Mit „ALLEN GEHT ES“ schlagen TYNA ein neues Kapitel auf. Das Album klingt experimentierfreudiger, elektronischer und zugleich persönlicher als seine Vorgänger. Zwischen treibenden Gitarren, ungewöhnlichem Sounddesign und elektronischen Einflüssen verarbeitet die Band Wut, Wandel, Hoffnung und persönliche Erfahrungen. Dabei bleibt die Musik kompromisslos und energiegeladen, ohne den Anspruch zu erheben, fertige Antworten zu liefern. Im Gespräch mit uns dem Frontstage Magazine erzählen Tina, Murphy, Mia und David, wie sie ihre Komfortzone erweitert haben, warum Gitarren plötzlich wie Synthesizer klingen, wie die neuen Songs live funktionieren sollen und weshalb Mia bei „7 vs. Wild“ überraschend zur Überlebenskünstlerin werden könnte.
Frontstage Magazine: Euer neues Album „ALLEN GEHT ES“ wirkt musikalisch vielseitiger und experimenteller als alles zuvor. Gab es im Studio einen Moment, in dem ihr bewusst gemerkt habt: „Jetzt verlassen wir unsere Komfortzone“?
Murphy: Der Moment war einerseits schon vor dem Studio, weil uns klar war, dass wir uns nicht wiederholen wollen oder können. Dafür sind wir viel zu rastlos. Und andererseits mussten wir meistens gar nicht weit raus aus der Komfortzone, weil wir uns musikalisch eigentlich sogar noch mehr in Bereichen bewegen, die wir selber mögen. Das haben wir diesmal einfach radikal zugelassen, mit der einen oder anderen Bestärkung unserer Produzenten.
Mia: Jetzt nicht unbedingt verlassen der Komfortzone, weil wir alle einfach total Bock drauf hatten. Aber so ein zwei Dinge, die auch im Ablauf und der Art und Weise des Recordings anders waren, als z.B. bei Kontraste oder PNK, gab es schon und da mussten wir uns auch etwas reinfuchsen. Beispielsweise haben wir Gitarren wie Synths klingen lassen und Synths wie Gitarren, und haben damit einfach auch andere „Aufgaben“ im Song erfüllt. Das Sounddesign, in meinem Fall jetzt an der Gitarre, hat viel mehr Raum einnehmen dürfen. Wir haben zig Pedale ausprobiert, um weirde Sounds zu erzeugen. Neu im TYNA Kosmos war für mich auch in manchen Song-Produktionen nicht über einen Amp mit voll aufgedrehten Boxen zu recorden, sondern einfach nur direct-to-desk über ein (oder mehrere) Effect-Pedal. Und was auch nicht ganz zu unterschätzen war, dass wir diese Produktion erstmals zu Viert ohne unseren ehemaligen Keyboarder gemacht haben, so haben wir die Synth selbst eingespielt und die Sounds kreiert. Das war auch was Neues.
Tina: Für mich war das ein Experiment, sich mal wirklich gar keine Grenzen zu setzen und „einfach zu machen“. Und das hat am Ende dafür gesorgt, dass das Album bzw. der Sound so geworden sind.
Frontstage Magazine: Auf dem Album verbindet ihr politische Aussagen mit persönlicher Selbstreflexion und jeder Menge Energie. Wie schafft ihr es, klare Botschaften zu transportieren, ohne dass die Musik dabei belehrend wirkt?
Tina: Ich glaube, dass eigene Gefühle, Gedanken und Erlebnisse, die in Musik gepackt werden, authentisch und ehrlich sind bzw. das sollten sie meiner Meinung nach sein. Unser Wunsch war, dass die Emotionen und Themen der Songs auch bei den Hörer*innen ankommen und sich vielleicht ein paar Menschen damit identifizieren können.
David: Wir haben bewusst versucht, den „erhobenen Zeigefinger” aus den Songs rauszulassen. Die Themen auf dem Album sind von persönlichen Erfahrungen geprägt, die Texte sprechen aus einer eigenen Perspektive. Dadurch ist das Album sehr ehrlich geworden, ich glaube, das merkt man auch.
Frontstage Magazine: Elektronische Einflüsse spielen auf „ALLEN GEHT ES“ eine deutlich größere Rolle. War das eine Entwicklung, die sich über längere Zeit angebahnt hat, oder gab es einen konkreten Auslöser für diesen Schritt?
