Mit dem Hurricane Festival begann am Freitag nicht nur eines der größten Musikwochenenden Deutschlands – im niedersächsischen Scheeßel wurde zugleich ein besonderes Jubiläum gefeiert. Zum 30-jährigen Bestehen verwandelte sich der Eichenring erneut in eine Festivalstadt, die auch drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung nichts von ihrer Anziehungskraft verloren hat. Dementsprechend wurden rund 78.000 Besuchende zum Auftakt am Freitag auf dem Gelände erwartet. Damit galt das Wochenende als ausverkauft. Unter Hurricane typischen extremen Wetterbedingungen, hochsommerliche 30 Grad Celsius mit Sonne satt und kontinuierlichem Gewitterrisiko, ging es darum gemeinsam den Start in ein Wochenende voller Musik, Emotionen und Party zu gestalten.
Traditionell gehörte die erste große Bühne des Wochenendes dem #hurricaneswimteam. Seit mittlerweile zehn Jahren ist die Gruppe fester Bestandteil des Festivalauftakts und sorgte auch zum Jubiläum für beste Stimmung. Unter großem Jubel verkündete Elton mit den Worten „Ich erkläre das Hurricane Festival für eröffnet“ den offiziellen Start. Passend zum runden Geburtstag des Swim Teams wurde nicht an Effekten gespart: Pyrotechnik schoss in die Höhe und sorgte für zusätzliche Hitze auf dem ohnehin bereits gleißend heißem Gelände. Dieses Mal hätten sie sogar extra geprobt, was exakt 100 % mehr ist als sie es normalerweise tun würden. Gleichzeitig schwang jedoch auch etwas Wehmut mit, denn nach Angaben von Stefan Thanscheidt, Hurricane Chef und Swim Team Mitglied,, sollte es sich um den vorerst letzten Auftritt des #hurricaneswimteams handeln. Das Publikum verabschiedete die Truppe dementsprechend lautstark und feierte sie noch einmal gebührend.
Musikalisch ging es anschließend direkt mit einem echten Festival-Klassiker weiter. The Ataris präsentierten sich gewohnt souverän und lieferten genau das, was man von ihnen erwarten durfte. Ihr Auftritt wirkte routiniert, ehrlich und erinnerte einmal mehr daran, warum die Band seit Jahren zu den Gästen der europäischen Festivalbühnen zählen. Deutlich ungestümer wurde es zeitgleich mit Grandson auf der Forest Stage. Der Kanadier entwickelte vom ersten Moment an eine enorme Dynamik und verstand es mühelos, das Publikum auf seine Seite zu ziehen. Während sich vor der Bühne immer größere Tanzkreise bildeten und die Crowd zunehmend in Bewegung geriet, nutzte Grandson seine Plattform immer wieder für klare gesellschaftliche Positionierungen. Dazu gab es eine schweißtreibende Performance voller Energie und Intensität. Besonders in den letzten Minuten des Sets erreichte die Stimmung ihren Höhepunkt. Vor dem finalen Song mobilisierte Grandson noch einmal sämtliche Kraftreserven der Zuschauenden und forderte einen riesigen Kreis im Publikum. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt und brachte zum ersten Mal das gesamte Gelände zum Beben. Spätestens beim darauffolgenden „Blood // Water“ gab es kein Halten mehr und das Publikum eskalierte vollends. Zum Abschluss drehte Grandson eine Ehrenrunde durch den Graben und klatschte alle ab – so geht ein gelungener Festivalauftritt.
Falls Grandson das Publikum bis dahin noch nicht vollständig wachgerüttelt hatte, erledigten die Donots den Rest. Die Band aus Ibbenbüren bewiesen einmal mehr, warum sie seit Jahren zu den absoluten Festivalgaranten gehören. Von Beginn an ging es mit voller Kraft voraus, wobei Songs wie „Auf sie mit Gebrüll“ oder „Calling“ das starke Set entwickelten. Mit Frontmann Ingo Knollmann gab es nur eine Devise und diese lautete 60 Minuten lang zweifelsfrei durchdrehen. So stellte er fest, dass das Publikum noch gar nicht „scheiße genug“ für einen ordentlichen Donots-Auftritt aussehe – ein Zustand, der sich im Laufe des Konzerts jedoch zusehends änderte. Dazu trugen die Schaumwerfer der Donots ordentlich bei, schließlich galt es möglichst siffig auszusehen. Und das obwohl ja eigentlich Geburtstag gefeiert werden sollte. Dafür sollte das Publikum die 80.000 Kerzen auf einer staubigen Geburtstagstorte perfekt passend zum 30-jährigen Jubiläum des Hurricane Festivals mimen. Dabei hat die Band richtig Gas gegeben und das äußerste vom Publikum gefordert. Schließlich war bei diesen Temperaturen schon im Takt Mitklatschen absoluter Hochleistungssport. Zum Abschluss gab es mit Jakob Amr von den Leoniden noch eine Überraschung. Sie sorgten nicht nur für sportliche Höchstleistungen mit einem Circle Pit um das Klavier herum, sondern kündigten auch eine Überraschung für Samstagabend im Zelt an.
