Die erste Nacht auf einem Festival ist irgendwie immer besonders. Auch wenn es nie vollkommen still wird und aus der Ferne noch lange Musik, Stimmen und das gelegentliche Klirren einer Dose zu hören sind, schläft man irgendwann doch ein. Am nächsten Morgen schob sich noch vor dem ersten Kaffee dieser leicht absurde Gedanke in meinen Kopf: Es ist schon Donnerstag. Das Summer Breeze hatte gerade erst richtig angefangen und fühlte sich trotzdem bereits so an, als würde es viel zu schnell an mir vorbeiziehen. Monatelang wartet man auf diese Tage und sobald man endlich da ist, beginnt man unvernünftigerweise schon wieder, die verbleibende Zeit zu zählen.
Lange blieb allerdings keine Gelegenheit, mich in dieser kleinen Festivalmelancholie zu verlieren. Die Sonne war früh zurück, der Staub vom Vortag ohnehin nie ganz verschwunden und mein Timetable machte schnell klar, dass ich einen Großteil des Tages vor der Main Stage verbringen würde. Dort reihten sich zunächst mehrere Bands aneinander, die zwar nicht identisch klangen, aber alle irgendwo zwischen modernem Metalcore, Alternative und großen, eingängigen Refrains zu Hause waren. Es war einer dieser Festivalblöcke, bei denen man sich den Weg zur nächsten Bühne fast sparen kann.
Ein Auftakt ganz nach meinem Geschmack
Viel Anlauf brauchte der Donnerstag ohnehin nicht. Schon bei Our Promise rückten die ersten Reihen enger zusammen, Hände gingen nach oben und die Müdigkeit vom Vorabend war erstaunlich schnell vergessen. Die Stuttgarter mischen Metalcore mit Hardcore und Pop-Punk, wodurch ihre Songs gleichzeitig ordentlich drücken und trotzdem leicht zugänglich bleiben. Vor allem die melodischen Refrains wurden bereitwillig aufgenommen, während die härteren Passagen dafür sorgten, dass weiter vorne kaum jemand lange stillstand. Ein angenehm direkter Start, der nicht erst zehn Minuten erklären musste, wie der Tag musikalisch weitergehen würde.

From Fall To Spring knüpften fast nahtlos daran an, verschoben den Sound aber stärker in Richtung moderner Alternative und Metalcore. Zwei Sänger, elektronische Akzente und Refrains, die darauf ausgelegt sind, möglichst schnell von einer großen Menge zurückzukommen: Das passte hervorragend auf die Hauptbühne. Immer wieder sprang das Publikum geschlossen mit, an anderen Stellen wurde laut mitgesungen. Dass die Sonne inzwischen bereits ordentlich auf das Infield drückte, schien zumindest für diese vierzig Minuten kaum eine Rolle zu spielen.

Und dann war plötzlich wieder Anfang der 2000er.
Der Alternative Rock von Alien Ant Farm trug dieses ganz besondere Lebensgefühl mit sich, das irgendwo zwischen MTV, viel zu tief sitzenden Hosen und gebrannten Mix-CDs zu Hause ist. Die Band hatte natürlich mehr als nur einen Song mitgebracht, doch über allem schwebte die Frage, wann dieses eine markante Gitarrenmotiv erklingen würde. Als schließlich ihr Michael-Jackson-Cover „Smooth Criminal“ einsetzte, brauchte niemand im Publikum eine weitere Einladung. Gefühlt sang das komplette Infield mit, und für ein paar Minuten verwandelte sich das Summer Breeze in eine einzige große Nostalgieparty. Vielleicht war nicht jeder Text bis ins letzte Wort sicher, aber das „Annie, are you okay?“
saß.

