Ich hatte richtig Bock auf dieses Festival. Das Summer Breeze war gerade vorbei und gefühlstechnisch hätte ich problemlos noch ein Wochenende dranhängen können. Zumal das Music Forge Festival für mich fast vor der Haustür stattfindet und genau das Gegenteil von einem riesigen Festival ist: überschaubar, kurze Wege, ein spannendes Line-up und vor allem dieses familiäre Gefühl, das kleinere Festivals so besonders macht.
Zumindest war das der Plan. Dann kam ich vom Summer Breeze zurück und der grippale Infekt gleich mit.
Damit war ziemlich schnell klar, dass mein Music Forge in diesem Jahr etwas anders aussehen würde. Statt drei Tage lang möglichst viel vom Line-up mitzunehmen, wurde daraus eher die Frage: Was geht überhaupt? Die Antwort darauf fiel je nach Tag ziemlich unterschiedlich aus.
Das hier ist deshalb auch kein ganz klassischer Festivalbericht. Dafür habe ich schlicht zu wenig gesehen. Aber vielleicht ist genau das mal ganz interessant: Was bleibt eigentlich von einem Festival hängen, wenn man nur ein paar Stunden davon mitbekommt?
Donnerstag: Mein Körper sagte einfach nein
Für den Auftakt lautete die Antwort zunächst: gar nichts.
Am Donnerstag war mein Körper schlicht nicht dazu zu bewegen, längere Zeit aufrecht zu stehen. Damit hatte sich jede Diskussion darüber, ob ein Festivalbesuch vielleicht doch irgendwie möglich wäre, relativ schnell erledigt.
Besonders geärgert hat mich das wegen Campfire Confessions. Die Band eines Freundes möchte ich nämlich seit Jahren endlich einmal live sehen und irgendwie hat es bisher nie gepasst. Musikalisch bewegen sie sich in der härteren Rock- und Metal-Ecke und wären damit ohnehin genau die Art Band gewesen, die ich mir auf so einer kleinen Festivalbühne gerne in Ruhe angesehen hätte. Dieses Mal stand der Termin fest im Kalender, das Festival war praktisch vor meiner Haustür … und ich lag zu Hause.
Als ich meinen Kumpel am nächsten Tag auf dem Gelände traf und wir ein bisschen quatschten, wurde es nicht unbedingt besser. Zwei Stunden hätten sie am Vorabend auf der Bühne gestanden, erzählte er mir, und der Abend sei für ihn ein einziger Abriss gewesen. Natürlich freute ich mich riesig für ihn. Gleichzeitig dachte ich mir nur: Na super. Nach all den Jahren hätte diesmal wirklich alles gepasst. Also bleiben Campfire Confessions wohl noch ein bisschen länger auf meiner persönlichen Unbedingt-endlich-live-sehen-Liste.
Freitag: Ein bisschen Festival musste sein
Am Freitag sah die Welt immerhin schon etwas besser aus. Von „fit“ war ich noch ein gutes Stück entfernt, aber zumindest war ich wieder in der Lage, das Haus zu verlassen. Und wenn das schon funktioniert, kann man schließlich auch mal vorsichtig testen, ob ein paar Stunden Festival drin sind.
Also packte ich meine Sachen und fuhr nach Lich. Mein persönlicher Festivalauftakt begann mit Elwood Stray und damit direkt mit einer Band, die ziemlich wenig Interesse an einem vorsichtigen Einstieg hatte. Moderner Metalcore, ordentlich Druck und dazwischen immer wieder melodische Passagen, die schnell ihren Weg ins Publikum fanden. Vor der Bühne war deutlich mehr Energie vorhanden als bei mir, aber genau das tat gut. Endlich wieder Musik, Menschen vor einer Bühne und dieses vertraute Gefühl, wenigstens für ein paar Stunden wieder im Festivalmodus angekommen zu sein.
Danach ging es mit Deez Nuts weiter. Hardcore funktioniert live ohnehin am besten, wenn zwischen Band und Publikum möglichst wenig Distanz entsteht, und entsprechend bewegungsfreudig ging es vor der Bühne zu. Es wurde gesprungen, geschoben und die Energie von der Bühne ziemlich direkt zurückgegeben. Ich schaute mir das Ganze diesmal lieber mit etwas Abstand an und war vollkommen zufrieden damit, andere Menschen die sportliche Arbeit erledigen zu lassen.
Eigentlich hatte ich gehofft, dass mich genau diese Festivalenergie noch ein paar Stunden weitertragen würde. Mein Körper war davon nur mäßig überzeugt. Während des Sets bekam ich einen ordentlichen Hustenanfall und als dann auch noch der angekündigte Regen einsetzte, war das wohl der Wink mit dem Zaunpfahl, den ich brauchte. Also musste ich einsehen, dass der Freitag für mich früher endete als geplant.
Was leider bedeutete: kein Roberto Blanco. Und ja, den wollte ich wirklich sehen. Wenn Roberto Blanco auf einem Metal-Festival spielt, schaut man sich Roberto Blanco auf einem Metal-Festival an. Punkt.
