Zwei intensive Tage lagen bereits hinter uns, als für uns der letzte Tag des Reeperbahn Festivals 2026 anbrach. Noch einmal sollte es quer über St. Pauli gehen, von kleinen Bühnen und kurzen Showcase-Sets bis zu einigen der energiegeladensten Auftritte des gesamten Wochenendes. Und tatsächlich hielt dieser letzte Festivaltag (für uns) am Ende sogar noch unseren ganz persönlichen Überraschungsmoment bereit.
Los ging es für uns um 14 Uhr im Sommersalon mit Mausi G. Die Stuttgarter Rapperin bewegt sich irgendwo zwischen drückenden Beats, trockenem Rap, Spoken Word und einer ordentlichen Portion Attitüde. Songs wie „Happy Haenger“, „Rodeo“, „Aus Frust“ oder „Beach Baddie“ zeigen bereits, wie wenig Lust die Newcomerin darauf hat, sich musikalisch in eine bestimmte Ecke stellen zu lassen. Genau diese Vielseitigkeit funktionierte auch live. Mal entspannt, mal frech und dann wieder deutlich emotionaler präsentierte sie einen Auftakt, der uns ziemlich schnell im dritten Festivaltag ankommen ließ.

Danach führte uns der Weg zu einem Ort, den wir in den vergangenen Tagen erstaunlich häufig besucht hatten: den Spielbudenplatz. Genauer gesagt ging es wieder zum Reeperbahn-Bus. Dort stand Isabel van Gelder auf dem Programm. Gerade einmal rund 15 Minuten blieben ihr für ihr kurzes Set. Viel Zeit zum Kennenlernen blieb damit zwar nicht, doch genau davon lebt das Reeperbahn Festival schließlich auch: Künstler entdecken, kurz eintauchen und wenige Minuten später bereits auf dem Weg zur nächsten Bühne sein.
Und dann passierte etwas, womit wir vorher nicht gerechnet hatten.
Auf der Spielbude XL standen Hand of Juno auf der Bühne – und lieferten für uns eines der absoluten Highlights des gesamten Wochenendes. Die italienische Industrial-Metal-Band verbindet harte Gitarren und Breakdowns mit elektronischen und technoiden Elementen. Live entwickelte diese Mischung eine enorme Wucht. Statt sich langsam warmzuspielen, war die Band praktisch sofort da: viel Bewegung, eine starke Präsenz und eine Energie, die auch vor dem Publikum nicht Halt machte. Genau diese Konzerte sind es, wegen denen wir Festivals wie dieses lieben: Man geht ohne große Erwartungen zu einer Bühne und steht wenig später vor einer Band, die man unbedingt wiedersehen möchte. Hand of Juno hatten unseren persönlichen Überraschungssieg des Wochenendes damit ziemlich sicher.

Lange hielten wir uns anschließend nicht von unserer inzwischen bestens bekannten Busbühne fern. Auf dem Reeperbahn-Bus schauten wir uns JOSY an, bevor wenige Meter weiter bereits die nächste Portion Gitarren wartete.
Auf der Spielbude XL übernahmen anschließend DeVere. Musikalisch wurde es klassischer, dreckiger und vor allem glamouröser. Rock und Glam Rock trafen auf eine Ästhetik, die durchaus Erinnerungen an die großen, exzessiven Rockshows vergangener Jahrzehnte weckte. Ein bisschen Mötley Crüe-Vibe hier, eine große Portion Rock-’n‘-Roll-Attitüde dort – und fertig war ein Set, das vor allem eines machte: Spaß.
Danach verabschiedeten wir uns vorerst vom Spielbudenplatz, schnappten uns die E-Roller und machten uns auf den Weg zum Knust. Dort feierten Frittenbude mit einem rund 30-minütigen Set nicht nur ihre aktuelle Musik, sondern blickten auch auf mittlerweile 20 Jahre Bandgeschichte zurück. Zwei Jahrzehnte Frittenbude – eine Zahl, bei der einem erst einmal bewusst wird, wie lange diese Band bereits Teil der deutschsprachigen Elektropunk-Landschaft ist. Gleichzeitig richtet sich der Blick nach vorne, denn 2026 steht auch neue Musik auf dem Programm. Live blieb das Trio genau das, was man von ihm erwartet: politisch, direkt, energiegeladen und mit ordentlich Druck. Nostalgie durfte kurz aufkommen, Stillstand war hier aber definitiv nicht angesagt.

