Wenn sich das Ufer des Kemnader Sees an der Grenze zwischen Bochum und Witten in eine strahlende weiße Zeltstadt verwandelt, liegt jene ganz besondere Magie in der Luft, die das Zeltfestival Ruhr seit Jahren so einzigartig macht. Am 29.08.2026 braute sich im prall gefüllten Sparkassenzelt allerdings eine ganz eigene Gewitterfront zusammen – im absolut besten Sinne. Im Rahmen ihrer spektakulären Open-Air-Tour „Da braut sich was zusammen-Tour 2026“ machten die schleswig-holsteinischen Urgewalten von Santiano Halt beim Zeltfestival Ruhr. Schon Stunden vor dem ersten Akkord tummelten sich zahlreiche Fans im charakteristischen Band-Merchandise auf dem idyllisch gestalteten Areal. Zwischen Kunsthandwerk, Biergartenatmosphäre und wechselhaftem Spätsommerwetter war das breite Publikum – von treuen Anhängern der ersten Stunde bis hin zur jüngeren Generation – längst in bester Feierlaune. Als sich um punkt 19 Uhr die Tore des Sparkassenzeltes öffneten, strömte die erwartungsvolle Menge nach drinnen, um sich die besten Plätze direkt an der Bühne zu sichern. Die Luft knisterte förmlich vor Vorfreude auf eine Show, die weit mehr als ein normales Konzert werden sollte.
Flammen, Funken und die Macht der Musik
Als um 20 Uhr das Licht im Zelt erlosch, entlud sich die aufgestaute Energie in einem ohrenbetäubenden Jubelorkan. Vor einem imposanten grauen Banner mit dem charakteristischen Band-Emblem betraten Björn Both, Axel Stosberg, Hans-Timm „Timsen“ Hinrichsen, Peter David „Pete“ Sage gemeinsam mit ihrer erstklassigen Verstärkung die Bühne – und vom ersten Ton des Opener-Krachers „Tanzen wie die Teufel“ gab es im Publikum schlicht kein Halten mehr. Riesige Stichflammen schossen passend zum Refrain synchron in die Höhe, tauchten das Zelt in feuriges Rot und heizten die ohnehin kochende Stimmung weiter an. Dass Santiano stimmlich in einer ganz eigenen Liga spielt, bewiesen die Musiker direkt im Anschluss bei „Salz auf unserer Haut“: Die tiefen, perfekt harmonierenden Männerstimmen entfalteten im Chorgesang eine Wucht, die flächendeckend für Gänsehaut sorgte. Bei „Gott muss ein Seemann sein“ verwandelte sich die Bühne dank funkelnder Funkenfontänen vollends in ein optisches Spektakel, während das Publikum im Takt klatschte und mitsang. Mit der unbändigen Energie einer Naturgewalt stürmten die Musiker bei „Doggerland“ von einer Seite zur anderen, ehe ein lauter Knalleffekt den Titel krönend abschloss.
Pub-Atmosphäre mit Haltung
Eine musikalische Wendung folgte bei „Land of Green“, als Pete Sage mit seiner Geige das Kommando übernahm und in seiner englischen Muttersprache für unverfälschtes Irish-Pub-Feeling sorgte. Es wurde getanzt und gejubelt. Doch Santiano beherrschen nicht nur die ausgelassene Feier, sondern auch die leisen, bewegenden Zwischentöne. Nach dem lautstark gefeierten „Nichts als Horizonte“, bei dem Frontmann Björn Both alles in seine Stimme legte, nutzte die Band die Aufmerksamkeit für eine wichtige Geste und würdigte das Engagement eines gemeinnützigen Vereins zur Becherpfand-Sammlung. Nach den mitreißenden Rhythmen von „Der Alte und das Meer“ sowie „Wo schläfst du heute Nacht“, bei denen das Zelt regelrecht bebte, bewies die Band Haltung: Eingeleitet von schrillen Sireneneffekten auf der Geige folgte vor „Nie wieder Krieg“ und dem beeindruckenden „Es klingt nach Freiheit“ eine feinfühlige, mahnende Friedensbotschaft.
Dass Folk-Rock auch dramatische Härte verträgt, zeigte das düster-emotionale „Wenn die Kälte kommt“: Während die schweren Instrumentale das Publikum sogar zum Headbangen anregten, regneten aus Schaumkanonen sanfte Flocken auf die Menge hinab. Über das dynamische „Könnt ihr mich hören“ und ein fulminantes Gitarrensolo von „Timsen“ Hinrichsen auf einer Box bei „Lieder der Freiheit“ steuerte der Abend auf seinen Höhepunkt zu. Als im Hintergrund das Banner fiel und ein neues Motiv mit einem wolkengeformten Herzen enthüllte, übernahm Axel Stosberg bei „Wie ein Albatros“ das Mikrofon für einen cineastischen Genussmoment. Spätestens beim darauffolgenden Medley aus Hits wie „Johnny Boy“ und dem unsterblichen „Frei wie der Wind“ brach eine grenzenlose Party aus. Die Stimmung blieb bei „Auf nach Californio“, dem funky arrangierten „Lange her“ und dem lautstark geschrienen „Zack Ahoi“ auf absolutem Maximum, ehe der Gigant „Es gibt nur Wasser“ den regulären Satz unter donnerndem Applaus beschloss.
Ein denkwürdiger Zugabenmarathon im Lichtermeer
Was folgte, war eine herrlich sympathische Überraschung. Santiano kehrten zurück und präsentierte spontan den Song „Ekke Nekkepenn“, der eigentlich aus Zeitgründen gestrichen worden war, da der verbliebene zeitliche Rahmen überraschend noch reichte – eine Spontaneität, die vom Publikum frenetisch bejubelt wurde. Mit dem Klassiker „Santiano“ koche das Zelt endgültig über, während auf der Bühne erneut sprühende Funkenfontänen aufstiegen. Nach dem mitreißenden „Mädchen von Haithabu“ bündelte die Formation für das finale „Hoch im Norden“ noch einmal sämtliche Kräfte. Ein riesiges Lichtermeer aus tausenden Smartphone-Taschenlampen tauchte das Sparkassenzelt in eine tief berührende, fast magische Kulisse, während die letzten Töne verklangen.
Fazit
Santiano haben am Kemnader See eindrucksvoll demonstriert, warum sie seit Jahren unangefochten an der Spitze der deutschen Live-Landschaft segeln. Die perfekte Balance aus brachialer Pyro-Show, mitreißender Pub-Gemütlichkeit, Haltung und epischer Gesangsgewalt machte diesen Auftritt beim Zeltfestival Ruhr zu einem absoluten Highlight. Die schiere Spielfreude, mit der die Musiker jede Sekunde auf der Bühne zelebrierten, übertrug sich lückenlos auf das Publikum und hinterließ eine glückliche, tief beeindruckte Menge. Ein musikalisches Spektakel der Extraklasse, das noch lange im Gedächtnis nachhallen wird!
Fotocredit: Albumcover / Artwork