Die Videos, die ich später gesehen habe, machten es nicht besser. Das sah nach genau dem herrlich absurden Spaß aus, den ich mir davon versprochen hatte. Roberto schien mindestens genauso viel Freude an der ganzen Sache zu haben wie die Menschen vor der Bühne. Zwischen Kutten, Metalshirts und Schlager entstand offenbar einer dieser Festivalmomente, die überhaupt keinen Sinn ergeben müssen, um großartig zu funktionieren.
Den hätte ich verdammt gerne mitgenommen.
Samstag: Festival mit Rucksack voller Taschentücher
Am Samstag wollte ich es trotzdem noch einmal wissen.
Als ich aufs Gelände schlenderte, waren Our Mirage bereits mitten im Set. Also suchte ich mir eine der Bierbänke etwas weiter hinten, stellte meinen Rucksack voller Taschentücher neben mir ab und ließ mich erst einmal nieder.
Von der Bühne selbst bekam ich dort herzlich wenig mit, also fand Our Mirage für mich an diesem Nachmittag hauptsächlich übers Gehör statt. Ihr moderner Metalcore wechselte zwischen härteren Passagen und großen, emotionalen Melodien, während ich einfach dasaß und die Musik zu mir herüberziehen ließ. Festival muss offenbar nicht immer direkt vor der Bühne stattfinden.
Irgendwann ging Our Mirage in Mental Cruelty über und die musikalische Grundstimmung änderte sich ziemlich drastisch. Aus den großen Melodien wurde düsterer, brachialer Blackened Deathcore. Musik, die auch aus der Entfernung wenig Interesse daran hat, dezent im Hintergrund zu bleiben.
Bei Samurai Pizza Cats hätte dann eigentlich jede Faser meines Körpers nach vorne gemusst.
Metalcore, Deathcore, elektronische Elemente und dazwischen dieser leicht wahnsinnige Einschlag, der dafür sorgt, dass die Band einfach unheimlich viel Spaß macht. Genau dafür war ich eigentlich gekommen. Nicht um irgendwo hinten zu sitzen, sondern um mich von der Musik doch noch einmal nach vorne ziehen zu lassen.
Nur gewannen inzwischen der dicke Kopf, der Husten und die klamme Luft ziemlich eindeutig die Diskussion. Statt vor die Bühne zog es mich zurück zum Auto.
Damit musste ich mir auch eingestehen, dass ich Stick To Your Guns, auf die ich mich an diesem Abend eigentlich besonders gefreut hatte, nicht mehr sehen würde. Ich hatte gehofft, irgendwie bis zu ihrem Set durchzuhalten. Aber irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man nicht mehr sinnvoll mit dem eigenen Körper verhandeln kann. Das war vernünftig. Geärgert hat es mich trotzdem.
Viel Festival auf erstaunlich wenig Fläche
Das hier ist also definitiv kein Festivalbericht, in dem ich euch erzählen kann, welche Band am Nachmittag die größte Überraschung war, wo der beste Pit des Wochenendes entstand oder welcher Auftritt am Ende mein persönliches Highlight wurde.
Was ich aber nach meinen wenigen Stunden am Freitag und Samstag sagen kann: Ich hätte verdammt gerne mehr davon gesehen.
Und das liegt nicht nur am Line-up.
Hinter dem Music Forge steht ein Verein, der so ein Wochenende mit verdammt viel ehrenamtlichem Engagement auf die Beine stellt. Menschen investieren ihre Freizeit, ihre Energie und vermutlich auch den einen oder anderen Nerv, weil sie Bock darauf haben, in Lich ein richtig gutes Festival zu veranstalten. Und genau dieses Herzblut merkt man dem Music Forge an vielen Stellen an.
Das Gelände ist überschaubar, ohne dass sich das Festival klein anfühlt. Die Wege sind kurz und gerade der Kontrast zwischen der großen Bühne und der charmant kleinen Pub-Stage passt wunderbar zum gesamten Charakter. Dazwischen gibt es kleine Sidequests, Aktionen und Dinge zu entdecken. Man merkt, dass hier nicht einfach eine Bühne aufgebaut, ein paar Bands gebucht und dazwischen ein paar Bierstände gestellt wurden.
Vor allem steht die Musik im Mittelpunkt.
Kleinere Acts stehen selbstverständlich neben bekannteren Namen und bekommen hier Raum, sich einem neuen Publikum zu zeigen. Gleichzeitig ist die Atmosphäre angenehm entspannt und friedlich. Menschen sitzen zusammen, laufen zwischen den Bühnen hin und her, bleiben irgendwo hängen, quatschen miteinander und feiern gemeinsam.
