Mit „Klepto“ schlagen Muff Potter ein weiteres Kapitel ihrer Bandgeschichte auf – musikalisch vielseitig, gesellschaftlich aufmerksam und ohne den Anspruch, jede Unebenheit glattzubügeln. Post-Punk, Alternative Rock, elektronische Einflüsse und unerwartete Referenzen treffen auf Texte, die zwischen Mehrdeutigkeit und klarer Haltung ihren eigenen Weg suchen. Wir haben mit Thorsten von Muff Potter über die Entstehung und den Titel von „Klepto“ gesprochen, über die Grenze zwischen Inspiration und musikalischem „Klauen“ und darüber, warum eine Band im Studio ruhig auch nach echten Menschen klingen darf. Außerdem geht es um gesellschaftliche Entwicklungen, die Sorgen hinter einigen der neuen Songs und die Frage, was Muff Potter auch nach all den Jahren musikalisch noch überraschen kann. Und zum Schluss wird es etwas absurder: unbegrenztes Festivalbudget, wiedervereinte The Smiths, The Beatles mit ganz besonderen Vertragsbedingungen und The Weakerthans vor 300.000 Menschen.
Frontstage Magazine: Auf „Klepto“ spielt ihr viel mit Gegensätzen und lasst bewusst Raum für unterschiedliche Interpretationen. Gleichzeitig sagt ihr, dass es manchmal auch einen klaren Satz braucht. Wie findet ihr beim Schreiben die Balance zwischen Mehrdeutigkeit und einer klaren Haltung?
Thorsten: Ich finde es eigentlich super, ganz direkt und eindeutig zu sein. Allerdings ist es auch so, dass sich solche Dinge natürlich relativ schnell abnutzen. Und wenn man dann 30 eindeutige Aussagen oder Parolen aneinandergereiht hat, lässt die Wirkung jedes einzelnen Satzes natürlich umso schneller nach, weil sich das ja gegenseitig irgendwie aufhebt. Die ideale Ausgangssituation ist eigentlich die, dass man einen starken Satz hat, also etwas das gut klingt, eine gute Aussage hat und einfach, aber auch gewitzt formuliert ist. Der restliche Text wird dann so aufgebaut, dass er auf diesen zentralen Kern zusteuert. Ich finde immer, dass das ein bisschen so wie beim Essen ist: Ich stopfe zuerst die Kartoffeln in mich rein und freue mich dann auf das kleine Stückchen Lachs. Wenn ich aber 2 Kilo Lachs auf dem Teller habe, ist das ja irgendwie uninteressant.
Frontstage Magazine: Der Albumtitel „Klepto“ entstand zunächst, weil euch das Wort einfach gefallen hat. Später wurde daraus die Idee, musikalische und kulturelle Einflüsse aufzugreifen und weiterzuverarbeiten. Wo liegt für euch die Grenze zwischen Inspiration und „Klauen“ – und wo habt ihr euch auf dem neuen Album vielleicht ganz bewusst bei anderen bedient?
Thorsten: Von irgendwas inspiriert zu sein, finde ich immer super, weil es einfach beflügelt und auch erstmal eine Richtung vorgeben kann. Ich mag es auch, wenn die Leute merken und einen auch darauf ansprechen, dass man bei diesem oder jenem Song vielleicht gerade eine intensive CURE-Phase hatte, oder was auch immer. Klauen dagegen ist ja was anders. Da nimmt man sich etwas, das einem nicht gehört und hofft, dass es keiner merkt. Also die Heimlichkeit ist ja der Unterschied zwischen Diebstahl und Zitat. Insofern ist KLEPTO natürlich etwas schief gewählt. Klingt aber deutlich besser als ZITIERO, und das ist ja auch nicht unwichtig. Und ja, wir haben uns teilweise natürlich bei anderen bedient. Der Anfang von „Ein starkes Stück“, ist ja eigentlich dieses Gitarrentremolo-Ding von „How soon is now“ von den Smiths. Auch den Beat haben wir im Grunde übernommen. Das Schlagzeug-Ende zitiert dann übrigens dieses Drumfill aus „In the Air tonight“. Und eine Gitarrenlinie klingt sehr nach „Norwegian Wood“, was wir allerdings selbst erst später gemerkt haben. Textlich haben wir unter anderem auf GRAUZONE und THOMAS GSELLA zurückgegriffen. Solche Sachen ziehen sich eigentlich durch das ganze Album, mal mehr, mal weniger prominent eingesetzt. Die Snare in den Refrains von „Freaks&Geeks&Spinner“ haben wir uns z.B. von „Our Darkness“ von ANNE CLARK ausgeliehen. Andererseits ist im Proberaum ein Stück entstanden, das fast exakt wie „Planet of Sound“ von den PIXIES klingt. Das war uns dann doch etwas zu viel des Guten, eine Coverplatte sollte es ja nun nicht werden.
Frontstage Magazine: Musikalisch ist „Klepto“ ziemlich vielseitig geworden: Post-Punk, aggressive Gitarren und ruhigere Passagen treffen auf elektronische Elemente und sogar Rave-Einflüsse. Gab es während der Aufnahmen einen Moment, bei dem ihr euch gefragt habt: „Ist das eigentlich noch Muff Potter?“ Und was muss ein Song haben, damit er sich für euch eindeutig nach Muff Potter anfühlt?
