Nach fast einem Jahrzehnt ohne neues Studioalbum sind Deadlock zurück. Mit der Single „Persephone Is Dead“ hat die deutsche Metal-Institution nicht nur ihr Comeback eingeläutet, sondern zugleich den ersten Vorboten auf das für 2027 angekündigte zehnte Studioalbum veröffentlicht. Gleichzeitig feiert die Band im kommenden Jahr ihr 30-jähriges Bestehen – ein Meilenstein, der perfekt zu diesem neuen Kapitel passt. Mit Gründungsmitglied Sebastian Reichl, der zurückgekehrten Sabine Scherer und den Neuzugängen Dave Grunewald (ehemals Annisokay), Maximilian Tofelde, Stefan Kronzucker und Alexander Finzl präsentiert sich Deadlock in neuer Besetzung, ohne dabei die eigenen Wurzeln aus den Augen zu verlieren. Im Gespräch mit uns dem Frontstage Magazine spricht Sänger Dave Grunewald über die Entstehung des Comebacks, die neue Dynamik innerhalb der Band, die Entwicklung des Metalcore-Genres und erklärt, warum Deadlock für ihn heute kein klassisches Comeback, sondern vielmehr ein „Reboot“ sind.
Frontstage Magazine: Nach fast zehn Jahren ohne neues Album seid ihr jetzt mit „Persephone Is Dead“ zurück. Gab es einen bestimmten Moment, an dem euch klar wurde: Jetzt ist die Zeit für ein Deadlock-Comeback?
Dave: Aus meiner Sicht gab es gar nicht diesen einen Moment, an dem wir gesagt haben: Okay, jetzt ist Zeit für ein Deadlock Comeback. Basti und Sabine haben 2024 nach vielen Jahren den Song „Blackest Black“ veröffentlicht. Ich habe ihnen damals einfach geschrieben und gratuliert, weil ich schon seit meinen frühen Metalcore-Tagen großer Deadlock-Fan bin. Ein paar Tage später habe ich dann ganz unkompliziert gefragt: „Ihr seid gerade zu zweit. Hättet ihr Bock, mal miteinander zu sprechen?“ So kam eins zum anderen.
Dave: Parallel dazu sind auch Fimmi, also Stephan, und Alex auf die beiden zugegangen. Und am Ende habe ich noch Max mit ins Boot geholt, mit dem ich ja schon viele Jahre Musik gemacht habe. So hat sich die Band nach und nach ganz organisch zusammengefunden. Irgendwann haben wir gemerkt: Das könnte richtig gut werden. Dann haben wir gesagt: Okay, lass es uns ausprobieren.
Frontstage Magazine: Eine so lange Pause verändert Menschen und Musiker*innen gleichermaßen. Was hat sich bei euch persönlich und musikalisch seit „Hybris“ (2016) am stärksten verändert?
Dave: Aus meiner persönlichen Sicht hat sich vor allem meine Einstellung zur Musik komplett verändert. Ich bin 2019 bei Annisokay ausgestiegen und hatte danach ehrlich gesagt überhaupt keine Lust mehr, in einer Band Musik zu machen. Über die Jahre ist sogar mein eigenes Musik-Fandom ziemlich verloren gegangen. Ich war kaum noch auf Konzerten. Klar, Corona hat seinen Teil dazu beigetragen, aber auch unabhängig davon war diese Leidenschaft einfach weg. Einen Wendepunkt gab es dann im August 2024. Ich war auf der Gamescom in Köln und an einem Abend hat Walls Of Jericho irgendwo in NRW gespielt und ich bin hingefahren. Dieses Gefühl dort hat mich total an früher erinnert. Es hat wieder Spaß gemacht. Ich habe gemerkt, wie sehr mir das eigentlich gefehlt hat.