Also wieder zurück Richtung Reeperbahn. Unser nächster Halt war das BETTY, das viele noch als Headcrash kennen dürften. Im Rahmen eines Showcases führte uns der Abend hier zu Morphide. Die Band bewegt sich im modernen Metal und verbindet schwere, atmosphärische Passagen mit einer emotionalen Seite, die ihrem Sound zusätzliche Tiefe gibt. Nach der punkigen Energie zuvor zeigte sich hier eine deutlich dunklere Seite unseres letzten Festivaltages.
Anschließend wartete mit dem Docks eine der größeren Locations des Festivals auf uns. Dort standen Dream Wife auf dem Programm – und was für eine Bühnenpräsenz diese Band mitbrachte. Vom ersten Moment an wirkte hier nichts halbherzig. Die Musiker nutzten die Bühne, suchten die Interaktion und entwickelten eine Dynamik, bei der Zuschauen allein beinahe zu wenig war. Zwischen Punk-Attitüde, Indie-Rock und einer gehörigen Portion Unberechenbarkeit entstand eine Show, die uns noch einmal vor Augen führte, wie wichtig Bühnenpräsenz sein kann. Gute Songs sind die Grundlage – aber Dream Wife zeigten, was passiert, wenn eine Band sie live mit echter Persönlichkeit füllt.

Für unseren letzten Act des Reeperbahn Festivals 2026 ging es schließlich dorthin zurück, wo wir an diesem Wochenende gefühlt unser zweites Zuhause eingerichtet hatten: auf den Spielbudenplatz. Auf der Spielbude XL warteten Chameleon Lime Whoopiepie – und einen passenderen Abschluss hätten wir uns kaum aussuchen können.
Das japanische Trio ist ohnehin nur schwer in eine musikalische Schublade zu bekommen. Zwischen J-Rock, elektronischen Beats, Pop-Rap, Indietronica und wilden Samples entsteht ein Sound, der seine Richtung gerne genau dann wechselt, wenn man glaubt, ihn verstanden zu haben. Dazu kommt eine visuelle Welt, die mindestens genauso wichtig erscheint wie die Musik selbst. Chameleon Lime Whoopiepie denken Band, Kunstprojekt und Performance gemeinsam und machten daraus auch in Hamburg ein herrlich eigenwilliges Gesamterlebnis. Nach drei Tagen voller unterschiedlichster Musik war ausgerechnet ein Act, der sich konsequent gegen eindeutige Kategorien wehrt, ein ziemlich treffender Schlusspunkt.

Und dann war es tatsächlich vorbei.
Drei Tage Reeperbahn Festival 2026 bedeuteten für uns unzählige Kilometer zwischen Clubs, Spielbudenplatz und einigen der ungewöhnlichsten Konzertorte Hamburgs. Wir erlebten Nothing But Thieves bei einem exklusiven Pre-Listening samt Interview und Acoustic Set, entdeckten Acts wie Muryel, Oskar Haag, Almost Monday, Udo West, Lina-Mariah und viele weitere, standen für HVOB im Docks und fanden mit Hand of Juno am letzten Tag für uns noch eine Band, die sich unerwartet zu einem unserer größten Highlights entwickelte.
Genau darin liegt für uns am Ende die Stärke des Reeperbahn Festivals: Man kommt mit einem Plan und einer langen Liste nach Hamburg – und fährt mit völlig anderen Namen im Kopf wieder nach Hause. Große Acts stehen hier neben Newcomer, ein Konzert in einer Bankfiliale kann genauso in Erinnerung bleiben wie eine volle Clubshow und manchmal reichen 15 Minuten, um neugierig auf eine Band zu werden.
Nach drei Tagen bleibt deshalb vor allem eines: sehr viel neue Musik, einige überraschende Entdeckungen, besondere Begegnungen und die Erkenntnis, dass man beim Reeperbahn Festival eigentlich nie dort endet, wo man es vorher geplant hatte.
Fotocredit: Kevin Randy Emmers @Dream Wife