Ein kurzer Blick über den Tellerrand
Nach drei Konzerten an derselben Stelle brauchte ich kurz ein anderes Klangbild und wechselte für ein paar Minuten zur T-Stage. Dort standen Grand Magus für genau die Art von Heavy Metal, die keine elektronischen Spielereien und keine moderne Hochglanzproduktion benötigt. Breite Riffs, ein schwerer Grundton und Melodien, die eher nach erhobener Faust als nach ausgelassener Hüpfbewegung klangen, bildeten einen deutlichen Kontrast zu den Stunden zuvor. Ich blieb nicht lange, nahm aber genug mit, um einmal kurz musikalisch durchzuatmen.
Denn an der Hauptbühne warteten bereits Northlane und zogen den Sound praktisch im nächsten Moment wieder weit in die Gegenwart. Tiefer gestimmte Gitarren trafen auf elektronische Flächen, wuchtige Beats und atmosphärische Passagen, die sich nicht einfach nur nach klassischem Metalcore anhörten. Man spürte den Bass nicht nur, man bekam ihn regelrecht gegen den Brustkorb gedrückt. Über den Köpfen tauchten die ersten Crowdsurfer auf, vorne wurde es enger und gleichzeitig schafften es die Australier immer wieder, mitten in all der Härte Raum entstehen zu lassen. Für mich war das einer der Auftritte, bei denen nicht nur einzelne Breakdowns wirkten, sondern der gesamte Sound wie eine große, dunkle Welle über das Gelände rollte.
Inzwischen hatte sich die Hitze endgültig auf dem Infield festgesetzt. Der Staub hing an den Schuhen, klebte auf der Haut und machte zunehmend das Atmen schwerer. Trotzdem ging es noch einmal zur T-Stage, diesmal für ein paar Minuten Deserted Fear. Nach all den elektronischen Elementen und großen Melodien zuvor war ihr Death Metal fast schon eine kleine Erdung: direkte Riffs, tiefes Growling und ein Publikum, das den Kopf nicht lange oben behielt. Hier wurde weniger gesprungen und dafür umso ausdauernder gebangt.
Danach stand einer der längeren Wege des Tages an. Der Campsite Circus gehört zwar zum Festival, fühlt sich durch seine kleinere Bühne und die unmittelbare Nähe zu den Bands aber immer ein wenig wie eine eigene Welt an. Dort wollte ich zumindest einen Eindruck von SERPENTS bekommen. Die polnische Band baut kalte Synthesizer und elektronische Beats in ihren modernen Metal ein, ohne dass die Gitarren dabei zur Nebensache werden. Vor der kleineren Bühne wirkte das Ganze noch unmittelbarer: vorne wurde gebangt, daneben getanzt und weiter hinten standen einige, die wie ich offensichtlich erst einmal herausfinden wollten, was sie da gerade entdeckt hatten. Genau für solche kurzen Abzweigungen nehme ich die zusätzlichen Meter gerne in Kauf.
Der Höhepunkt des Tages
Viel Zeit zum Bleiben hatte ich allerdings nicht. Schon um halb sechs stand ich wieder vor der Hauptbühne, denn Imminence wollte ich auf keinen Fall verpassen.
Es dauerte nicht lange, bis Sänger Eddie Berg zur Geige griff und sich der gesamte Charakter des Auftritts veränderte. Gerade hatte seine Stimme noch gegen schwere Gitarren und brachiale Passagen angekämpft, im nächsten Moment legte sich die Violine wie eine zweite, melancholische Ebene darüber. Bei Imminence ist sie kein dekorativer Zusatz, den man für einen kurzen Überraschungseffekt hervorholt. Sie gehört fest zu diesem atmosphärischen Post-Metalcore und prägt die Songs mindestens genauso stark wie die Breakdowns. Dass Berg gleichzeitig Sänger und Violinist ist, beeindruckt mich ohnehin jedes Mal aufs Neue.
Auch vor der Bühne entstand dadurch ein ganz anderer Rhythmus. In den ruhigen Passagen schienen viele für einen Moment einfach nur zuzuhören, bevor die nächste harte Welle die Menge wieder auseinandertrieb. Köpfe gingen nach unten, Arme nach oben und dazwischen stand ich und war erneut fasziniert davon, wie selbstverständlich hier vermeintliche Gegensätze zusammenfanden. Die Geige nahm den Songs nichts von ihrer Härte. Im Gegenteil: Sie machte sie emotionaler und ließ die wuchtigen Stellen noch größer wirken. Imminence waren deshalb nicht nur ein weiterer Metalcore-Act in einem ohnehin sehr modernen Tagesprogramm, sondern mein klarer Gänsehautmoment am Nachmittag.