Dave: Kurz danach kam dann das Thema Deadlock auf. Da hatte ich das Gefühl, dass sich alles irgendwie zusammengefügt hat. Da war für mich klar: Let’s fucking go. Was den Rest der Band angeht, betrifft die Zeit seit „Hybris“ eigentlich vor allem Basti. Sabine war damals ja schon nicht mehr dabei. Es wurden zwar neue Songs angefangen, dann kam aber Corona und letztlich auch das Ende der damaligen Band. Irgendwann haben Basti und Sabine beschlossen, die alten Demos und Ideen noch einmal hervorzuholen. Und wie es von da aus weiterging, habe ich ja in der ersten Antwort schon erzählt.
Frontstage Magazine: Mit Dave Grunewald sowie weiteren neuen Mitgliedern hat sich die Besetzung deutlich verändert. Wie habt ihr den Spagat geschafft, den typischen Deadlock-Sound zu bewahren und gleichzeitig neue Einflüsse zuzulassen?
Dave: Ja, mit Dave Grunewald bin ich gemeint. Hallo Frontstage, ich bin derjenige, der euch hier gerade antwortet. (lacht) Was uns auszeichnet, ist einfach, dass wir als Team unglaublich gut zusammengewachsen sind. Bis auf Max kannte ich eigentlich niemanden wirklich persönlich. Basti und Sabine kannte ich nur flüchtig. Wir haben mit unseren Bands 2011 mal zwei gemeinsame Shows gespielt. Das war tatsächlich mein einziger direkter Berührungspunkt mit Deadlock. Ansonsten war ich „nur“ Fan. Ich höre die Band seit „Earth.Revolt“ regelmäßig. Viele kennen mich vielleicht noch von Annisokay. Fimmi, also Stephan Kronzucker, kommt von Necrophagist und ist für mich einer der beeindruckendsten Bassisten überhaupt. Und das sogar, obwohl er den Bass links herum spielt. Absolut verrückt. Ich habe riesigen Respekt vor ihm, genauso wie vor allen anderen in dieser Band. Das sind alles herausragende Musiker. Max habe ich selbst mit ins Boot geholt. Viele kennen ihn noch von Walking Dead on Broadway.
Dave: Wir haben über die Jahre viel zusammen erlebt, waren gemeinsam in Japan unterwegs und teilen bis heute die Leidenschaft für Wrestling und das Schreiben von Entrance-Themes. Alex wiederum kam über Fimmi dazu. Er spielte auch bei Ingrimm und hat sich sofort perfekt eingefügt. Ich kann wirklich sagen, dass ich alle in dieser Band sehr schätze. Es fühlt sich gerade genau richtig an. Was den Sound angeht, war Basti schon immer der wichtigste Architekt des klassischen Deadlock-Sounds. Gleichzeitig bringen jetzt alle ihre Ideen ins Songwriting ein. Genau das macht die neue Musik spannend. Natürlich greifen wir Elemente auf, die Deadlock immer ausgezeichnet haben. Mit Sabine haben wir außerdem eine Stimme, die untrennbar mit dieser Band verbunden ist. Trotzdem hört man, dass neue Einflüsse dazukommen. Wir wollen das Rad nicht neu erfinden und auch keinen kompletten Stilwechsel machen. Es soll ganz klar nach Deadlock klingen, nur eben mit einem Upgrade. Die Resonanz auf den ersten Song hat uns darin bestätigt. Wir glauben, dass uns eine richtig spannende Zukunft bevorsteht und dass sowohl langjährige Fans als auch neue Hörer an der neuen Musik ihren Spaß haben werden.
Frontstage Magazine: Deadlock haben den Modern-Metal- und Metalcore-Sound der 2000er-Jahre mitgeprägt. Wie blickt ihr heute auf diese Zeit zurück und wie empfindet ihr die Entwicklung des Genres in den vergangenen zehn Jahren?
Dave: Aus meiner persönlichen Perspektive kann ich das nur bedingt beurteilen. Während Deadlock nach 2016 eine ruhigere Phase hatte, war ich mit Annisokay voll beschäftigt. Danach habe ich mich, genau wie viele andere aus der Band, erst einmal anderen Dingen gewidmet. Familie, Beruf und das Leben außerhalb der Musik standen im Vordergrund. In den Gesprächen mit Basti und den anderen hat sich aber gezeigt, dass wir alle eine ähnliche Entwicklung durchgemacht haben. Viele von uns haben sich eine Zeit lang bewusst aus der Szene zurückgezogen.
