Jupiter Jones Sänger Nicholas Müller hat schon einige sehr einzigartige und wunderbare Textzeilen auf Deutsch geschrieben und gesungen, die ich immer noch und immer wieder gerne hören mag. Genau deshalb fühlt sich das neue Jupiter-Jones-Album auch nicht wie ein bloßes Wiedersehen an, sondern eher wie ein weiterer Beweis dafür, dass diese Band ihre eigene Sprache nie wirklich verloren hat. Nach dem Comeback mit Sascha Eigner und dem Crowdfunding-finanzierten „Die Sonne ist ein Zwergstern“ legen Jupiter Jones nun mit „Ich trag den Sarg, Du trägst was Buntes“ nach – und treffen dabei erneut diesen Punkt zwischen Melancholie, Haltung und echtem Pop-Gefühl.
Schon die erste Single und Album-Opener „Champagnerempfang satt!“ zeigt ziemlich gut, worum es der Band geht. Da ist dieser typische Jupiter-Jones-Mix aus Pop und Brecheisen. Der Song nimmt Körperdysmorphie und den Druck von Social Media ins Visier. Statt schicker Oberfläche gibt es hier den Blick auf Menschen, die sich selbst nicht schön finden können, obwohl sie es längst sind. Musikalisch verpackt in Jupiter Jones Trademark-Punk, den man mindestens seit Catatonia-Zeiten nicht mehr so eingängig gehört hat. Und dann ist da noch diese düstere Bridge – „Viva Dysphoria“ – Chapeau, ich bin interessiert.
Und direkt Track Nummer zwei überrascht. „Neunkircher Wald“ setzt auf Storytelling, was man von Jupiter Jones eigentlich gar nicht kennt. Der Song erzählt von einer Entführung, die im Neunkircher Wald endet, und bleibt dabei lyrisch bewusst schwer zu greifen. Musikalisch zieht die Nummer sofort nach vorne. Es ist einer dieser Songs, die nicht über Erklärungen funktionieren, sondern über Spannung und Tempo. Ein kleiner Thriller im Jupiter-Jones-Gewand. Mit „Keine neuen Gründe“ nehmen sich Jupiter Jones dann die rechte Szene in Deutschland vor. Der Song wirkt wie ein wütender Kommentar auf das Wiedererstarken eines alten Problems. Lyrisch glücklicherweise alles andere als platt oder plakativ, sondern es gibt eine ganze Reihe an Songzitaten, die man ohne schlechtes Gewissen mit seinem Edding an gut ausgewählte Orte pinnen darf. Zum Beispiel: „Die Welt geht vor die Hunde und die Hunde sind entsetzt.“ Das ist bitter, zugespitzt und typisch Jupiter Jones.
Einer der stärksten Momente der Platte ist ohne Frage „Älter als die Steine“. Der Song richtet den Blick auf die eigene Familie und wurde von Müller und Eigner für ihre Kinder geschrieben. Der Song denkt darüber nach, was es heißt, Leben in die Welt zu setzen und einem Kind später erklären zu müssen, dass alles irgendwann vergeht. Dass daraus kein schwerer Fingerzeig, sondern ein warmes, bewegendes Stück geworden ist, spricht sehr für die beiden. Dazu kommt das wunderbare One-Shot-Video, das dem Song noch einmal eine zusätzliche Ebene gibt:
Auf Track Nummer fünf taucht dann das erste Feature der Platte auf. Niclas Breslein von der Hamburger Band Junges Glück veredelt „Guten Morgen Welt“ mit seiner Stimme und bringt noch einmal eine andere Farbe ins Spiel. Direkt danach folgt dann so etwas wie der Quasi-Titeltrack der Platte. „Ist uns egal, ob das Vernunft ist / Ich trag den Sarg, du trägst was Buntes / Wo diese Liebe hinfällt, sollen Krater sein / Soll alles brennen, alle rennen, nichts mehr stehen bleiben“ ist große Geste, aber nie leer. Eher im Gegenteil: Der Song wirkt wie ein offener Arm für alle, die Jupiter Jones bisher nur über „Still“ kannten. Vielleicht ist das sogar die radiotauglichste Nummer auf dem ganzen Album. Eine, die sofort reingeht und trotzdem genug Kante behält, um nicht beliebig zu werden.
„Torpedo Mobile“ klingt tatsächlich genau so, wie es der Titel verspricht. Der Song hat Druck, fährt nach vorne und hält diesen Schwung auch lange genug, um nicht gleich wieder in sich zusammenzufallen. Im Schlussteil ziehen Jupiter Jones dann aber bewusst den Vorhang etwas zu, das Tempo wird gedrosselt, die Nummer fadet aus. Mit „Euren Töchtern geht es gut“ folgt dann ein weiteres Feature, diesmal gemeinsam mit Liser und Finna. Und ja, eine männliche Band, die sich so offen mit Frauen solidarisiert, ist Gold wert. Jupiter Jones machen damit deutlich, dass Haltung auf diesem Album nicht bloß Behauptung ist, sondern Teil der Dramaturgie.
„Ich weiß es doch auch nicht“ umarmt einen dann mit seiner Wohlfühl-Melodie, obwohl es eigentlich um das Auseinanderleben in einer Beziehung geht. Das ist schon ziemlich typisch für diese Platte: Die Songs klingen oft warm, selbst wenn sie von Dingen handeln, die nicht warm sind. Im letzten Drittel läuft das Album dann allerdings stellenweise Gefahr, ein wenig an einem vorbeizuziehen. Umso wichtiger ist „Ein Platz in der Sonne“, das noch einmal klar stehen bleibt. Der Closer „Immer noch (Auf das Leben)“ hat sich den Vorwurf gefallen zu lassen, kalkuliert zu sein, aber ganz ehrlich: Hier bündeln Jupiter Jones viele ihrer größten Stärken. Der Song ist eingängig, hymnisch und gerade so nah am Kitsch vorbei, dass er funktioniert. Wer dabei das Feuerzeug oben halten will, weiß ohnehin, was zu tun ist: auf die Tour gehen.
Wir vom Frontstage Magazine präsentieren euch die Tour in Zusammenarbeit mit a.s.s. concerts & promotion GmbH
Tourdaten – Ich trag den Sarg, du trägst was Buntes Tour ’26
18.09.2026 – Worpswede, Music Hall
19.09.2026 – Köln, Kantine
20.09.2026 – Oberhausen, Ebertbad
23.09.2026 – Münster, Sputnikhalle
24.09.2026 – Karlsruhe, Substage
25.09.2026 – Wiesbaden, Schlachthof
26.09.2026 – Dresden, Beatpol
27.09.2026 – Erlangen, E-Werk
29.09.2026 – Hannover, Faust
30.09.2026 – Leipzig, Täubchenthal
01.10.2026 – Berlin, Heimathafen
02.10.2026 – Rostock, Peter-Weiss-Haus
03.10.2026 – Wolfsburg, Hallenbad
04.10.2026 – Hamburg, Markthalle
Fotocredit: Sandra Ludewig