Wenn eine Band die moderne Rock- und Metal-Szene im vergangenen Jahrzehnt nachhaltig geprägt hat, dann ist es die 2012 in Columbus, Ohio, gegründete Formation Beartooth. Was einst in den eigenen vier Wänden von Frontperson Caleb Shomo als isoliertes Studioprojekt begann, hat sich zu einer globalen Speerspitze des modernen Metalcore entwickelt. Spätestens seit dem gigantischen Erfolg des 2023 erschienenen Albums „The Surface“ – das auf Platz 1 der Billboard-Charts für Alternative und Hard Music debütierte und Radio-Hits wie „Might Love Myself“ und „I Was Alive“ hervorbrachte – spielen Beartooth in einer neuen kommerziellen wie auch künstlerischen Liga. Am 28. August 2026 erscheint via Fearless Records nun das sehnlichst erwartete Werk „Pure Ecstasy“, das die Gruppe in noch ambitioniertere Gefilde führt.
Der Aufbruch in ein neues Zeitalter der Band
Jahrelang fungierten Beartooth im Studio als absolute Soloshow: Shomo schrieb nicht nur sämtliche Stücke, sondern spielte auch Gitarren, Bass sowie Schlagzeug im Alleingang ein und übernahm Produktion wie Gesang. Auf „Pure Ecstasy“ bricht dieses Paradigma erstmals auf. Zwar bilden Shomos gewohnt ehrliche Texte über den Kampf mit Ängsten, Depressionen und Sucht weiterhin das Fundament, doch der Entstehungsprozess erfuhr eine radikale Öffnung. Schon in den frühen Phasen half Skyler Accord (bekannt durch Arbeit mit Issues, Twenty One Pilots und Bilmuri) beim Formen der ersten Songideen. Für die finale Weiterentwicklung und eine noch schonungslosere Selbstreflexion holte man sich zudem den renommierten Produzenten und Songwriter Jordan Fish (Bring Me the Horizon, Poppy, Architects) ins Boot. Dieser kollektive Geist setzte sich bei den Aufnahmen in den traditionsreichen NRG Recording Studios fort: Die eingespielte Live-Truppe – bestehend aus Bassist Oshie Bichar, den Gitarre Spielenden Zach Huston und Will Deely sowie Drumming-Talent Connor Denis – übernahm eine so große Rolle wie nie zuvor. Denis spielte für dieses Album sogar das komplette Schlagzeug selbst ein. Das Resultat ist kein melancholischer Rückzug mehr, sondern eine mitreißende Feier der gewonnenen Freiheit.
Zwischen innerer Zerrissenheit und ungebremster Energie
Der Einstieg in das Album markiert direkt die emotionale Spannweite des Werks. Der Eröffnungstrack „Pure Ecstasy“ eröffnet die Platte als energiegeladenes Kraftpaket: Druckvolle Gitarren und treibende Rhythmen begleiten den kraftvollen Gesang, während aggressive Strophen sanft in einen extrem eingängigen Refrain gleiten, der das Verlangen nach emotionaler Erfüllung und die Flucht vor schwierigen Realitäten thematisiert. Direkt im Anschluss verbinden Beartooth mit „Eyes Closed“ moderne Melodieführung mit gewohnter Intensität. Düstere Atmosphäre, raue Shouts und schwere Riffs zeichnen in dem Track das Bild innerer Kämpfe, transportieren aber gleichzeitig das motivierende Signal, trotz Selbstzweifel niemals aufzugeben. Mit der Vorabsingle „Bullshit“ zeigt sich die Band dann von ihrer kompromisslosesten Seite: Ein aggressiver Metalcore-Garant mit harten Riffs und wütender Attitüde, der oberflächliches Verhalten und Manipulation anprangert und trotz seiner Roheit mit einem einprägsamen Refrain punktet.
