Metal bei fast 40 Grad. Der Freitag verlangt dem Reload-Publikum schon früh einiges ab. Die Sonne brennt auf das Gelände, Schatten ist Mangelware und trotzdem füllen sich die Flächen vor den Bühnen. Zwischen harten Breakdowns, ungewöhnlichen Genre-Mischungen und großen Rockshows entwickelt sich der zweite Festivaltag vom Hitzekampf am Mittag zum großen Metal-Abend.
Fit For An Autopsy eröffnen unseren Tag unter schwierigen Bedingungen. Vor der Bühne bleibt angesichts der Mittagshitze etwas mehr Platz, die Stimmung ist trotzdem gut. Die Breakdowns scheppern ordentlich, bevor „Far From Heaven“ zum Schluss noch einmal für einen starken Moment sorgt.
Kawaii trifft auf Metalcore
Für einen kompletten Kontrast sorgen Broken by the Scream. Trotz der Mittagshitze versammeln sich viele Menschen vor der zweiten Bühne, um die Japanerinnen zu erleben. Die niedlichen Outfits und typischen Kawaii-Choreografien erinnern zunächst an Babymetal, musikalisch geht es allerdings deutlich härter zur Sache. Auf hohe, fast quietschende Stimmen treffen immer wieder Growls. Eine ungewöhnliche Abwechslung zum restlichen Festivalprogramm.

Bei Paleface Swiss wird die Hitze endgültig zur Nebensache. Während „The Orphan“ ziehen Crowdsurfer über die Menge, bei „Let Me Sleep“ geht das Publikum auf Kommando aus der Hocke wieder hoch. Die Breakdowns sind massiv, Zellis Stimme hält vom ersten bis zum letzten Ton stand. Selbst „Everything Is Fine“ sorgt bei den Temperaturen für Gänsehaut.
Thundermother bringen anschließend geradlinigen Rock ’n’ Roll auf das Gelände. Eingängige Riffs, drückendes Schlagzeug und eine unkomplizierte Attitüde passen perfekt zur staubigen Kulisse. Die Schwedinnen sorgen damit für einen bewussten Kontrast zum vorherigen Metalcore und bringen auch die klassischere Rock-Fraktion in Bewegung.
Staub gehört heute zum Festival-Outfit
Die Hitze hinterlässt auf dem Gelände deutliche Spuren. Der trockene Boden wird durch die vielen Menschen und Pits immer weiter aufgewirbelt, sodass eine regelrechte Staubwolke über Teilen des Infields liegt. Masken, Tücher und hochgezogene Shirts gehören deshalb bald genauso zum Festival-Outfit wie Bandshirts und Festivalbändchen. Wer direkt vor der Bühne steht, kommt um den Staub ohnehin kaum herum.
Bei Imminence wird es anschließend wieder ungewöhnlich. Schwere Gitarrenriffs und fette Breakdowns treffen auf die Geige von Sänger Eddie Berg. Was zunächst wie ein ungewöhnlicher Gegensatz wirkt, fügt sich erstaunlich stimmig zusammen und gibt den Songs eine epische, fast cineastische Note. Berg wechselt zwischen Klargesang und Screams, spielt teilweise gleichzeitig Geige und Gesang und schreit sogar direkt in sein Instrument. Das Zusammenspiel aus Musik, Licht und Bühnenbild macht den Auftritt zu einem der besonderen Momente des Tages. Zum Abschluss sorgt „The Black“ mit einem Geigensolo trotz der Hitze noch einmal für Gänsehaut.
Dead by April führen den Tag anschließend wieder stärker in Richtung modernen Metalcore und sorgen für den nächsten musikalischen Wechsel, bevor die Sonne langsam tiefer steht.

Staub, Wasser und Vollgas
Bei Kim Dracula wird es schließlich völlig unberechenbar. Kurz vor dem Auftritt wird das Publikum aus dem Graben mit einem Wasserschlauch abgekühlt. Die Reaktion folgt prompt: „Wassermann, spritz mich an“ wird zum Schlachtruf. Wenig später wirbeln Pits und eine Wall of Death den Staub auf, der im tiefstehenden orangenen Sonnenlicht wie Nebel über dem Gelände liegt.
Auch musikalisch lässt sich Kim Dracula kaum in eine Schublade stecken. Trap, Nu-Metal, Metalcore und Jazz treffen auf Saxofon, schwere Gitarren, Screams, Rap und cleanen Gesang. Zwischendurch werden „Careless Whisper“ und das James–Bond-Theme angespielt. So ungewöhnlich die Mischung ist, beim Publikum kommt sie bestens an.
Mit Airbourne wird anschließend auf Vollgas geschaltet. Joel O’Keeffe und seine Band liefern eine Hochenergie-Show mit riffgewaltigem Hardrock, Mitmachaktionen und jeder Menge Bewegung. Der AC/DC-Spirit der Australier kommt beim Publikum bestens an, während der Staub erneut durch das Infield fliegt.
Thrown setzen danach auf kompromisslose Härte. Banger auf Banger, kaum Zeit zum Durchatmen und aggressive Shouts über tiefen Gitarren bestimmen das Set. Erst mitten im Auftritt wird es für ungefähr 15 Sekunden ungewöhnlich ruhig. „Hydration break is over, this is a fast one“ ruft die Band – und schon geht es weiter. Bei „On The Verge“ steigt die Intensität noch einmal, während sich vor der Bühne Moshpits bilden. Zum Glück ist die Sonne inzwischen verschwunden und die Menge kann sich ohne Hitzestich austoben.
Judas Priest geben eine Lehrstunde
Dann gehört die Bühne Judas Priest. Die britischen Metal-Urgesteine zeigen, warum ihr Name seit Jahrzehnten zum Fundament des Heavy Metal gehört. Rob Halford erscheint im ikonischen Leder-Outfit und liefert stimmlich eine beeindruckende Bandbreite – von tiefen Passagen bis zu seinen charakteristischen Screams.
Eine große Lichtshow begleitet die Klassiker, während das dicht gedrängte Infield bei „Breaking the Law“ und „Turbo Lover“ jede Zeile mitsingt. Gitarrensoli und Rhythmusgruppe sitzen präzise, bevor „Painkiller“ gegen Ende des regulären Sets noch einmal einen brachialen Höhepunkt setzt. Mit der Zugabe endet ein gigantischer Headliner-Auftritt, der Nostalgiker ebenso abholt wie die jüngeren Festivalbesucher.

Doch der Freitag ist damit noch nicht vorbei. Nortlane locken zu später Stunde noch einmal zahlreiche Menschen vor die Plaza Stage. Sänger Marcus Bridge im roten Outfit führt die Band durch einen energiegeladenen Metalcore-Auftritt, bei dem elektronische Elemente auf harte Gitarren treffen. Moshpits, Crowdsurfer und ein textsicheres Publikum sorgen für den letzten Energieschub eines langen Festivaltages.
Fotocredit: Mirco Wenzel
Review: Stafen Schulz