Das Music Forge fühlt sich dabei nicht durchoptimiert an. Und das meine ich ausdrücklich positiv. Es muss nicht größer, spektakulärer und voller sein, als es ist. Keine zehn Bühnen, keine kilometerlangen Wege und kein Timetable, bei dem man morgens schon weiß, dass man ohnehin nur einen Bruchteil schaffen wird. Stattdessen merkt man an vielen Stellen, dass hier Menschen ein Festival veranstalten, die selbst Bock auf Musik und Festivals haben.
Da steckt verdammt viel Manpower drin. Aber vor allem steckt da Herzblut drin.
Dass das Music Forge in diesem Jahr ausverkauft war, überrascht mich deshalb überhaupt nicht. Nach dem, was ich in meinen wenigen Stunden mitbekommen habe, fühlt sich das absolut verdient an.
Und dann sind da noch all die Bands, die ich nicht sehen konnte
Ein bisschen schmerzhaft wird es allerdings, wenn ich im Nachhinein noch einmal auf die Running Order schaue. Denn da stehen einige Namen, die ich mir vorher ziemlich dick markiert hatte.
Am Donnerstag war das neben Campfire Confessions vor allem Alexis in Texas. Moderner Metalcore, harte Riffs, Melodie und Breakdowns – eigentlich ziemlich genau die Mischung, bei der ich gerne einfach mal vor einer Bühne stehen bleibe und schaue, was passiert. Auch Never Back Down hätte ich gerne mitgenommen. Gerade auf einem Festival dieser Größe sind es für mich nämlich nicht nur die Headliner, sondern genau solche Bands, für die sich ein früher Gang aufs Gelände lohnt.
Am Freitag hätte ich vor allem gerne ein Wiedersehen mit der King Nugget Gang gehabt. Die hatte ich gerade erst beim Summer Breeze gesehen und dort haben sie so dermaßen abgeliefert, dass ich überhaupt kein Problem damit gehabt hätte, mir die nächste Runde wenige Tage später direkt wieder zu geben. Ihre Mischung aus Rap, schweren Beats und einer ordentlichen Portion Eskalation funktioniert live einfach wunderbar als große, ziemlich bekloppte Party.
Das komplette Gegenteil hätte mit Signs of the Swarm gewartet. Moderner Deathcore, tiefe Vocals, massive Breakdowns und Musik, die vermutlich wenig Interesse daran gehabt hätte, meinen Freitag entspannt ausklingen zu lassen. Gerade diesen Kontrast hätte ich gerne noch mitgenommen.
Und dann war da der Samstag.
ATRIO hätte ich mir gerne genauer angeschaut. Moderner Metal, der Härte nicht als einzigen Selbstzweck versteht, sondern auch melodischere und atmosphärischere Elemente zulässt. Genau solche kleineren Namen landen bei mir schnell auf der persönlichen Entdeckungsliste.
Ähnlich neugierig war ich auf XO Armor, allerdings aus einem völlig anderen Grund. Die werfen verschiedene moderne Metal-Einflüsse, Rap und elektronische Elemente zusammen und lassen sich dadurch nicht besonders sauber in eine einzelne Schublade stecken. Gerade bei solchen Bands interessiert mich, wie diese Mischung live funktioniert.
Noch mehr hatte ich mich allerdings auf Artemis Rising gefreut. Die Band verfolge ich schon eine ganze Weile und ausgerechnet beim Music Forge hätte es endlich einmal mit einem Live-Auftritt klappen sollen. Hat es natürlich nicht.
Auch April Art standen auf meiner Liste. Moderner Alternative Metal, große Refrains und ordentlich Energie, eigentlich eine ziemlich sichere Kombination für einen Festivalauftritt, den ich nur ungern verpasse.
Und schließlich Stick To Your Guns.
Die habe ich inzwischen schon einige Male gesehen. Aber es gibt eben Bands, bei denen „kenne ich schon“ kein Argument ist. Hardcore und Metalcore treffen bei ihnen auf diese großen melodischen Momente und eine Energie, die live immer wieder funktioniert. Deshalb hatte ich bis zuletzt gehofft, dass meine Reserven noch bis zu ihrem Set reichen würden.
Meine persönliche Nachholliste nach diesem Music Forge ist damit deutlich länger als geplant.
Dann eben nächstes Jahr
Das Gute daran: Nach dem Festival ist vor dem Festival. Und ein Blick auf das, was für das nächste Music Forge bereits angekündigt wurde, macht schon jetzt Lust auf die nächste Runde.
Mit Lost in Hollywood und Mittelalta, die ich gerade erst beim Summer Breeze gesehen habe, sowie Gutalax und Waves Like Walls, die mir ebenfalls schon auf anderen Bühnen begegnet sind, stehen einige bekannte Namen auf dem Plan. Dazu sind unter anderem Gutalax, Malevolence und Abbie Falls angekündigt – und weitere Bands sollen noch folgen.
Nach meinem etwas anderen Music Forge in diesem Jahr ist der Plan fürs nächste Mal deshalb ziemlich simpel:
Weniger Taschentücher. Mehr Bands. Und dann bitte das ganze Wochenende.
Fotocredit & Review Hannah Lea Fritz