Schon wenn ich zu Hause ins Auto steige und die ersten Kilometer auf der Autobahn hinter mir lasse, kreisen meine Gedanken nur noch um die Tage, die vor mir liegen. Natürlich freue ich mich auf die Bands, auf das Gelände und auf dieses ganz eigene Summer-Breeze-Gefühl. Vor allem freue ich mich aber auf die Menschen, die dort auf mich warten.
Vor vier Jahren wurde ich von einer Gruppe mehr oder weniger adoptiert. Inzwischen ist daraus eine selbst gewählte Familie geworden, wobei streng genommen vermutlich eher sie mich ausgesucht hat. Wir sehen uns in genau dieser Konstellation nur einmal im Jahr auf dem Summer Breeze. Trotzdem müssen wir bei unserem Wiedersehen keine zwölf Monate aufholen. Sobald wir wieder zusammensitzen, machen wir einfach dort weiter, wo wir aufgehört haben. Es fühlt sich nicht an, als hätte ein ganzes Jahr zwischen uns gelegen, sondern eher so, als hätten wir uns gestern Abend verabschiedet und würden unser Gespräch heute fortsetzen.
Auch das Festival selbst ist inzwischen vertraut. Man kennt die Wege, weiß ungefähr, wo man wen wiedertrifft, und hat schon beim ersten Gang über das Gelände das Gefühl, wieder mittendrin zu sein. Das Line-up fühlte sich in diesem Jahr bereits auf dem Papier besonders rund an. Große Namen waren genauso vertreten wie Bands, die ich bisher nur vom Namen kannte oder zum ersten Mal live erleben wollte. Nachdem ich seit rund 15 Jahren auf Festivals unterwegs bin und die meisten großen Headliner irgendwann mindestens einmal gesehen habe, zieht es mich längst nicht mehr automatisch vor jede Hauptbühne. Oft sind es gerade die kleineren Bühnen, auf denen ich die Auftritte entdecke, über die ich später am meisten spreche.
Mittwoch: Zwischen Staub, Abendlicht und neuen Entdeckungen
Musikalisch starteten wir an der Wera Tool Rebel Stage mit Persecutor ins Summer Breeze. Von einem vorsichtigen Warmwerden hielt die dänische Band allerdings wenig. Kaum jagten die ersten schnellen Thrash-Riffs über den Platz, öffnete sich vor der Bühne bereits ein Moshpit. Der trockene Boden verwandelte sich in die erste Staubwolke des Festivals, während zwischen treibenden Drums und eingängigen Gitarrenmelodien überall die Köpfe in Bewegung gerieten. Die Sonne brannte schon ordentlich auf das Infield, aber Persecutor lieferten genau die Energie, die es brauchte, um vom Wiedersehensmodus endgültig in den Festivalmodus umzuschalten.
Der Wechsel zur King Nugget Gang fühlte sich anschließend fast so an, als hätte jemand mitten im Programm den Sender gewechselt. Statt Thrash Metal gab es nun druckvolle Beats, deutschen Sprechgesang, viel Fast Food und noch mehr Selbstironie. Die Gang bezeichnet ihren Stil selbst als Fastfood-Trap und spätestens live wurde klar, dass man das Ganze nicht zu ernst nehmen sollte. Vor der Bühne entstand keine klassische Metalwand, sondern eine herrlich schräge Party. Während vorne gehüpft und getanzt wurde, flogen weiter hinten die Arme in die Luft. Wer die Texte kannte, brüllte sie zurück, wer sie nicht kannte, hatte trotzdem schnell ein Grinsen im Gesicht. Zwischen den Songs wurde mindestens genauso viel gelacht wie gejubelt. Für einen Moment war völlig egal, ob das gerade ein Rapkonzert, eine Metalshow oder eine gemeinschaftliche Ode an Nuggets war. Es machte einfach Spaß.