Wer steckt hinter dem Surprise Act?
In den vergangenen Tagen hatte sich auf dem Festivalgelände ein regelrechtes Rätselraten um den geheimen Surprise Act entwickelt. Von Electric Callboy und ihrem Nebenprojekt Electric Bassboy bis hin zu Alissa White-Gluz und ihrem neuen Projekt Blue Medusa, die auf dem Festival gesichtet wurde, kursierten zahlreiche Theorien. Doch je näher der Auftritt rückte, desto mehr Hinweise deuteten auf eine andere Band hin. Spätestens als einige der ersten Besucher ein Bandmitglied über die Bühne huschen sahen, war das Geheimnis eigentlich gelüftet: Saltatio Mortis würden als Überraschungsact auftreten. Für alle anderen gab es spätestens mit den ersten Klängen und dem Betreten der Bühne die Gewissheit.
Was danach folgte, fühlte sich weniger nach einem gewöhnlichen Festivalauftritt und mehr nach einer spontanen Eskalation an. Kaum waren die ersten Töne verklungen, ging eine Welle durch die Menge: Jubel brandete auf, überall wurden Hände in die Luft gerissen und aus dem Publikum wurde ein einziger großer Chor. Saltatio Mortis verstanden es dabei perfekt, die ohnehin aufgeheizte Festivalstimmung weiter anzutreiben. Zwischen tanzenden Massen, lautstarken Mitsingmomenten und einer Band, die sichtlich Spaß an der Überraschung hatte, entstand diese ganz besondere Atmosphäre, die nur ein ungeplanter Festivalmoment erzeugen kann.
Ein ruhiger Ausklang
Danach wurde mein eigener Umgang mit dem Programm etwas ruhiger. Nicht, weil auf den Bühnen weniger passierte, sondern weil nun mehrere Bands folgten, die ich bereits einige Male gesehen hatte. Nach einem langen, heißen Tag musste ich nicht mehr in der ersten Reihe stehen. Stattdessen suchte ich mir ein schattiges Plätzchen etwas abseits, gönnte den Beinen eine Pause und ließ die Musik einfach auf mich wirken. Genau dafür eignen sich Bands wie Saxon wunderbar. Ihr klassischer britischer Heavy Metal funktioniert auch mit etwas Abstand hervorragend: große Gitarrenmelodien, einprägsame Refrains und diese jahrzehntelang erprobte Selbstverständlichkeit, mit der sie eine Festivalbühne bespielen. Also ließ ich es mir etwas weiter hinten gutgehen und hörte den Songs zu, während mein Blick zwischendurch über das inzwischen deutlich vollere Gelände wanderte.
Auch bei Eisbrecher blieb es für mich bei einem kurzen Besuch. Harte, geradlinige Gitarren, elektronische Rhythmen und der typische Klang der Neuen Deutschen Härte sorgten erwartungsgemäß für Druck vor der Bühne. Die Band weiß, wie man ein großes Festivalpublikum bedient, und wer sie an diesem Abend zum ersten Mal sah, bekam mit Sicherheit eine imposante Show. Ich kannte das Gesamtpaket allerdings schon von mehreren Auftritten und hatte deshalb kein schlechtes Gewissen, nach ein paar Songs weiterzuziehen.
Neugieriger war ich da schon auf Mushroomhead. Bereits der erste Blick auf die Bühne machte klar, dass die Amerikaner nicht nur musikalisch auffallen wollten. Masken, mehrere Stimmen und eine düstere, beinahe verstörende Optik trafen auf einen Sound, in dem Nu Metal, Alternative und theatrale Elemente ineinanderliefen. Selbst bei einem kurzen Abstecher gab es ständig etwas zu beobachten. Mal wusste man nicht genau, welchem Teil der Bühne man zuerst folgen sollte, dann schoben sich wieder mehrere Stimmen übereinander und machten die ohnehin dichte Show noch chaotischer. Lange blieb ich auch hier nicht, aber ein paar Minuten reichten, um zu verstehen, warum Mushroomhead live einen ganz eigenen Ruf genießen.
Gegen halb zwölf stand ich noch einmal vor der Hauptbühne. Amorphis hatte ich erst wenige Wochen zuvor gesehen, weshalb der Auftritt für mich weniger Entdeckung und mehr vertrautes Wiedersehen war. Ihre Mischung aus melodischem Death Metal, progressiven Elementen und finnisch geprägter Melancholie besitzt trotzdem eine Atmosphäre, die gerade spät am Abend hervorragend funktioniert. Die klaren Melodien zogen weit über das Gelände, während die Growls dem Ganzen immer wieder das nötige Gewicht gaben. Musikalisch war das gewohnt solide, nur musste ich dieses Mal nicht jede Minute möglichst nah an der Bühne erleben. Etwas weiter hinten zuzuhören, passte nach diesem langen Tag deutlich besser.

Für meinen persönlichen Abschluss wurde es danach noch einmal wesentlich ausgelassener. dArtagnan tauschten die düstere Schwere von Amorphis gegen Folk- und Mittelalterrock, große Mitsingmelodien und eine ordentliche Portion Musketier-Pathos. Vor der Bühne wurde getanzt, Arme lagen über Schultern und selbst zu dieser Uhrzeit fanden sich noch erstaunlich viele Menschen, die offensichtlich längst nicht ans Schlafengehen dachten.
Ich hingegen merkte ziemlich schnell, dass die vielen Wege, die Hitze, der kratzende Staub in meiner Lunge und die Konzerte des Tages ihren Tribut forderten. Ein paar Songs nahm ich noch mit, dann verabschiedete ich mich für Summer-Breeze-Verhältnisse relativ früh ins Bett. Auf den Bühnen ging es weiter, doch für mich war der Donnerstag voll.
Am Morgen hatte ich noch das Gefühl gehabt, dass die Festivalzeit bereits wieder viel zu schnell davonlief. Am Ende dieses Tages wusste ich zumindest, warum: In kaum mehr als zwölf Stunden hatten 2000er-Nostalgie, moderner Metalcore, klassischer Heavy Metal, Death Metal, Masken, Geigen und Musketiere ihren Platz gefunden. Vielleicht vergehen Festivaltage gar nicht schneller als andere. Es passt nur sehr viel mehr in sie hinein.
Fotocredit: Lara Kramer
Review: Hanna Lea Fritz