Freitag & Samstag
Der Freitag auf dem Wacken Open Air begann, wie ein Festivalfreitag eben beginnen muss: Die Müdigkeit vom Vortag war spätestens mit den ersten Gitarrenriffs vergessen und irgendwo zwischen Kutten, Bierbechern und Sonnenstrahlen war allen klar: jetzt geht’s langsam auf die Zielgerade. Und musikalisch? Da legte Wacken an diesem Tag nochmal ordentlich einen drauf.
Den Auftakt meines Freitages machten Future Palace. Die Berliner gehören mittlerweile zu den spannendsten Bands der modernen deutschen Metalcore-Szene und bewiesen einmal mehr, warum ihr Name inzwischen auf immer größeren Festivalplakaten auftaucht. Frontfrau Maria Lessing wechselte spielend zwischen gefühlvollen Gesangspassagen und kraftvollen Screams, während die Band ihre Mischung aus Härte und Melodie mit beeindruckender Präzision auf die Bühne gebrach hat. Gerade live entfalten die Songs noch einmal eine ganz andere Wucht.
Etwas bodenständiger, dafür nicht weniger energiegeladen ging es mit Danko Jones weiter. Die Kanadier machen seit Jahren genau das, worauf sie Lust haben: schnörkellosen Hard Rock mit ordentlich Groove. Keine riesige Bühnenshow, kein übertriebener Schnickschnack dafür einfach ehrlicher Rock’n’Roll. Und manchmal braucht es eben genau das. Das Publikum hat es trotz minimalem Regenfall geliebt und bei bester Laune ordentlich Bewegung vor der Bühne geliefert.
Wer danach dachte, jetzt könnte man vielleicht mal kurz durchschnaufen, wurde von Paleface Swiss eines Besseren belehrt. Die Schweizer aus Zürich rund um Frontmann Zelli machten keine Gefangenen bei ihrem ersten WOA Auftritt überhaupt. Breakdowns ohne Ende, brutale Vocals und eine Energie, die sich innerhalb weniger Sekunden von der Bühne direkt in den Moshpit übertragen hat. Circle Pits, Wall of Deaths und jede Menge fliegende Haare bestimmten das Bild. Nichts für schwache Nerven aber genau das Richtige für alle, die es richtig hart mögen. Mein persönliches Highlight von meinem kleinen Wacken Ausflug war dieses Konzert jedenfalls allemal!

Noch kompromissloser wurde es anschließend mit Hatebreed. Die Hardcore-Legenden aus den USA zeigten mehr als beeindruckend, warum sie seit Jahrzehnten zu den absoluten Größen ihres Genres gehören. Sänger Jamey Jasta hatte die Crowd vom ersten Moment an fest im Griff und motivierte das Publikum immer wieder dazu, noch ein kleines bisschen mehr aus sich herauszuholen. Vor der Bühne wurde gesprungen, geschrien und selbstverständlich gemosht, was das Zeug hielt.
Etwas melodischer, aber nicht weniger intensiv wurde es anschließend bei In Flames. Die Schweden gehören zu den Pionieren des Melodic Death Metal und lieferten einmal mehr eine Show ab, die musikalische Härte und eingängige Melodien perfekt miteinander verband. Besonders Sänger Anders Fridén überzeugte mit einer beeindruckenden Bühnenpräsenz, während Songs aus nahezu allen Schaffensphasen der Band das Publikum durch den Nachmittag begleiteten.
Eine der größten Überraschungen des Tages wartete allerdings etwas später. Dubioza Kolektiv aus Bosnien und Herzegowina brachten Ska, Reggae, Punk, Rock und Balkan-Sounds kurzerhand mit nach Wacken und obwohl das zunächst vielleicht etwas nach einem kleinen Stilbruch klang, entwickelte sich zu einer riesigen, fetzigen Party. Die Band war unfassbar sympathisch, nahm sich selbst nicht allzu ernst und schaffte es spielend leicht, auch das ansonsten eher metalverliebte Publikum für sich zu gewinnen. Innerhalb weniger Minuten wurde getanzt, gehüpft und gefeiert, als hätte Wacken schon immer Ska im Blut gehabt. Das war einfach ein Riesenspaß!.
