Mit „I, Scvlptor“ veröffentlichen Behemoth am 4. September 2026 ein Werk, das sich nur schwer in die klassische Albumlogik der Band einordnen lässt.
Die Veröffentlichung ist weder reguläres Studioalbum noch bloße Sammlung liegengebliebenen Materials. Vielmehr wirkt sie wie eine bewusst gesetzte Standortbestimmung: Behemoth blicken auf die eigene Vergangenheit, ohne sich von ihr bestimmen zu lassen, und verbinden ihre frühen Wurzeln mit jener monumentalen Klangsprache, die sie über mehr als drei Jahrzehnte entwickelt haben.
Gerade im Vergleich zum jüngsten Studioalbum „The Shit Ov God“ fällt auf, dass „I, Scvlptor“ weniger geschlossen und konzeptionell monumental auftritt. Wo Behemoth zuletzt mit enormer Kontrolle, Inszenierung und einer nahezu zeremoniellen Schwere arbeiteten, besitzt die neue Veröffentlichung einen unmittelbareren Charakter. Das Material erscheint stellenweise roher und weniger darauf ausgerichtet, ein möglichst geschlossenes Gesamtbild zu erzeugen. Das ist angesichts des besonderen Charakters der Veröffentlichung konsequent und verleiht ihr gleichzeitig einen Reiz, den ein weiteres reguläres Studioalbum vermutlich nicht gehabt hätte.
Noch deutlicher wird die Entwicklung beim Blick weiter zurück. Zwischen der primitiveren, stärker im Black Metal verwurzelten Frühphase und Werken wie „The Apostasy“, „The Satanist“ oder den späteren Veröffentlichungen liegen klanglich Welten. Behemoth haben ihre Musik im Laufe der Jahre immer stärker verdichtet, vergrößert und präzisiert. Aus einer kompromisslosen Extreme-Metal-Band wurde ein musikalisch wie visuell bis ins Detail ausgearbeitetes Gesamtkonstrukt. „I, Scvlptor“ bringt verschiedene Stationen dieser Entwicklung zusammen und macht dadurch besonders deutlich, wie stark sich die Band verändert hat, ohne ihre ursprüngliche Identität vollständig abzulegen.
Produktionstechnisch befindet sich die Veröffentlichung erwartungsgemäß auf dem Niveau moderner Behemoth. Die Gitarren besitzen enorme Präsenz, das Schlagzeug drückt mit entsprechender Wucht und die gesamte Produktion vermittelt Größe, ohne die aggressiven Bestandteile vollständig glattzubügeln. Besonders interessant ist dabei die Balance zwischen zeitgemäßer Produktion und bewusst erhalten gebliebener Rohheit. „I, Scvlptor“ klingt nicht nostalgisch, obwohl die eigene Vergangenheit eine wesentliche Rolle spielt. Stattdessen wird älteres Gedankengut mit den heutigen Möglichkeiten und dem aktuellen Selbstverständnis der Band konfrontiert.
Dabei zeigt sich einmal mehr, wie unverwechselbar Behemoth inzwischen geworden sind. Die Verbindung aus Black und Death Metal, massiver Produktion, düsterer Atmosphäre und beinahe sakraler Theatralik ist längst zur eigenen Handschrift geworden. Gleichzeitig wirkt „I, Scvlptor“ weniger überladen als einige der großen Studioproduktionen der vergangenen Jahre. Die Band erlaubt sich innerhalb dieses Formats mehr Bewegungsfreiheit und muss nicht zwangsläufig den nächsten großen konzeptionellen Meilenstein erschaffen.
Als eigenständige Veröffentlichung funktioniert „I, Scvlptor“ dennoch bemerkenswert gut. Statt lediglich Archive zu öffnen und vorhandenes Material zusammenzustellen, nutzt Behemoth die Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Vergangenheit und Gegenwart stehen sich dabei nicht gegenüber, sondern ergänzen sich. Gerade langjährige Hörer*innen bekommen dadurch einen interessanten Blick darauf, welche Bestandteile der frühen Bandidentität bis heute Bestand haben und welche sich grundlegend verändert haben.
„I, Scvlptor“ ist damit weniger das nächste große Statement von Behemoth als ein Bindeglied innerhalb ihrer Diskografie. Es blickt zurück, zeigt gleichzeitig den aktuellen Zustand der Band und lässt genügend Raum für die Frage, wohin die nächste reguläre Veröffentlichung führen könnte. Dass Behemoth nach mehr als drei Jahrzehnten noch immer genügend Selbstbewusstsein besitzen, die eigene Vergangenheit neu zu betrachten, ohne sich in Nostalgie zu verlieren, macht diese Veröffentlichung letztlich deutlich spannender als eine gewöhnliche Compilation.
Fotocredit: Albumcover / Artwork