Thorsten: Wir wissen schon genau, dass es Muff Potter ist, wenn uns im Proberaum etwas anschockt und wir sozusagen begeistert und überrascht von dem sind, was wir da gerade tun. Das sind immer besondere Momente aber es gibt auch viele Proben, wo einfach gar nichts passiert und man einfach alte Songs übt und froh ist, wenn Feierabend ist. Aber diese besonderen Momente oder Geistesblitze oder was auch immer, festzuhalten, sich darin festzukrallen und etwas draus zu machen, das ist glaube ich das, was uns ausmacht.
Frontstage Magazine: Einen großen Teil des Albums habt ihr gemeinsam live im Studio eingespielt und kleinere Ecken und Kanten bewusst stehen lassen. In einer Zeit, in der sich im Studio nahezu alles perfektionieren lässt: Wie wichtig ist euch dieses Unperfekte für den Charakter von Muff Potter?
Thorsten: In einer Zeit, in der sich mit ziemlich einfachen Mitteln so ziemlich alles glattbügeln lässt und sich übrigens auch die Ohren von Musikhörern darauf eingestellt haben, hat das natürlich seinen eigenen Reiz. Wobei ich das Wort „unperfekt“ eigentlich nicht ganz passend finde. Sowas wie „natürlich“ passt besser. Kleines Beispiel: Uns ist während des Mixes aufgefallen, dass der Gesang irgendwie komisch klingt, konnten aber nicht festmachen, woran das lag. Irgendwann haben wir dann herausgefunden, dass alle Atemgeräusche, also z.B. der Einatmer, wenn zu einer neuen Songzeile angesetzt wird, aus der Aufnahme rausgefiltert wurden. Anscheinend eine völlig übliche Vorgehensweise und kein böser Wille unseres Mischers. Das haben wir aber rückgängig gemacht, weil es aus unserer Sicht einfach keinen künstlerischen oder technisch notwendigen Grund gibt, das zu tun. Dann fällt mir noch der erste Song des Albums ein. Hier spiele ich Rimshots auf der Snare, schlage also Rand und Fell der Trommel gleichzeitig an, was ein bisschen tricky ist. Wenn man darauf achtet, merkt man, dass die Schläge auch manchmal etwas unterschiedlich klingen, weil man, bzw. ich, die Trommel nie in exakt gleichem Winkel, mit exakt gleicher Intensität usw., trifft. Wir sind eine arbeitende Band, und das darf und soll man eben auch hören.
Frontstage Magazine: Auf „Klepto“ beschäftigt ihr euch auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen, Anpassungsdruck und einer zunehmenden Verhärtung. Wenn ihr das Album in zehn Jahren noch einmal hört: Würdet ihr euch wünschen, dass viele dieser Themen längst überholt sind – auch wenn die Platte dadurch vielleicht weniger aktuell wirkt?
Thorsten: Natürlich. Wenn man jetzt einfach mal die drei großen gegenwärtigen Themen nimmt, also Klima, Krieg und KI, dann wünscht sich glaube ich jeder von uns, dass KLEPTO innerhalb möglichst kurzer Zeit ein extrem alter Hut ist. Ich fürchte aber, dass dem nicht so sein wird. Und als Vater von zwei Söhnen mache ich mir wirklich ernsthaft Sorgen, wohin sich das alles entwickelt. Und auch gesellschaftlich würden wir uns wünschen, dass es wieder deutlich kuscheliger wird. Und vielleicht auch, dass wir uns in 10 Jahren wundern, was für eine düstere Platte wir da gemacht haben. Allerdings fürchte ich, dass uns das alles noch ziemlich lange begleiten wird. Die Bubbles in den sozialen Netzwerken zum Beispiel lösen sich ja nicht von selbst auf. Politisch gesehen bin ich jetzt mal wirklich gespannt, wie es mit der Linken in Berlin weitergeht. Wenn das funktioniert, könnte das wirklich ein Leuchtturmprojekt sein, das auf den Rest der Republik ausstrahlt.
Frontstage Magazine: Zum Abschluss etwas völlig anderes: Ihr dürft für einen Tag euer eigenes Festival veranstalten – unbegrenztes Budget und ihr könnt jeden Act buchen, egal ob die Künstler*innen noch leben oder nicht. Welche drei Acts müssen unbedingt ins Line-up – und wer bekommt den Headliner-Slot?
Als erstes würde ich die SMITHS einladen, die sich mittlerweile wieder vertragen hätten. Dann die BEATLES, die mir aber vertraglich zusichern müssten, dass ich bei „I am the Walrus“ als Gastsänger auf die Bühne dürfte. Ebenso müsste aber auch vertraglich festgehalten werden, dass „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ nicht gespielt werden darf. Als Headliner folgen dann die WEAKERTHANS. Da es sich hier ja um eine Veranstaltung mit roundabout 300.000 Zuschauern handelt, bekommt diese Band endlich mal die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die sie schon lange verdient hat.
Fotocredit: Andreas Hornoff