Dave: In den letzten zwei Jahren habe ich dafür wieder eine Menge Musik nachgeholt. Es ist schön zu sehen, dass gerade viele Bands zurückkommen, die uns damals geprägt haben. Bands wie Bleeding Through oder Morning Again stehen wieder auf der Bühne. Poison The Well, die mich persönlich sehr beeinflusst haben, habe ich letztes Jahr endlich live gesehen. Das war großartig. Und dann gibt es moderne Bands wie Spiritbox. Als ich zum ersten Mal „Circle With Me“ gehört habe, hat mich das komplett umgehauen. Songwriting, Produktion und Atmosphäre sind einfach auf einem extrem hohen Niveau.
Dave: Viele der ganz großen Namen wie Architects, Bring Me The Horizon, Parkway Drive, The Plot In You oder Electric Callboy gab es zwar schon früher, aber sie haben in den letzten zehn Jahren noch einmal einen riesigen Schritt gemacht und das Genre einem viel größeren Publikum geöffnet. Wenn ich einen kleinen Kritikpunkt hätte, dann den, dass moderne Metalcore-Songs oft stärker auf einzelne Momente ausgelegt sind. Es gibt viele starke Parts, viele Breakdowns und große Hooks. Mir fehlen manchmal klassische Gitarrenriffs oder Soli, die sich richtig einprägen und Songs ihren eigenen Charakter geben. Das gehört für mich zum Metal dazu. Was uns als Deadlock außerdem wichtig ist, ist die inhaltliche Ebene. Wir möchten nicht nur gute Songs schreiben, sondern auch etwas zu sagen haben. Texte mit einer Botschaft waren für Deadlock schon immer wichtig. Das wollen wir auch in diesem neuen Kapitel der Band beibehalten und ausbauen.
Frontstage Magazine: Euer zehntes Studioalbum erscheint 2027 – ausgerechnet im Jahr eures 30-jährigen Bandjubiläums. War das bewusst so geplant oder hat sich dieser Zeitpunkt einfach ergeben?
Dave: Ich würde sagen: eine Mischung aus beidem.Als ich zur Band gekommen bin und wir angefangen haben, über die Zukunft zu sprechen, gab es eigentlich noch keinen großen Masterplan. Irgendwann ist mir dann aufgefallen: Moment mal, Deadlock wurde 1997 gegründet und 2027 steht direkt vor der Tür. Das ist doch das 30-jährige Jubiläum.
Dave: Das hatten Basti und Sabine selbst gar nicht auf dem Schirm. Ab dem Moment war aber klar, dass wir das natürlich in unser Storytelling einbauen. Gerade als wir mit Labels gesprochen haben, war das ein schöner Meilenstein. Einige Bands aus unserer Generation feiern in den nächsten Jahren ähnliche Jubiläen. Ende der 90er sind echt viele Metal- und Hardcore-Bands entstanden. Das war eine besondere Zeit. Geplant war das Ganze ursprünglich trotzdem nicht. Dass diese Besetzung überhaupt zusammengefunden hat, war eher ein glücklicher Zufall. So etwas kann man Jahre vorher nicht planen. Dazu kommt, dass wir Deadlock heute nicht hauptberuflich machen. Familie, Beruf und das normale Leben spielen eine große Rolle. Deshalb mussten wir den Zeitplan realistisch aufbauen. Dass das Album nun genau 2027 erscheint, passt für unseren Workflow perfekt und gleichzeitig natürlich auch zum Jubiläum. Am Ende hat es sich also ergeben und wir haben das Beste daraus gemacht.
Frontstage Magazine: Viele Fans haben vermutlich nicht mehr mit neuer Musik von Deadlock gerechnet. Wie habt ihr die ersten Reaktionen auf „Persephone Is Dead“ erlebt und hat euch das Feedback vielleicht sogar überrascht?
