Wer an diesem Mittwochabend das Olympiastadion betrat, hatte vermutlich vieles erwartet – eine Evakuierung des Innenraums kurz vor Konzertbeginn eher nicht. Rund zwanzig Minuten vor der geplanten Show der Foo Fighters zwang eine Unwetterwarnung Tausende Besucher dazu, den Innenraum zu verlassen.
Doch anstatt die Stimmung kippen zu lassen, machte das Berliner Publikum genau das Gegenteil. La-Ola-Wellen zogen durch das gesamte Stadion, Sprechchöre hallten über die Tribünen und irgendwann ließ sich sogar die Crew auf der Bühne mitreißen. Aus einer ungeplanten Pause wurde ein gemeinsames Warm-up für einen Abend, der noch lange in Erinnerung bleiben sollte.
Knapp eine halbe Stunde später war es dann endlich so weit. Dichter roter Nebel legte sich über die Bühne und blieb, begünstigt durch die Wetterlage, noch während der ersten Songs im Rund des Olympiastadions hängen. Mit „All My Life“ fiel der Startschuss für einen Abend, der von der ersten Sekunde an zeigte, warum die Foo Fighters auch nach drei Jahrzehnten noch Stadien mühelos in ihren Bann ziehen kann. Das Publikum war sofort da, sang jede Zeile mit und feierte die Band, als hätte es die Verzögerung nie gegeben.
Spätestens bei „The Pretender“ griff Dave Grohl die Wetterkapriolen des Abends auf und erklärte, dass man sich davon die Show nicht verderben lasse. Überhaupt präsentierte sich der Frontmann als unermüdlicher Entertainer. Immer wieder lief er bis an die äußersten Seiten der Bühne, winkte in jede Ecke des Stadions und nutzte den langen Catwalk, um möglichst vielen Fans zumindest für einen kurzen Moment ganz nah zu sein.
Wer regelmäßig Konzerte im Olympiastadion besucht, weiß, dass guter Sound hier keine Selbstverständlichkeit ist. Umso erfreulicher war der druckvolle und ausgewogene Klang an diesem Abend – ein großes Kompliment an die Crew.
Optisch setzte die Produktion auf ein eher reduziertes Bühnenbild. Das markante FF-Logo thronte über der Bühne, flankiert von großen Videowänden, auf denen abwechselnd Band und Publikum zu sehen waren. Eine zusätzliche Leinwand im Bühnenhintergrund wurde dagegen nur gezielt eingesetzt.
Über den Videowänden waren Lichtleisten installiert, die das Gesamtbild zwar etwas störten, gleichzeitig aber auch für beeindruckende Effekte sorgten, die sich über die komplette Bühne zogen. Gemeinsam mit den beweglichen Lichtelementen entstanden Bilder, die stellenweise wirkten, als würde ein UFO über der Bühne schweben.
Wann immer Dave Grohl das Publikum zum Mitsingen aufforderte, folgten ihm tausende Stimmen, während andere ausgelassen im zwischenzeitlich zurückkehrenden Regen tanzten. Die Mischung aus Stadionrock und fast schon festivalartiger Atmosphäre funktionierte an diesem Abend hervorragend.
Für den ruhigeren Teil des Abends wechselte die Band auf den kleinen Steg am Ende des Catwalks. Dort angekommen, erkundigte sich Grohl zunächst, wie es den Fans ganz am anderen Ende des Stadions gehe. Mit einem lachenden “Ganz schön weit hinten!” sorgte er sofort wieder für Gelächter im Stadion. Mit „Wheels“ begann ein akustischer Block, begleitet von einem Meer aus Handylichtern, das das Olympiastadion in stimmungsvolles Licht tauchte. Musikalisch überzeugte dieser Abschnitt auf ganzer Linie, wirkte mit insgesamt fünf Songs jedoch etwas lang und nahm der bis dahin aufgebauten Dynamik kurzzeitig den Schwung.
Für einen der unterhaltsamsten Momente des Abends sorgte Grohl mit der Geschichte zu „Big Me“. Jahrzehntelang habe die Band den Song kaum gespielt, weil sie nach dem dazugehörigen “Mentos-Parodie-Video“ bei Konzerten regelmäßig mit den Süßigkeiten beworfen worden sei. Heute könne man den Song endlich wieder spielen, scherzte Grohl – die Popularität des Spots habe inzwischen spürbar nachgelassen.
Traditionell durfte auch die ausführliche Bandvorstellung nicht fehlen. Doch statt einer schnellen Namensrunde machte Grohl daraus eine kleine Reise durch die musikalische Vergangenheit seiner Mitstreiter. Von jedem Musiker wurde nicht nur die vorherige Band erwähnt, sondern es gab auch einen Teil der Songs zu hören. Passend dazu erschienen Fotos aus den jeweiligen Karrierestationen auf den Videowänden. Gitarrist Chris Shiflett und Bassist Nate Mendel traten bei Ihren Songs sogar selbst ans Mikrofon, während Grohl den Rest übernahm. Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt der Rollenwechsel zwischen Dave Grohl und Drummer Ilan Rubin: Während Grohl hinter dem Schlagzeug Platz nahm, griff Rubin zur Gitarre. Beide meisterten den Tausch mit sichtbarer Spielfreude und unterstrichen einmal mehr, wie eingespielt die aktuelle Besetzung inzwischen wirkt.
Emotional wurde es, als die Foo Fighters ihrem verstorbenen Schlagzeuger Taylor Hawkins Tribut zollten. Die vielen Handylichter der Fans ließen das Olympiastadion wie einen Sternenhimmel wirken. Sie machten deutlich, dass Hawkins auch Jahre nach seinem Tod weiterhin fester Bestandteil jeder Foo-Fighters-Show ist und von den Fans geliebt wird.
Grohl sprach an diesem Abend von der bislang größten Deutschland-Show der Band und machte deutlich, dass man diesen Abend nicht so schnell beenden wolle. Trotz der wetterbedingten Verzögerung spielten die Foo Fighters nahezu ihr komplettes dreistündiges Set, mit vielen Hits und einigen neuen Songs.
Die ersten beiden Songs der Zugabe nahmen noch einmal etwas Tempo aus dem Finale, damit der letzte Song des Abends „Everlong“ als absoluter Kracher landet. Begleitet von einem Feuerwerk über dem offenen Olympiastadion verabschiedeten sich die Foo Fighters von einem Publikum, das den wetterbedingten Fehlstart längst vergessen hatte.
Als die letzten Töne von „Everlong“ verklungen waren, erinnerte kaum noch etwas an die Gewitterwarnung zu Beginn des Abends. Stattdessen verließen Tausende Besucher mit einem Lächeln das Olympiastadion – nach einer Show, die eindrucksvoll bewies, warum die Foo Fighters auch nach drei Jahrzehnten zu den größten Livebands der Rockwelt zählen.
Hinweis der Redaktion: Aufgrund des ungewöhnlich frühen Konzertbeginns und der Tatsache, dass unser Team ehrenamtlich arbeitet, war es uns leider nicht möglich, bereits zu den Auftritten der Support-Acts vor Ort zu sein. Aus diesem Grund bezieht sich diese Konzertreview ausschließlich auf den Auftritt der Foo Fighters.
Fotocredit: Elizabeth Miranda
Review: Nicole Wichmann, Silverangel Photography