Wer sich gerade noch über Fast-Food-Zeilen amüsiert hatte, bekam wenig später bei The Narrator den deutlich härteren Gegenentwurf. Die Essener verbinden modernen Metalcore mit schweren Breakdowns, aggressiven Vocals und melodischen Momenten, die den Songs trotz aller Härte etwas Eingängiges geben. An der T-Stage war inzwischen spürbar mehr los. Mit den ersten tiefen Gitarren ging ein Ruck durch die Menge, vorne öffnete sich der nächste Pit und selbst die Hitze schien für ein paar Songs keine Rolle mehr zu spielen. The Narrator brauchten keine lange Anlaufzeit, um das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Wo eben noch ausgelassen getanzt wurde, flogen jetzt wieder Haare, Köpfe und vereinzelt ganze Körper durch die Luft.
Wenn plötzlich alle nach oben schauen
Noch bevor der Abend langsam in Richtung In Flames ging, passierte allerdings etwas, das selbst Airbourne für einen Moment die Show stehlen dürfte. Gegen 19:20 Uhr begann sich der Mond langsam vor die Sonne zu schieben und zwischen all den nach oben gereckten Fäusten wanderten plötzlich immer mehr Blicke in Richtung Himmel.
Dabei machten es Airbourne einem eigentlich schwer genug, die Augen von der Bühne zu nehmen. Die Australier stehen für schnörkellosen, dreckigen Hard Rock, der vor allem live von seiner unbändigen Energie lebt. Vor der Bühne wurde gebangt, gesprungen und gefeiert – und trotzdem griffen zwischendurch immer mehr Menschen zur Sonnenfinsternisbrille.
Gerade diese Gleichzeitigkeit machte den Auftritt so besonders. Für eine Weile liefen zwei Shows parallel, ohne dass eine der anderen etwas wegnahm. Airbourne lieferten unten die Energie, während sich über ihnen ganz langsam das Licht des Abends veränderte. Die Sonnenfinsternis begleitete uns noch bis zum Sonnenuntergang – und sorgte damit für eine Kulisse, die keine noch so aufwendige Bühnenproduktion hätte planen können.
Als es später zurück zur Wera Tool Rebel Stage ging, wurde die Musik mit Urne deutlich schwerer. Das britische Trio bewegt sich irgendwo zwischen Sludge, Doom, Metalcore und progressivem Heavy Metal. Statt eines Songs, der sofort nach vorne prescht, bauen sie dichte Klangwände auf, die sich langsam entfalten und dabei immer mehr Gewicht entwickeln. Das Publikum reagierte entsprechend anders als zuvor. Natürlich wurde auch hier gebangt, aber viele standen einfach da, nickten im Takt und ließen sich von dieser düsteren Wucht einnehmen. Die Gitarren wirkten beinahe so, als würden sie die ohnehin schwere, warme Luft noch ein Stück weiter nach unten drücken.
Eigentlich hätte ich Urne gerne bis zum Ende gesehen. Irgendwann wanderte mein Blick aber doch immer häufiger in Richtung Uhr, denn parallel begannen In Flames. Ärgerlich war es trotzdem, denn genau solche Überschneidungen treffen fast immer zwei Bands, die man beide vollständig sehen möchte.
So gerne ich inzwischen kleinere Acts entdecke und große Namen auch einmal bewusst auslasse, bei In Flames funktioniert das für mich nur bedingt. Die Schweden gehören zu den Bands, die ich bereits mehrmals gesehen habe und bei denen es mich trotzdem immer wieder vor die Bühne zieht. Ihr melodischer Death Metal verbindet aggressive Vocals und harte Riffs mit Gitarrenmelodien, die oft schon nach wenigen Takten wiedererkennbar sind. Genau diese Mischung hat den sogenannten Göteborg-Sound entscheidend geprägt.
Kurz vor In Flames’ Headliner-Auftritt sorgte das SUMMER BREEZE mit einer großen Ankündigung für Begeisterung: 63 Bands sind bereits für das 30. Jubiläumsjahr 2027 bestätigt.
Ein besonderes Highlight wird dabei SUMMER BREEZE LEGENDS & ORCHESTRA. Eine All-Star-Band, das 40-köpfige Orchester der Philharmonie Leipzig und zahlreiche Gaststars werden unter der Leitung von Chris Harms und Corvin Bahn über zweieinhalb Stunden lang große Metal-Klassiker auf die Main Stage bringen – eine besondere Hommage an 30 Jahre SUMMER BREEZE.