Als sich der Abend langsam ankündigte, wurde es etwas mystischer. Faun entführten das Publikum mit mittelalterlichen Klängen, mehrstimmigem Gesang und einer Atmosphäre, die perfekt zwischen Wikingerromantik und Lagerfeuergefühl pendelte. Zwischen Dudelsack, Drehleier und Percussion entstand ein fast schon magischer Kontrast zu den sonst eher brachialen Klängen des Festivals. Und genau deshalb funktionierte dieser Auftritt so hervorragend.

Den krönenden Abschluss eines ohnehin starken Freitags lieferten schließlich Judas Priest. Wenn Metal-Geschichte eine Band wäre, dann vermutlich diese. Rob Halford betrat unter lautem Jubel die Bühne und bewies eindrucksvoll, weshalb er noch immer als „Metal God“ bezeichnet wird. Auch nach Jahrzehnten im Geschäft sitzt seine Stimme erstaunlich sicher, während die Band Klassiker wie Breaking the Law, Painkiller oder Living After Midnight mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit präsentierte. Natürlich durfte auch das legendäre Motorrad nicht fehlen – ein Moment, auf den viele Fans bereits sehnsüchtig gewartet hatten.
Als die letzten Töne über das Infield hallten und sich die Menschen langsam auf den Heimweg zum Zeltplatz machten, blieb vor allem ein Gedanke hängen: Genau diese Mischung macht das Wacken Open Air so besonders. Genau deshalb fühlt sich jeder Tag in Wacken ein bisschen wie ein eigenes kleines Festival an.
Samstag
Und irgendwann kommt er. Auf jedem Festival. So auch auf dem Wacken Open Air 2026. Der Moment, an dem man realisiert: Das war’s schon fast. Der letzte Kaffee auf dem Campground, die letzten Runden über das Infield und die letzten Bands eines Wochenendes, das gefühlt viel zu schnell vergangen ist. So ging es auch am Samstag beim Wacken Open Air. Noch einmal hieß es: möglichst viel Musik mitnehmen, bevor sich die Tore zum Holy Ground wieder für ein Jahr schließen.
Los ging es mit einer Band, die immer wieder beweisen, dass Metal keine Altersgrenze kennt: Heavysaurus. Zuerst war das Gelände nur so mäßig gefüllt, doch dann könnte man fast alle 30 Sekunden den Zuwachs sehen, bis das Infield recht schnell recht gut gefüllt war. Vor der Bühne feierten Kinder gemeinsam mit ihren Eltern, Kutten trafen auf Dinosaurierkostüme und überall sah man lachende Gesichter. Besonders süß: vorne gab es einen extra Kinderbereich, wo man hier und da immer wieder die kleinen Pommes-Gabeln in die Luft ragen sah. Selten macht frühes Aufstehen so viel Spaß.
Musikalisch wurde es anschließend deutlich punkiger. Mit Focus. aus Riesa. Die scharten ein super angenehmes Publikum bei such um die Bühne und waren mehr als erfreut beim WOA spielen zu können. Nicht nur musikalisch haben sie abgeliefert auch an Sympathie haben sie nicht gegeizt. Aber was sie dem Publikum gegeben haben, das haben sie auch zurückbekommen. Als Sänger Eric anmerkte, dass alle hier in Wacken eigentlich relativ nah am Meer sind, aber das Meer trotzdem nicht zu sehen ist, forderte er die Crowd auf sein Meer zu sein und das ließen sich die Leute nicht zweimal sagen und waren dann das Meer.
Etwas verrückt und herrlich unberechenbar ging es danach mit Blood Command weiter. Die norwegische Band schaffte es spielend leicht, Punk, Hardcore und Rock miteinander zu vermischen und dabei eine Energie zu entwickeln, die sich unmittelbar auf das Publikum übertrug. Besonders Frontfrau Nikki Brumen wirbelte nahezu pausenlos über die Bühne und machte aus dem Auftritt eine einzige große Bewegung. Genau solche Shows sind es, bei denen man plötzlich merkt, dass man schon wieder viel länger vor einer Bühne steht als eigentlich geplant.

