Gidon Carmel und Kyle Morton haben ein Album gemacht, das man nicht „nebenbei“ hören kann – und das genau so auch nicht gemeint ist. „JOKA“ erzählt die Lebensgeschichte von Carmels Großmutter, die Deportation nach Auschwitz, das Überleben, die Jahre danach in Israel bis zu ihrem Tod 1978 – und übersetzt sie in elf Songs, die sich hartnäckig gegen jede Routine des Gedenkens stemmen. Ausgangspunkt war eine Kiste mit Briefen, die Carmel 2018 im Keller seiner Eltern fand. Aus diesen Fragmenten, ergänzt durch Dokumente, Fotos, Gespräche mit Verwandten und die Memoiren seiner Urgroßmutter Gitta, ist über drei Jahre hinweg ein Erinnerungsprojekt entstanden, das sich weigert, die Shoah auf Zahlen, Symbole oder moralische Schlagworte zu reduzieren.
Musikalisch ist „JOKA“ eine konsequente Gemeinschaftsarbeit zweier sehr unterschiedlicher, aber ideal ergänzender künstlerischer Handschriften. Der in Israel geborene, seit vielen Jahren in Berlin lebende Schlagzeuger, Songwriter und Produzent Gidon Carmel – sonst u.a. bei Lucy Kruger & The Lost Boys oder Flora Falls aktiv – bringt eine enorme Sensibilität für Dynamik, Textur und Raum ein: Songs atmen, verschieben sich, wachsen aus kleinen Gesten heraus. Kyle Morton, Kopf der US-Band Typhoon, steuert seine Erfahrung mit orchestralen Arrangements, literarischem Songwriting und einer fast schon essayistischen Erzählweise bei. Was als Produktionssupport begann, wird zur echten Co-Autorenschaft: Morton, dessen Typhoon-Album „Offerings“ selbst eine Meditation über Erinnerung ist, entwickelt nach und nach so etwas wie eigene „Erinnerungen“ an Joka. Zwischen Berlin und Portland entsteht so ein Songzyklus, der dokumentarische Tiefe mit einer klaren künstlerischen Handschrift verbindet.
Zwischen Trost und Zynismus
Die bereits veröffentlichte Doppelsingle „Prelude / Stranger on a Train – 1944“ markiert den Einstieg in diesen Kosmos. „Prelude“ ist ein leiser, existenzieller Auftakt, in dem Carmel seiner Großmutter eine einfache, aber brutale Frage stellt: Wie kann ich zu dir sprechen, wenn du nicht da bist? Die Antwort „Don’t worry, we’ll get back to it“ wird zum Refrain des gesamten Albums, taucht immer wieder auf, in anderen Kontexten, mit verschobenen Bedeutungen – ein Versprechen, ein Trost, später auch ein Zynismus. „Stranger on a Train – 1944“ verortet die Geschichte konkret: Gyula, Ungarn. Eltern, die ihren Kindern auf dem Weg in die Deportation Mut zusprechen. Der Satz „Don’t worry, we’ll get back to it“ klingt hier wie eine verzweifelte Geste von Hoffnung – bis dieselben Worte aus dem Mund eines Soldaten kommen und in reine Drohung kippen. Genau diese Ambivalenz zieht sich durch „JOKA“: Sprache, die tröstet, kann im nächsten Moment töten.
Das Album erzählt Jokas Geschichte in wechselnden Perspektiven: „Robi the Brother – 1944“ verdichtet den Tod des Bruders in Auschwitz zu einem zwischen Gebet und Chaos oszillierenden Stück, „Osha the Camp Guard – 1944“ beleuchtet die ambivalente Figur eines deutschen Arztes, der Joka und ihre Mutter rettet und doch Teil des Systems bleibt. „Gitta the Mother – 1945“, gesungen von Lena Minder, zeigt Jokas Mutter zwischen historischem Abstand und unmittelbarem Angstpanik-Moment, während „Crematorium“ die erste, um Auschwitz kreisende Albumhälfte mit einem dunklen, abstrakten Schattenriss abschließt.
Ein Album für die Gegenwart
In der zweiten Hälfte rückt die Zeit danach in den Fokus: „Bundy the Husband – 1956“ zeichnet Carmels Großvater als Überlebenden, der sein Familienleben als Antwort auf den Vernichtungsversuch versteht, „Aggi the Friend – 1970“ widmet sich der zweiten Generation und ermutigt deren Kinder, für die Toten zu leben statt selbst zum Denkmal zu werden. Am eindringlichsten geraten „Robi the Son – 1978“, aufgebaut wie ein imaginäres Telefonat zwischen Joka und ihrem Sohn, und „Gidon the Grandson – 2022“, in dem Carmel für seinen Sohn, seine Großmutter und sich selbst schreibt – und „JOKA“ klar als Album der Gegenwart markiert, nicht nur als Blick zurück.
Konzeptionell bleibt „JOKA“ konsequent. Carmel und Morton verstehen das Album ausdrücklich als Antikriegsalbum – gegen Rassismus, ethnonationalistische Ideologien und Völkermord, und ebenso gegen die politische Instrumentalisierung der Shoah: als Schutzschild für aktuelle Gewalt oder als moralisches Feigenblatt. In ihren ersten Gesprächen 2022 waren beide irritiert davon, wie Holocaust-Erinnerung in Israel und den USA genutzt wird – in Israel, um Gewalt gegen Palästinenser zu legitimieren; in den USA, um die eigene historische Verantwortung zu relativieren. „JOKA“ insistiert dagegen auf der Komplexität menschlichen Handelns in Katastrophenzeiten: keine reinen Helden, keine reinen Monster, sondern Menschen, die Entscheidungen treffen – mit Konsequenzen. Dass das Album nicht auf Spotify erscheint und ein Teil der Einnahmen an PCRF und Standing Together geht, ist dabei mehr als Symbolik; es ist ein Versuch, Haltung in Struktur zu übersetzen.
Musikalisch bewegt sich „JOKA“ zwischen Kammerpop, Folk, orchestraler Indie-Textur und experimentellen Klangflächen. Man hört Mortons Typhoon-Erfahrung in den Arrangements, Carmels Sinn für Raum und Nachhall in der Produktion. Es ist eine Platte, die an vielen Stellen eher wie ein Hörstück wirkt, ohne ihre Songhaftigkeit zu verlieren. Dass die LP ein 16-seitiges Booklet mit den Memoiren von Gitta enthält – bislang unveröffentlicht – unterstreicht, wie sehr hier Ton und Text zusammengehören: Als Hörer:in sitzt man buchstäblich zwischen Musik und Quelle.
Ich verzichte an dieser Stelle bewusst auf Punktbewertungen und auch auf unsere sonst üblichen Kategorien wie „Spaß beim Hören“ oder „Qualität der Musik“. Eine solche Skala würde diesem Werk für mein Empfinden nicht gerecht, weil sie Erfahrungen quantifizieren müsste, die sich seiner Natur nach entziehen: „JOKA“ bewegt sich für mich im Spannungsfeld von Erinnerung, Trauma und Verantwortung – Bereiche, die sich nicht in Zahlen oder Rankings pressen lassen. Stattdessen soll dieser Text der Rahmen sein, in dem ich meine Begegnung mit diesem Album einordne.
Fotocredit: Albumcover