Sportlich sollte es auch bei Bosse weitergehen. Nach der Eröffnung mit dem Chanson gegen Hetze im Internet „Lass dich nicht ficken„, unterstützt von den fantastischen Hansemädchen, gab es die beliebten Songs als überraschende Neuinterpretationen. So kam „Alter Strand“ schon fast an Salsa angelehnt daher und forderte zur lateinamerikanischen Tanzparty auf. Wir erinnern uns, dass schon Klatschen schweißtreibend genug war, aber Tanzen war next level. Wo die Menschen ihre Energiereserven herholten schien unerklärlich, es handelte sich wirklich um einen Kraftakt. Auch „Ein Traum“ erhielt ein neues Gewand. Dadurch wirkte das Set stellenweise experimenteller als gewohnt. Längere instrumentale Passagen, ausgedehntere Übergänge und basslastige Arrangements sorgten zwar auch für eine neue Dynamik, aber jedoch gleichzeitig dafür, dass der Fluss des Konzerts immer wieder unterbrochen wurde. Umso mehr feierten die Zuschauenden das Finale, unter anderem mit „So oder so„, welches die gewohnte Portion an guter Laune und Mitsingmomenten garantierte.
Zum Sonnenuntergangsset stand für viele Besuchende eine schwierigste Entscheidung an und es galt sich zwischen dem DJ-Duo Drunken Masters und den Punklegenden The Offspring zu entscheiden. Immerhin lautete die Wahl nicht mehr zwischen Kraftklub und den Drunken Masters. In der ersten Ausgabe des Timetables drohte diese direkte Überschneidung, was bereits im Vorfeld für zahlreiche Diskussionen in Social Media gesorgt hatte. Umso größer war die Erleichterung, als das Hurricane auf die Stimmen aus der Community reagierte und die Zeitslots auf der Mountain Stage anpasste. Damit oblag am Ende Pennywise die Ehre die Bühne zu schließen. Die Drunken Masters nutzten ihre Chance das Kraftklub Publikum ebenfalls zu bedienen jedenfalls konsequent aus. Ohne großen Anlauf wurde die Bühne zur Eskalationszone erklärt und das Berliner Duo servierte einen Banger nach dem anderen. Lange Verschnaufpausen gab es nicht, stattdessen wurde von Beginn an auf den maximalen Partyfaktor gesetzt. Songs wie „Weltraum“, „Nachteule“ oder schlicht „Bier“ trafen exakt den Nerv des feierwütigen Publikums. Vor der Bühne wurde getanzt, gesprungen und jede Zeile mitgegrölt. Drunken Masters sind den Erwartungen mehr als gerecht geworden und haben die Bühne regelrecht abgerissen und sorgten damit für die größte Party im klassischen Sinne.
Auf den großen Bühnen übernahmen anschließend Yungblud und Kraftklub die Aufgabe, den ersten Festivaltag gebührend in Richtung Finale zu führen. Der Brite entwickelte eine unvergleichliche Energie, die kaum in Worte zu fassen war und die sich vom ersten Moment an auf das Publikum übertrug. Er hat ohne Halten durchgepowert und das Publikum angesteckt. Was war das bitte für eine Show! Kaum ein Künstler schafft es derzeit, eine derart intensive Verbindung zu seinen Fans aufzubauen und dabei gleichzeitig den kompletten Bühnenraum auszufüllen. Die deutschen Meister dieses Faches Kraftklub lösten Yungblud nahtlos ab. Dabei präsentierten sie sich gewohnt souverän und lieferten genau die Mischung aus Festivalhymnen, Haltung und Selbstironie, die ihre Auftritte seit Jahren auszeichnet. Die Chemnitzer verwandelten die Massen des Infields mühelos in einen einzigen großen Chor, in dem das Wir-Gefühl einfach so entsteht und jeden unbegrenzt fühlen lässt. Zusammen sorgten die Headliner dafür, dass das Hurricane Festival sein 30-jähriges Jubiläum bereits am ersten Abend verdient feiern konnte. Den Abschlusspunkt auf der River Stage setzten Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys, welche mit fulminanten Feuerwerk das Publikum in eine etwas abgekühlte Nacht entließen.
Der Freitag bewies bereits eindrucksvoll, warum das Hurricane Festival seit 30 Jahren zu den festen Größen der deutschen Festival-Landschaft zählt. Trotz sengender Hitze lieferten Artists und Publikum gleichermaßen Höchstleistungen ab und verwandelten den Eichenring in eine einzige große Geburtstagsfeier. Somit erlebten alle Beteiligte einen gelungenen Auftakt, der Lust auf mehr machte und die Messlatte für das restliche Wochenende bereits enorm hoch legte.
Fotocredit: Jan Sebastian Tegelkamp