Mit Arch Enemy wurde der Samstag anschließend deutlich brachialer. Die Schweden gehören seit Jahren zu den Aushängeschildern des Melodic Death Metal und lieferten auch in Wacken eine beeindruckend präzise Show ab. Die neue Frontfrau seit 2026 Lauren Hart überzeugte mit ihrer enormen Bühnenpräsenz und Growls, bei denen man sich jedes Mal fragt, wie diese Stimme überhaupt aus einem Menschen herauskommen kann. Gleichzeitig zeigte die Band einmal mehr, warum sie zu den absoluten Publikumslieblingen des Genres gehört. Harte Riffs, starke Melodien und eine Crowd, die von der ersten bis zur letzten Minute komplett dabei war.

Je später der Abend wurde, desto voller wurde es vor der Hauptbühne. Kein Wunder, denn mit Powerwolf stand einer der ganz großen Festivalfavoriten auf dem Programm. Kaum betraten Attila Dorn und seine Mitstreiter die Bühne, verwandelte sich das Infield in einen riesigen Chor. Egal ob Army of the Night, Amen & Attack oder We Drink Your Blood – gefühlt konnte jede und jeder vor der Bühne jede einzelne Zeile mitsingen. Dazu die gewohnt imposante Kirchenoptik, Feuer ohne Ende und eine Band, die genau weiß, wie man ein Festivalpublikum begeistert. Es gibt nur wenige Acts, die eine derart mitreißende Atmosphäre erschaffen.
Den krönenden Abschluss des diesjährigen Wacken Open Air übernahmen schließlich Sabaton. Et voilá das Grande Finale. Schon beim Betreten der Bühne war klar, dass hier noch einmal alles aufgefahren wird, was ein Headliner zu bieten hat. Druckvoller Sound, beeindruckende Pyroeffekte, Kanonenschüsse und eine Crowd, die auch nach vier Festivaltagen noch genügend Energie für eine letzte große Metal-Party übrig hatte.
Sänger Joakim Brodén hatte das Publikum vom ersten Moment an fest im Griff, scherzte immer wieder mit den Fans und bewies einmal mehr, warum Sabaton zu den beliebtesten Livebands der Szene gehören. Zwischen Hymnen wie Ghost Division, To Hell and Back oder Crossing The Rubicon wurde ein letztes Mal gemeinsam gesungen, Fäuste flogen durch die Luft und überall blickte man in glückliche, wenn auch langsam etwas erschöpfte Gesichter.
Als die letzten Feuerfontänen erloschen und sich das Infield langsam leerte, machte sich dieses ganz besondere Gefühl breit, das vermutlich jede und jeder Wacken-Besucher kennt. Vier Tage lang war dieses kleine Dorf in Schleswig-Holstein wieder das Zentrum der Metalwelt. Alte Freundschaften wurden gepflegt, neue geschlossen und unzählige Erinnerungen geschaffen.
Und wie es mittlerweile gute Tradition auf dem Wacken Open Air ist, richtete sich der Blick schon wenige Minuten nach Festivalende wieder nach vorne. Die ersten Bands für 2027 wurden bereits bekannt gegeben. Freuen dürfen sich die Metalheads unter anderem auf Helloween, Five Finger Death Punch, Electric Callboy, Heaven Shall Burn, Feuerschwanz, Halestorm, Avatar, Children of Bodom, Knocked Loose, HammerFall, Edguy, DragonForce, Dark Tranquillity, Beast In Black, U.D.O., Overkill, John 5, Metal Church, Primordial, Creeper, Carnifex, Cavalera Conspiracy, Blue Medusa, Belphegor, Crypta, Dethklok, Gaerea, Hiraes, Jinjer, Norther, Seven Blood, Towards the Sinister, Wednesday 13, Heavens Gate, Tailgunner, Victorius und viele weitere. Damit ist schon jetzt klar: Auch 2027 dürfte das Holy Ground wieder seinem Ruf gerecht werden.
Fotocredits: Johanna Lippke