David: Also ich hab auf jeden Fall auch viel elektronische Musik gehört während des Album-Prozess, das hat bestimmt auch Spuren hinterlassen. Aber für mich sind diese Tendenzen auch schon seit längerem in unserer Musik erkennbar. Synthies und Drum Machines benutzen wir ja eh gerne, und ältere Songs wie FCK FRNTX gehen da auch mal richtig rein. Über die reine klangliche Ästhetik hinaus hat uns für dieses Album auf jeden Fall interessiert, die Art und Weise, wie elektronische Musik produziert wird, in den TYNA-Kontext zu übersetzen. Das hat sich gut verbinden lassen, viele der Songs auf dem Album sind davon geprägt, würde ich sagen.
Tina: Elektronische Einflüsse fanden wir schon immer gut. Bei den älteren Songs gab es die auch schon hier und da, sie waren nur nicht so präsent und stark vertreten. Für das neue Album haben wir versucht mehr zu experimentieren und weniger im „Gitarrenrock“ zu bleiben.
Frontstage Magazine: Ihr seid seit Jahren eine extrem starke Live-Band. Habt ihr beim Schreiben der neuen Songs bereits darüber nachgedacht, wie sie auf der Bühne funktionieren werden, oder entsteht dieser Gedanke erst später?
David: Ich würde sagen, wir denken beim Schreiben schon auch an Live, aber mehr im Sinne von „dieser Part wird richtig Spaß machen zu spielen“ oder „wir müssen mal einen Song in so einem Tempo schreiben“. Das kann also Motivator oder Startrampe sein, sich in den Konzert-Modus reinzufühlen. Aber wir setzen uns damit keine Grenzen, also wir machen uns erst später Gedanken darüber, wie und ob wir etwas live umgesetzt bekommen. Das kann Dinge auch komplizierter machen….
Mia: Genau, manche Songs wie z.B. ICH HEIRATE MICH sind vielleicht etwas kniffliger live umzusetzen, als beispielsweise Songs, wie CHAOS. Das hat uns während der Recordings aber null tangiert, wir wollten einfach, dass der Song klingt, wie wir ihn haben wollen und auf Platte ballert. Die Live-Umsetzung kriegen wir schon hin und hatten auch immer direkt schon Ideen, wie das live kommen könnte. In der Vergangenheit haben wir ja auch Live-Versionen von elektronischeren Songs arrangiert, wie beispielsweise HEUTE EUPHORIE, den wir live immer als unplugged Version gespielt haben. Zudem haben wir ja auch schon seit der ersten Tourhälfte im Frühjahr zwei Keyboards auf der Bühne stehen – Murphy und ich drücken zwischendurch die Tasten, für alles was nicht mit Bass und Gitarre gemacht werden kann.
Frontstage Magazine: Wenn ihr „ALLEN GEHT ES“ in drei Worten beschreiben müsstet – welche wären das und warum gerade diese?
Tina: „Wut“ über alles was in der Welt passiert. „Wandel“ weil das Leben und die Musik sich immer wieder verändern und weiterentwickeln. „Ungeschminkt“ weil sich dieses Album noch verletzlicher & ehrlicher zeigt als PNK.
Murphy: Wut, Empowerment, Hoffnung für mich. Der ganz große Spaßpunk wie zu PNK-Zeiten ist irgendwie vorbei, die Zeiten sind rauer geworden. Aber es ist eben auch nicht alles nur düster, und Allen Geht Es versucht, sich und dich und mich trotzdem irgendwie aufzurichten, gegen alle Widerstände.
Frontstage Magazine: Zum Abschluss eine etwas andere Frage: Angenommen, ihr müsstet als komplette Band eine Woche lang bei „7 vs. Wild“ antreten – wer wäre nach zwei Stunden schon verschwunden, wer würde heimlich alle Snacks essen und wer würde das Abenteuer am Ende tatsächlich gewinnen?
David: Also die Snacks würden auf jeden Fall heimlich ihren Weg zu mir finden. Wahrscheinlich wäre ich aber trotzdem der Erste, der sich über Hunger beklagt…
Tina: Ich würde mich irgendwo hinsetzen, die Landschaft genießen, nachdenken und eher die Gegend erkunden anstatt zu gewinnen. David hätte vermutlich nach wenigen Stunden schon alle Essensvorräte aufgebraucht. Mia würde erstmal ihr Handy suchen. In der Zwischenzeit hätte Murphy dann schon direkt gewonnen.
Murphy: Ich kann es nicht begründen, aber irgendwie sehe ich Mia da plötzlich zur Obersurviverin werden und das Ding gewinnen. Wenn sie sich einmal nicht fragen muss, wo ihr Handy ist, setzt sie Superkräfte frei!
Unsere Review zur Platte findet ihr hier.
Fotocredit: konzertsucht