. Ein K-Pop-Sextett aus Seoul teilt sich den persönlichen Tagesplan mit einer deutschen Post-Hardcore-Band. Ein emotionaler Sharaktah spielt auf einer Bühne eines Ready-Meal-Herstellers, während ein paar Straßen weiter das Wacken Open Air seinen eigenen Showcase veranstaltet.
Und irgendwann nach 23 Uhr steht man schließlich im Docks, die Beine längst schwer, den Kopf voll mit Songs und Eindrücken – und HVOB schaffen es trotzdem, noch einmal sämtliche Aufmerksamkeit auf die Bühne zu ziehen.
Tag zwei hatte deutlich gemacht, was dieses Festival im besten Fall sein kann: kein bloßes Abhaken von Namen auf einem Timetable, sondern eine permanente Suche nach dem nächsten Moment, mit dem man vorher nicht gerechnet hat.
Fotocredit: Kevin Randy Emmers