Nein! Eigentlich nicht und paradoxerweise hatte es doch schon etwas Endgültiges. Die Toten Hosen haben gestern Abend auf der Trabrennbahn Bahrenfeld in Hamburg vor rund 35.000 Menschen gespielt. Im Rahmen ihrer „Trink Aus! Wir Müssen Gehen“-Tour war das Konzert ausverkauft gewesen. Sowohl Band als auch Fans haben sich für diesen wirklich besonderen Abend noch einmal richtig in Schale geworfen. Ich habe lange kein Konzert mehr besucht, bei dem wirklich so viel Merch von der band, die auch spielt, getragen wurde. Hier waren glaube ich sämtliche Hosen Bandshirts, die je das Licht der Welt erblickt haben vertreten. Und obwohl das ganz große Abschiedskonzert erst für 2027 in Düsseldorf angekündigt ist, hat sich dieser Abend in Hamburg doch verdächtig nach Abschied angefühlt aber irgendwie auch nicht. Ich denke alle die gestern vor Ort waren, können nachfühlen, was ich meine.
Schon die beiden Supportacts Gogol Bordello und The Stranglers habrn ordentlich vorgelegt. Die britischen Punk-Legenden und die US-amerikanische Folk-Punk-Band haben die Crowd, jeder auf ihre ganz eigene Art und Weise, auf einen Abend eingestimmt, der musikalisch kaum abwechslungsreicher hätte sein können und trotzdem „Punk“ in alle Richtungen schreit. Natürlich haben Campino und seine Jungs es sich nicht nehmen lassen ihre Gäste selbst anzumoderieren.
Während bei bestem Sommerwetter mit einem leichten, angenehmen Lüftchen die Zeit mit den beiden Voracts schon so dahin flog, flog sie danach noch umso schneller. Es war Zeit für die Düsseldorfer Punk-Legenden namens Die Toten Hosen. Und die hatten von der ersten Sekunde an keine Lust auf einen leisen Abschied.
Mit dem unschlagbaren Intro Duo Trink aus und Opel-Gang war der Startschuss gelungen gefallen. Danach haben die Hosen mit Die Show muss weitergehen, Wir waren nie weg und Auswärtsspiel direkt klargemacht, was an diesem Abend auf dem Programm stand: laut, dreckig, emotional und vor allem verdammt viel Band-Geschichte. Eine wirklich ganz famose Mischung, bei der Fans aus wirklich jeder Epoche sowohl emotional als auch körperlich mitgerissen wurden.
Frontmann Campino hat wie wir ihn kennen dabei schnell die Nähe zum Publikum gesucht. Bei dem Song Wannsee vielleicht ein klein wenig zu impulsiv. Denn eigentlich war sein Plan (glaube ich zumindest) sich ins Publikum fallen zu lassen und ein paar Meter Crowd zu surfen. Das hat wiederum die Crowd allerdings erst zu spät mitbekommen und so fehlten die ausgestreckten Arme und Campino landete kurzerhand auf dem Hosenboden. Aber wie heißt es so schön „Die Show muss weitergehen“ – das ging sie dann auch.
Wie schon erwähnt, war die Setlist wirklich Premium für jeden Hosen-Fan. Laune der Natur, Paradies und Altes Fieber haben sich mit Liebeslied und Europa abgewechselt. Besonders schön war auch, dass mit Das Mädchen aus Rottweil sogar ein Song zurückgekehrt war, der seit 2019 nicht mehr live gespielt wurde.
Spätestens bei Steh auf, wenn du am Boden bist, Bonnie & Clyde und Alles aus Liebe hat die Trabrennbahn endgültig wie ein riesige Punkrock-Spielwiese gewirkt. Einziges manko vielleicht: das Publikum war beim Mitsingen fast lauter zu hören als die Band, denn der Sound war leider sehr leise abgemischt.
Dennoch hat dies der bombastischen Gesamtstimmung keinen Abbruch getan. Natürlich durften auch Wünsch DIR was und Hier kommt Alex nicht fehlen. Bei letzterem hat spätestens wirklich niemand mehr stillstehen können.
Dann war eigentlich schon Schluss. Eigentlich.
Denn was danach passiert ist, hat den Abend endgültig in eine ziemlich positiv absurde und gleichzeitig noch großartigere Richtung katapultiert. Denn die Zugaben hatten es in sich.
Für die erste Zugabe kam der Rostocker Rapper Marteria auf die Bühne. Gemeinsam haben sie Welt der Wunder performt. Danach folgten Halbstark und Tage wie diese. Doch damit war der Abend immer noch lange nicht vorbei. Es gab noch zwei Asse im Ärmel der Hosen. Oder sollte ich sagen zwei Asse in der Hosentasche?
Ganz egal. Denn Verstärkungs-Ass Nummer 1 kam direkt von der „Konkurrenz“. Für Schrei nach Liebe haben sich die Die Toten Hosen nämlich niemand geringeren als Bela B. von Die Ärzte geholt. Dass ausgerechnet dieser Song bei einem Hosen-Konzert gemeinsam mit einem Arzt gespielt wurde, hat schon für ein ziemlich großes Grinsen im Publikum gesorgt. Aber auch für, ich würde sagen ca. 35.000 Stimmen, die den Song von vorne bis hinten mitgegrölt haben. Einfach gelungen.
Und dann kam sie.
Vicky Leandros.
Dass die 74-Jährige plötzlich gemeinsam mit Campino auf der Bühne stand, hat wohl ehrlich gesagt niemand erwartet. Und dass dann noch gemeinsam Ich liebe das Leben, einen Song, den Leandros bereits 1975 veröffentlicht hatte und den die Hosen 2026 gemeinsam mit ihr neu aufgenommen hatten, gesungen wurde auch nicht. Die Überraschung war damit perfekt.
Nach so viel Prominenz hätte man eigentlich meinen können, dass nun wirklich alles gesagt und gesungen worden war. Aber Die Toten Hosen haben schließlich noch You’ll Never Walk Alone im Gepäck gehabt. Danach war tatsächlich Schluss.
Und vielleicht war genau das der schönste Moment des Abends: 35.000 Menschen, die gemeinsam einen Song gesungen haben, der sich längst wie eine Hosen-Tradition anfühlt. Eine Band, die seit mehr als vier Jahrzehnten auf der Bühne steht. Ein Publikum, das teilweise mit den Hosen älter geworden ist. Und gleichzeitig die Erkenntnis, dass diese Geschichte irgendwann tatsächlich zu Ende gehen wird. Mal schauen wann dann genau. Denn das richtige Ende ist ja noch offen.
Die Toten Hosen haben Hamburg gestern jedenfalls noch einmal gezeigt, warum sie seit Jahrzehnten zu den wichtigsten deutschen Punkrock-Bands gehören. Sie haben alte Klassiker gespielt, neue Songs eingebaut, Gäste aus völlig unterschiedlichen musikalischen Welten auf die Bühne geholt und dabei vor allem eines gemacht: eine riesige Party veranstaltet.
Vielleicht war es also kein Abschied.
Vielleicht war es einfach nur ein Abend, an dem 35.000 Menschen gemeinsam daran erinnert wurden, warum man diese Band verdammt ungern gehen lässt.
Fotocredit: Donata Wenders