Als ich vor der Bühne ankam, ging der Tag langsam in den Abend über. Die Sonnenfinsternis legte noch immer eine besondere Atmosphäre über das Gelände und gleichzeitig begannen die Scheinwerfer der Bühne immer stärker zu wirken. Genau in solchen Momenten entfalten In Flames für mich dieses besondere Feeling. Die Songs sind vertraut, viele im Publikum kennen jede Melodie und trotzdem fühlt es sich nicht nach einer bloßen Wiederholung an. Vorne bewegte sich die Menge, weiter hinten gingen überall Arme nach oben, und zwischen den harten Passagen wurden die großen Melodien gemeinsam mitgetragen. Musik, Licht und die langsam hereinbrechende Dunkelheit griffen perfekt ineinander. Es war einer dieser Auftritte, bei denen ich wieder wusste, weshalb manche Bands auch nach dem fünften, zehnten oder vielleicht irgendwann zwanzigsten Mal nicht aus meinem Festivalplan verschwinden.
Danach hätte der naheliegende Weg eigentlich zur Hauptbühne geführt. Hatebreed stehen seit Jahrzehnten für eine Mischung aus Hardcore und Metal, die ohne Umwege nach vorne geht. Harte Breakdowns, kurze Ansagen und Songs, die geradezu dafür gebaut sind, dass sich vor der Bühne große Moshpits öffnen. Wer nach In Flames noch genug Energie hatte und sich den Rest davon aus dem Körper schieben wollte, war dort mit Sicherheit richtig.
Mich zog es stattdessen zurück zur T-Stage. Eivør war für mich eine dieser Künstlerinnen, die ich unbedingt einmal live erleben wollte. Die färöische Sängerin lässt sich ohnehin nur schwer in eine einzelne Schublade stecken. In ihrer Musik treffen nordische Folklore, elektronische Flächen und atmosphärischer Pop auf traditionelle färöische Gesänge. Dazu kommt eine Stimme, die innerhalb weniger Sekunden von glasklar und zerbrechlich zu tief, rau und beinahe archaisch wechseln kann. Sie ist keine klassische Folk-Metal-Künstlerin, passt mit dieser Intensität aber trotzdem erstaunlich gut auf ein Metalfestival.
Der Kontrast zu Hatebreed hätte kaum größer sein können. Während von der Hauptbühne noch die dumpfen Schläge des Hardcore-Sets über das Gelände drückten, wurde es vor Eivør auf eine ganz andere Art intensiv. Das Publikum stand dicht beieinander, aber statt auf den nächsten Breakdown zu warten, hörten viele einfach nur gebannt zu. Ihre Stimme legte sich über die T-Stage, mal ruhig und klar, dann wieder kraftvoll und fast ursprünglich. Nach einem Tag voller Thrash, Metalcore, Moshpits und Staub fühlte sich dieser Auftritt an, als würde die Zeit für einen Moment langsamer laufen.

Ich war komplett fasziniert. Nicht nur von ihrer Stimme, sondern davon, wie mühelos sie eine Atmosphäre schuf, die sich von allem unterschied, was ich an diesem Tag gesehen hatte. Es brauchte keine riesige Show und kein dauerhaft tobendes Publikum. Die Spannung entstand gerade daraus, dass plötzlich so viele Menschen stillstanden und sich auf diese Musik einließen. Für mich war Eivør deshalb nicht einfach die Alternative zu Hatebreed, sondern eine der besten Entscheidungen des Tages.
Danach war mein Akku allerdings endgültig leer. Ich machte mich auf den Rückweg und fiel irgendwann nur noch ins Bett. Während auf dem Gelände die letzte Band des Abends spielte, trug der Wind die Musik noch bis zu mir herüber. Ich musste nicht mehr vor der Bühne stehen, um sie zu genießen. Es reichte vollkommen, im Dunkeln zu liegen, den entfernten Klang zu hören und zu wissen, dass wir wieder da waren.
Der erste Festivaltag hatte damit eigentlich alles geliefert, was ich mir vom Summer Breeze wünsche: vertraute Menschen, neue Entdeckungen, eine Band, die auch nach vielen gemeinsamen Jahren noch immer funktioniert, und einen Abschluss, mit dem ich so nicht gerechnet hatte.
Fotocredit: Lara Kramer
Review: Hannah Lea Fritz