Sommerliche Aufbruchsstimmung und musikalische Experimente
Mit „Beautiful Again“ schlagen Beartooth darauffolgend eine spürbar optimistischere Richtung ein: Nach einem rasanten Tempo-Start und treibenden Drums entfaltet sich ein extrem hymnischer Ohrwurm-Refrain voller positiver Vibes, der nach einer dynamischen zweiten Strophe und einem harten Instrumental im Schlussakkord abrupt endet und perfekte Roadtrip-Atmosphäre verströmt. Den wohl größten Aha-Moment liefert das hochgradig experimentelle „Stadiums“: Eingeleitet von Studio-Snippets, tiefen Pianoklängen und jubelnder Kulisse, explodiert der Track in komplexe Riffs, ruhige Strophen, gigantische Gesangspassagen, den verblüffenden Einwurf eines weiblichen „Oh my God“-Rufs sowie einen vernichtenden Breakdown mit brachialen Screams. Direkt im Anschluss fungiert die Single „Free“ als das emotionale Herzstück der Platte: Mit gewaltigen Hooks, kraftvollen Gesangslinien und inspirierenden Botschaften über Selbstakzeptanz und das Loslassen innerer Ängste zeigt der Song, wie viel Tiefe in der neuen, hoffnungsvolleren Ausrichtung von Beartooth liegt.
Klangliche Wandelbarkeit und kompromisslose Härte
Im weiteren Verlauf unterstreichen Beartooth ihre enorm erweiterte musikalische Bandbreite. „Sorry“ setzt zunächst auf elektronische Spielereien und einen ansteckenden Rhythmus, ehe schnelle Gitarrenriffs und Shouts einsteigen; Shomo brilliert hier beim Wechsel zwischen Klargesang und Screams, bevor der temporeiche Track nach einem harten Instrumental-Part überraschend stoppt. Völlig andere Akzente setzt „Lose You To Find Me“, das mit gefühlvollem Gesang und atmosphärischen Klängen fast schon sanfte Pop-Anleihen wagt, sich dann aber in einer dichten Rock-Soundlandschaft inklusive eines erstklassigen Gitarrensolos entlädt. Als kompletter Gegenpol folgt mit „You“ eine der härtesten Breitseiten der Platte: Pausenlose Drums, rasende Riffs und aggressive Screams gipfeln in einem brachialen Breakdown, der bei kommenden Live-Shows von Beartooth für absolutes Chaos in den Hallen sorgen dürfte.
Das emotionale Finale einer außergewöhnlichen Reise
Kurz vor dem Ziel beweisen Beartooth mit „For Me By Me“ noch einmal mutige Experimentierfreude, indem sie einen fast schon funkigen Rhythmus und fragile, hohe Gesangspassagen mit der Wucht tiefer Gitarrenriffs kreuzen und so ein erfrischend neues Klanggewand erschaffen. Den krönenden Abschluss bildet schließlich „I Made It“: Ein überwiegend ruhiger, atmosphärischer Song mit feinen elektronischen Klängen, in dem Caleb Shomos klare Gesangsstimme vollends im Mittelpunkt steht. Der mitsingbare, hymnenhafte Refrain wirkt wie eine feierliche Zusammenfassung des gesamten Werks und eine ehrliche Hommage an das eigene Überleben, ehe der Track langsam und stimmungsvoll ausklingt und die Hörenden sanft in die Realität entlässt.
Fazit
Kaum eine andere Band hat die Gratwanderung zwischen brachialer Härte und emotionaler Offenheit in den vergangenen Jahren so konsequent gemeistert wie Beartooth. „Pure Ecstasy“ ist nicht nur die logische Weiterentwicklung einer Ausnahme-Formation, sondern ihr bisher reifstes, vielseitigstes und mitreißendstes Werk. Die Entscheidung, den gewohnten Solopfad im Studio zu verlassen und die kreative Energie des gesamten Kollektivs zu nutzen, hebt den Sound auf ein völlig neues Niveau. Beartooth zeigen einmal mehr, dass Metalcore am stärksten ist, wenn er seine eigenen Mauern einreißt und Schmerz in pure Hoffnung verwandelt. Ein absolutes Meisterwerk und ein Anwärter auf das Rock-Album des Jahres!
Beartooth – Pure Ecstasy Tour 2026 (alle Termine im deutschsprachigen Raum):
17.09.2026 – Frankfurt am Main, Jahrhunderthalle
18.09.2026 – Oberhausen, RUdolf-Weber-ARENA
19.09.2026 – Hannover, Swiss Life Hall
25.09.2026 – Berlin, Uber Eats Music Hall
26.09.2026 – München, Zenith
27.09.2026 – Wien, Gasometer
30.09.2026 – Zürich, Halle 622
Fotocredit: Albumcover / Artwork