Dave: Zuallererst ist eine riesige Spannung von uns abgefallen. Im Hintergrund arbeiten wir ja schon seit dem Jahreswechsel 2024/2025 an diesem Projekt. Endlich konnten wir die Bombe platzen lassen. Hinter den Kulissen wussten Labels, Partner und einige wenige schon Bescheid. Aber für die meisten Menschen kam die Ankündigung völlig überraschend. Entsprechend aufregend war dieser Tag für uns.
Dave: Für mich persönlich war der Release unglaublich spannend. Da gehen einem tausend Fragen durch den Kopf: Wie reagieren die Leute auf Deadlock? Wie nehmen sie mich als neuen Sänger auf? Wie kommt der Song an? Wie kommt das Video an? Das war für mich besonders, weil ich das Konzept geschrieben und auch Regie geführt habe. Am Ende des Tages war das Fazit aber einfach überwältigend positiv. Die Fans haben die neuen Mitglieder offen aufgenommen. Auch mein persönliches Comeback wurde wahnsinnig positiv aufgenommen. Ehrlich gesagt hätte es kaum besser laufen können.
Dave: Natürlich hofft man auf so ein Feedback. Erwarten kann man es aber nicht. Gerade nach so vielen Jahren Pause weiß man nie, wie die Menschen reagieren. Deshalb bin ich bewusst ohne große Erwartungen an den Release herangegangen. Umso mehr freut es uns, dass wir mit Redfield Records einen Partner gefunden haben, der genauso denkt wie wir. Alles fühlt sich sehr familiär an, nicht nur innerhalb der Band, sondern auch mit allen Menschen, die um die Band herum arbeiten. Und das Schönste ist zu sehen, dass die Leute Spaß an dem Song haben. Deshalb möchte ich mich auch ganz herzlich bei allen bedanken: Danke, dass ihr Deadlock über all die Jahre nicht vergessen habt. Danke, dass ihr auch die einzelnen Mitglieder nicht vergessen habt. Und danke, dass ihr dieser neuen Besetzung so viel Offenheit und Zuspruch entgegenbringt. Das bedeutet uns wirklich sehr viel.
Frontstage Magazine: Wenn ihr auf die nächsten Jahre blickt: Wofür soll dieses neue Kapitel von Deadlock stehen – eher für eine Rückbesinnung auf eure Wurzeln oder für einen kompletten Neuanfang?
Dave: Wer mich kennt, weiß, dass ich ein riesiger Filmfan bin. Deshalb benutze ich dafür gerne einen Begriff aus der Filmwelt. Für mich ist das hier weder eine klassische Fortsetzung noch ein kompletter Neuanfang. Es ist ein Reboot. Wir behalten die Essenz dessen, was Deadlock immer ausgemacht hat, bringen aber neue Ideen, neue Persönlichkeiten und neue Einflüsse mit hinein. Genau das macht diese Besetzung aus. Wir sind vier neue Musiker mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und genau diese Vielfalt soll man auch hören.
Dave: Wir wollen keine Kopie der Vergangenheit sein. Natürlich soll sich ein langjähriger Deadlock-Fan sofort wiederfinden. Gleichzeitig möchten wir aber auch Menschen erreichen, die die Band vorher vielleicht gar nicht kannten. Sie sollen unsere Musik hören können, ohne erst die komplette Bandgeschichte kennen zu müssen. Genau das macht für mich einen guten Reboot aus. Wir haben starke Charaktere in der Band, die alle ihren Platz bekommen sollen, sowohl auf der Bühne als auch beim Songwriting. Das lassen wir bewusst zu. Außerdem sind wir heute an einem Punkt, an dem wir niemandem mehr etwas beweisen müssen. Jeder von uns hat über die Jahre viele Erfahrungen gesammelt. Heute sind wir in erster Linie sechs Freunde, die gemeinsam Musik machen wollen und diese Musik mit den Menschen teilen möchten.
Dave: Und mit dem Album 2027 soll diese Reise auch nicht enden. Wir haben große Lust, Deadlock langfristig weiterzuführen. Solange wir das Gefühl haben, dass wir musikalisch noch etwas zu sagen haben und solange die Menschen unsere Musik hören möchten, werden wir weitermachen.
Fotocredit: Marc Koerner